KATZE

Katze
Der Tag ist wie eine Katze,
die die Oberfläche eines Tisches verlässt
und fällt und fällt
und dreht und dreht sich
und landet zum Schluss wieder auf ihren Pfoten.

Katze
Die Nacht ist wie eine Katze
die sich zurück zieht
und aus der Ferne Dich beobachtet
als wärest Du ein Fremder…
und dann, plötzlich, mit einem Sprung
landet sie auf Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBENSZIELE

Der Weg ist zerknittert

Wie ein Blatt Papier, auf dem
Die Richtung einst gezeichnet stand –
Ungefähr.

Dennoch
Immer noch
Lesbar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRUNDEINSTELLUNG

Rassismus ist ein Filter
Kein Anschlag
Keine Gebärde
Kein Gerede, kein Gedanke
Keine Art zu lügen oder zu zanken
Keine bereits vollzogene Tat

Rassismus ist ein Filter
Ein Kamerafilter –
Alles Aufgenommene
Alles Angenommene
Alles Wahrgenommene
Ist von Vornherein verfärbt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUKUNFTSWEISEND

Fahrräder ohne Fahrradwege
Schulkinder ohne Schulwege
Kinder ohne Hortplätze
Ortsschulen ohne Plätze
für Erstklässler und Fünftklässler
aus dem Ort –
Wir wachsen und wachsen und wachsen
und schrumpfen und schrumpfen und schrumpfen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RAUM ZUM EMPFINDEN

Distanz ist die Illusion von Distanz
Nähe ist die Illusion von Nähe
Jede Beziehung ist subtil wie ein Tanz

Freundschaft. Blutsverwandtschaft. Ehe.
Mensch, Volk oder Staat als letzte Instanz.
Was ich sehe, ist nicht, was ich sähe.

Irgendwie reimt es anscheinend nie ganz;
Irgendwo doch, wenn tanzend ich mich umdrehe –
Dort, an der Grenze der Toleranz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHEN ÜBERALL

In Asien suchte ich Asiaten
In Arabien suchte ich Araber
In Europa suchte ich Europäer
In Amerika suchte ich Amerikaner
Und selbst in Afrika suchte ich Afrikaner

Und war beinahe irritiert
verwirrt
frustriert
Denn überall fand ich nur
Menschen.

Menschen Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS GEFÄRBT

Deine Farbe
entzieht sich meiner Fähigkeit,
Farbe Farbe einordnen zu können
denn Du bist nicht braun
und Du bist nicht schwarz
Du bist nicht beige
nicht grau, nicht grün
nicht dunkel, nicht hell
Du bist das, was ich ahne
bevor ich überhaupt an Farbe denke –
Und sobald ich anfange, an Farbe zu denken
verschwindest Du wieder.
Was bist Du?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KOMM ZURÜCK

Immer wenn ich gehen muss
und sehen muß
wie Euer jede Blick flehen muss

baut ihr mir Stück für Stück
aus aller Ferne den Weg zurück
nach Haus und Glück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTFREMDGESPRÄCHE

Bevor Du eine Fremdsprache lernst
halte inne und schau ein letztes Mal zurück
auf Dein altes Selbst
– denn nichts ist so lebendig
und so unwiderstehlich als die Macht einer Sprache
Dich unumkehrbar zu verändern –

Bevor Du anfängst, in einer Fremdsprache zu denken,
halte inne und schau ein letztes Mal
auf Deine alten Gedanken
– denn irgendwann ist die neue Sprache nicht mehr fremd
und Du wirst Dein altes Selbst nicht mehr kennen.

Bevor Du anfängst, mit den Worten einer Fremdsprache
Dein Innenleben auszuschreiben,
schreib es zuerst in Deiner jetzigen Sprache nieder –
denn die Fremdsprache wird Fremdes in Dir wecken
und Du wirst es nicht merken
denn die dazugehörige Sprache ist nun auch Deine geworden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung