AN SCHEINEND

Es ist sehr leicht
Die Missgunst der Mitmenschen zu erregen
Und darin war er gut – vielleicht
Weil ihm alles leicht schien, ja bestimmt deswegen
Denn es schien auf jeden Fall so
Als würde ihm alles leicht scheinen und sein
Warum sonst schien er immer froh
Zu sein, bräuchte niemanden und wäre auch glücklich allein
In seinem Echtsein wollen müssen nicht anders können
Und es deshalb jedem anderen auch gönnen?
Oder war das nur Schutzschild und Maskenspiel
Denn ihm fehlte in der Tat wirklich sehr viel
Wie kann denn jemand, der so wenig hat
Jedem alles gönnen, was selber alles ist, was er hat
Freiheit und Ehrlichkeit, auch wenn es weh tut
Mut tut gut, Mut tut gut, Mut tut –
Leider nicht jedem – angeblich gut.
Und so erntet er im Gegenzug
Für sein wohlwollendes Gönnen
Ironischerweise Mißgunst und Missgönnen –
Und darin war er erstaunlich gut.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MENSCH SEIN IST MENSCHSEIN TEILEN

Menschen leben
Um Menschen zu erleben
Und in dem gegenseitigen Erleben
Seiner Mitmenschen
Findet der Mensch
Die ergänzenden Menschenteile
Zu seinem Menschsein

Findet auch den Zugang zur Menschheit
In der geteilten Menschlichkeit
Und findet in dem Miterlebendürfen
Der Freude des Mitmenschen
An dem gemeinsamen Erleben des Menschseins
Auch selbst die Freude
Des Menschseins.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

Das ist alles, was ich sagen kann zu dem gestrigen Crowdfunding Seminar und zu dem Erlebendürfen von Reza und dem Kennenlernen auch von Doudou und Avdesh and Misha und Philipp.
Danke an Dorcas für die Einladung und an Social Impact Lab Frankfurt für die Organisation.
C.C.C. 29.06.19

VERSCHWEIGEN

Schweigen
Ein Gefäß, versprochen
Ohne Zeugen
Ungelesen, ungebrochen

Manche forschen
In alten Schriften
Manche in Pyramiden
In Ägypten

Abhörgeräte
Überall
In allen unseren Geräten
Auch im Weltall

Doch intimstes Wissen
Wurde nie niedergeschrieben
Tiefste Geheimnisse
Persönlich verblieben

Nur kurz aufgewühlt
Geschwind runtergekühlt
Und dann in Schweigen
Ewig eingehüllt.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WACHSCHEINEN

Schaum
Ich fasse in meine Gedankenwelt rein
Raum zum Rumschauen kaum

Schaumbaum
Ich schäume vor Sehnsucht und Traum
Und träume, ich wäre wach

Ich lange sehnend in mein Verlangen rein
Und muß lachen vor lauter Wachscheinen
Und Traumwein. Lachweinen.

Wenn die Gedanken Schaum sind
Ist der Geist im Traum blind?
Erwachsen geworden und kaum Kind mehr.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DRUM BESINNE DICH DES WESENTLICHEN

Mann kann nicht auf Verinnerlichung groß warten,
Es geht alles so schnell,
Das Leben.

Kaum hortest Du kurz in Deinen Händen Deine Karten,
Sind sie nicht mehr aktuell
Fürs Leben.

So schnell wie die Erlebnisse sich offenbarten,
Teils unwichtig, teils essenziell
Dem wahren Innenleben,

Ebenso schnell musstest Du Altes abhakend Neues stets starten,
Immer bleibend originell –
Und das war Dein Leben.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUF DER DURCHREISE

Es fällt mir schwer, offen zu bitten
Zu sagen, ich bin Einwanderer, bitte helft mir
Weil ich hilfsbedürftig bin, bitte akzeptiert mich
Denn ich wurde zurückgestoßen und bin leer
Aber nicht so leer, daß ich ohne Stolz bin
Weil ich voll bin mit der Frage nach meines Lebens Sinn.

Mit dem Stolz wandert die Scham einher
Wer will denn Träger einer gefallenen Kultur sein?
Wer will bemitleidet und geduldet werden?
Und geächtet, ausgewichen subtil und fein?
Aber zu stolz sein, es laut zu beklagen
Vor lauter Scham vor seines eigenen Volkes Versagen.

Wer klagt ist schwach; wer nicht klagt, wird geschwächt
Macht ist das Instrument der machtlosen Richter
Dankbarkeit fällt leicht, wenn es schwer ist
Und schwer wenn leicht, aber ich bin ein Dichter
Und anstatt zu sagen, daß ich Einwanderer bin
Sage ich ehrlich stolz, daß ich ein Wanderer bin.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WARTE NICHT AUF BEIFALL

Der ganze Tag
War hell mit Wunder überall
Doch Du warst auf der Suche
Nach Beifall

Die Merkwürdigkeit der Menschheit
Mit ihrem millionenfachen Sein –
Merktest Du es?
Nein.

Die vielen anscheinenden Zufälle
Die Dir das Leben täglich schenkt
Als möchte es, daß Du über
Seine versteckten Gesetze nachdenkst

Die paar leidenden Menschen
Die über Deinen Weg wanderten
Auch die warten auf etwas…
Doch wie viele geben es dem anderen?

Die Ichsucht, begriff ich
Verleitet zu Lebenszeitverschwendung
Je kleiner der Mensch
Desto größer seine Einbildung

Warte nicht auf Beifall
Nimm den Tag stattdessen
Er schenkt Dir Hochwertigeres
In all Deinen Erlebnissen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ALLEINREISENDE KINDER

In der wahren Freundschaft
Gibt es keine Oberflächlichkeit
Laß Dich nicht täuschen vom vielen Lachen
Worte tragen stets eine Mehrdeutigkeit
Hinter jedem Witz liegt ein Bekenntnis
Zu einem unausgesprochenen Freundschaftserkenntnis

Wie viele Freunde hast Du wirklich?
Wo das Vertrauen so groß ist
Daß Du tieferliegende Schutzmasken fallen lässt
Damit Deine Seele entblößt ist. –
Oder musst Du bei allen links und rechts
Dich schützen im allgegenwärtigen Gefecht?

Wie findet man einen echten Freund?
Wie finden Zugvögel ihren Weg durch das Nichts?
Wie findet die Nacht die Morgendämmerung?
Das Erdenleben ist wahrlich wie ein Gedicht –
Unzählige Dinge dicht zusammengepresst
Doch entschlüsseln mußt Du selbst den Rest.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GEGENSEITIGKEIT

Er hatte sich daran gewöhnt
Von ihr nicht begriffen zu werden
Und hatte langsam damit aufgehört
Sein Inneres Betreffendes ihr mit zuteilen –
Probiert es gar nicht mehr
Seine Erinnerung ist sein Herr.

Sie hatte sich daran gewöhnt
Des Nichtverstehens beschuldigt zu werden
Und hat sich darauf eingestellt
Sein nachdenkliches Schweigen als Antwort zu erhalten –
Hilflos und mit Liebe erfüllt
Schweigt sie auch, innerlich aufgewühlt.

Die Jahre kommen und gehen
Wie in unzähligen kleinen Ehen –
Ob wächst das gegenseitige Verstehen
Oder schrumpft es gar?
Es ist nicht mehr, was es war
Doch die Liebe ist unerklärlicherweise noch wahr
Die sie ohne Worte gegenseitig in ihren Augen sehen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DAS WAHRE STERBEN

Spürt der Gefallene seinen Fall?
Hört der Taubgewordene einen Widerhall?
Ist dem verirrten Vertriebenen im Tal
des Dunkels irgendwann alles egal?
Was geschah dem Drange, der einmal
zur Geburt trieb in den Weltenkreißsaal
auf der Suche nach dem Ewigen Gral?

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung