BAHNHOFSVIERTEL 1

Eine Wechselstube am Hauptbahnhof
Der bedrückend foulste Gestank trat ein
Alle Kunden drehten sich erschrocken um
Starrten irritiert murmelnd die Quelle an

Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase
Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase
Ein Araber drückte die Hand vor die Nase
Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase

Der Verursacher des üblen Gestanks
Holte etwas vom Schalter, ging wieder
Er war weder weiß noch asiatisch
Noch arabisch noch Schwarz

Er war obdachlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE STIMME

Der Wind stieg aus dem Meer empor
lief durch den Wald
erzählte dort wilde Geschichten
über das Meer -
Und ich sagte zum Wasser,
Sei nie wieder stimmlos.

Der Wind stürzte aus dem Wald heraus
lief brausend durch die Stadt
erzählte dort schräge Geschichten
über den Wald -
Und ich sagte zu Bäumen,
Seid nie wieder stimmlos.

Und ich schaute in den Spiegel
und sah den Schmerz in meinem Gesicht
und ich sagte zu mir
sei nie wieder stimmlos!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURTS ERSTER SCHNEE

Ich sah Frankfurt
intimer als je zuvor
Ich liebte sie sofort
obwohl ich dabei fror
in ihrem engen Brautkleid
in ihrer Freude, in ihrem Leid
lautlos leistend unseren Eid.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER WINTER KOMMT

Der Donner ist stumm wenn er kommt
Er schreit innerlich, schweigt winterlich
Der Gedanke blitzt rauf und runter
Der rauher Wind gähnt, kühl, und erwähnt
Eine lose Stimme im Herzen jault es auch
Geräuschlos hat sich die Welt verändert
Der Herbst zieht sie aus, der Winter kommt
Langsam. Alles braucht seine Zeit -
Blumen, Liebe, Wunden und die kalte Jahreszeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALS WÄREN SIE FREMDE

Als wären sie Fremde
blicke ich auf vier Menschen zurück,
unterschiedlich wie die vier Jahreszeiten -
jeder von meiner Vergangenheit ein Stück.

Einst kannte ich sie,
heute betrachte ich sie auf alten Bildern
und im Gedächtnis wie verstorbene Freunde -
anders kann ich das nicht schildern.

Wie die Zeit und die Welt
uns unmerklich doch sicher verändern -
Kinder wachsen, Freunde gehen,
wir finden Nähe in entfernten Ländern

und lernen leben als Fremde an deren Rändern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER FRÜHLING UND DER SPÄTLING

Der Frühling und der Spätling,
so wird ihnen oft berichtet,
sehen und fühlen sich ähnlich -
einer singt, was der andere dichtet.
Wo unterscheidet sich Gestalt vom Inhalt?
Der eine spiegelt, was der andere malt.
Das Herz bleibt gleich, ob jung oder alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEIN IST GROSS

Nicht große Dinge verletzen,
sondern kleine.
Nicht grobe Verrate perplexen,
sondern feine.
Vertraute, die über Dich schwätzen -
schmerzlicher als Steine.
Fremde, die Dich falsch einschätzen
und Du bist alleine.

Schmal ist der Pfad, eng die Tür,
eine Wunde der Fluss, der führt zu mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS MODERNE

Wie kann so viel Schönheit
so wenig Schönheit beinhalten?
Die schönsten Städte,
Häuser, Straßen, Plätze,
Kunst- und Architekturwerke,
toll verkleidete Menschen,
nett gestylte Lächeln.

Wie kann so viel Schönheit
So viel Wärme ausschalten?
So viel Armut enthalten?
So viel Einsamkeit kalt verwalten?
So viele Gesellschaftsschichten spalten?
Wie kann so viel Schönheit
so wenig Schönheit beinhalten?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS KOMMT DANACH?

Was kommt danach?
Wie sieht es aus?
Ich habe es vergessen.

Sicher gibt es Seen und Matten
und Berge und Bäume und Menschen -
Aber gibt es Palmen und Zypressen?

Wenn ich mich recht erinnere
gab es bei Durst Schönheit zum Trinken,
und bei Hunger Wahrheit zum Essen.

Ich seh einen Hain und eine Bank,
vage, unscharf, aber mich dünkt‘s,
ich habe dort schon mal gesessen.

Ich sehe auch das Gesicht
eines Menschen, er sitzt neben mir.
Aber wessen Gesicht ist das? Wessen?

Ein guter Freund, ich spüre es.
Von vor langer langer Zeit. So lange her,
ich kann es mit Verstand nicht messen.

Nur seelisch spüren. Ein Ort der Güte,
wo die Geister sich gegenseitig
nur Gutes aufs Gemüt pressen.

Was kommt mir nach der Erde,
nach Nigeria und Deutschland,
nach Biafra und Lagos und Hessen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSRE KLEINE NACHTMUSIK

Wenn wir wollen,
können wir, sollen
wir stöhnend in Mollen
Liebe machen.

Schlafen und aufwachen
und weitermachen und lachen,
in unsrer Nachtmusik verschollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung