IN MEINER ERINNERUNG

Gesichter ohne Namen,
Wo sind Eure Namen alle hin?
Die Jungen, die Damen,
Mir einst so nah, es war alles drin.
Wo sind Eure Namen heute alle hin?

Ab und zu eine Wiederbegegnung
Mit einer fremden Person jedes Mal.
Nur in meiner Erinnerung
Leben meine Vertrauten immortal,
Bleiben bei jedem Besuch original.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NGODO

Ich erinnere mich daran
Wie lebendig die Nacht war
Je dunkler sie wurde
Das Dorf war ein tausend Geister
Mein Vater war ihr Meister in meiner Fantasie
Meine Mutter ihre Seele
Sie sprachen mit mir ununterbrochen
Du bist ein atmendes Wesen, sagte ich zu der Nacht,
Aber da ich noch ein Kind war, sagte ich es nicht, 
Ich wusste es einfach
Wir unterhielten uns bis die Sonne aufging
Bis das Dorf ihrer Magie ein Gesicht wieder gab
Und ich wusste, ich wohne in der Stadt, in Lagos,
Aber nur hier, in diesem Dorf, Ngodo,
Bin ich Zuhause.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH SCHWEIGEN

Der Tag fing mit Schweigen an
Und geht mit Schweigen zu Ende.
Zwischen Anfang und Ende
Gab es die Suche nach einer Freude
Im Lärm, die nur Schweigen geben kann.
Und alle - Freunde und Fremde,
Alt, jung, reich, arm, Frau und Mann -
Trugen lärmig in ihren einsamen Augen
Dieselbe Sehnsucht nach dem Schweigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER STURM KOMMT

Es wird dunkel
Dunkler als je es war
Es wird gemunkelt
Der Sturm kommt

Festigt Eure Wurzeln
Und Dach und Fenster und Tür
Wahre gute Eures Herzens Schlüssel
Der Sturm kommt

Er kommt
Geblendet durch seinen Blutrausch
Er kommt

Entfacht Eures Mutes Funke
Bereitet Euch für den langen Kampf -
Es ist die Stunde des Dunkels
Die Stunde seines Niedergangs.

Der Sturm des Guten, er kommt auch!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURT NEU OHNE ALT

Unter der Fassade Frankfurts
Lebt Frankfurt
Wir zombien wie Schlafwandler auf einer Hülle herum
Getrennt von seinem Ur-Inhalt durch
Sich ständig verändernde Form
Mit keinen Augen im Hinterkopf.

Unter wie vielen Strukturen
Leben alte Gebäude?
Wie viele Brücken verbinden Heute
Mit einem kaum noch vorstellbaren Gestern?
Hinter wie vielen Gesichtern
Schweigen Gedanken früherer Geister?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FINDE TÄGLICH DEINEN MOMENT

Inmitten des Lärms
Finde ich einen schweigsamen Ort
Tief in mir. Achte nicht auf meine Worte,
Folge meinen Augen und triff mich dort.

Ein Moment genügt, um Dich zu finden.
Um mich zu finden, musst Du Dich finden.
Um Dich zu finden, musst Du den Lärm überwinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWEIGSAMKEIT

Ich sterbe den Tod der Worte
Wenn die Empfindungen eine Tiefe streifen
Jenseits der verbalisierbaren Innenorte.
Nur die Schweigsamen werden mich begreifen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURT FLIESST

Diese Stadt
lange mir verschlossen
öffnest Dich mir unerwartet tief und zart.
Wer hätt‘s gedacht? Wir sind Artgenossen.

Wie viel Vielschichtigkeit haben wir gemeinsam?
Wer unser Inneres erreichen will
der muß ehrlich sein und geduldig und einsam
und egal wie laut nebenbei auch still.

Und am allerbesten ist der Fluß
dessen Anfang und Ende keiner sieht
Viele starren hinein und fassen den Entschluss
dem ebenso zu folgen, der sie anzieht.

So fließen wir weiter mit,
bauen weiter, wachsen immer weiter -
Wir sind der Welt der Querschnitt
und unserer Zukunft die eigenen Wegbereiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIG

Ich zeig Dir die Welt
Jenseits Deines Erlebnishorizonts
Wo Deine Gedanken nicht erreichen
Da fliege ich Dich hin und zeig es Dir

Menschen die ähnlich aussehen wie Du
und anders denken
Menschen die anders aussehen wie Du
und ähnlich sich verhalten
Nur ein Flug und ich zeig es Dir und mehr

Und wenn Du da bist, zeige ich Dir,
aus der Ferne, dort, wo Du her kommst
Und Du wirst sehen, Du hast es nie verlassen -
Auch das zeig ich Dir mit nur einem Flug:
Ich zeig Dir den Weg wieder zu Dir
und ich zeig Dir Dich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLIEGEN ÜBER WOLKEN

Ein Flügelpaar schwingt reglos durch die Luft
Die Ferne ruft und ruft und ruft… und ruft.
Ein’ brennend’ Sehnsucht überbrückt die Kluft
zwischen Vorstellung und Duft

Ein Flugzeug kennt die Einsamkeit nicht -
Ist Reisen ein Drang, eine Freude oder Pflicht?
Von unten sind die Wolken drückend und dicht
Von oben sind sie mir bloß ein Gedicht

Ein Haufen Gedanken, vielförmig, ohne Ziel
in die wie Blitz plötzlich eine Empfindung einfiel
aufwirbelte, neuordnete, verdichtete: Regenspiel.
Wenige Wolken erzeugen in mir Gedanken viel.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung