HELL ABER SCHNELL

Wenn Du wüsstest
wie viele Leben Du in diesem einem Leben lebst…
Wenn Du wüsstest
an wie vielen Webstühlen Du gleichzeitig webst…
Wenn Du wüsstest
an wie vielen unvollendeten Geschichten Du klebst…

Wäre Dir jeder Tag, jede Minute, jeder Moment
wie eine helle Kerze, die schnell niederbrennt.
Glücklich ist, wer die Ernst der Lage erkennt
und erfüllt in seinem jeden Element
oder Talent
bevor der Tod ihn von der Erde trennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ABENDCHILLEN

Deine Augen
spiegeln einen Lichtpunkt
im Blick zweier schwarzer Meere
die mich aufsaugen

Ruhe in Turbulenz
Im Frieden gibt’s kein Ruhen
sondern Schaffen und Aufbau
Kein Raum für Indolenz

Frieden ist hart
Selbstbeherrschung ist schwierig
Vollkommenheit ist anstrengend
Des Himmels Torwart

Möge das Abendchillen
Dir Kraft und Klarheit vermitteln
für den weiteren Sturm des Lebens
Stärke Deinen Willen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
Am Ostpark, Frankfurt am Main

DER ZWANG ZUR ANPASSUNG

Ich kenne die Antwort nicht
Wie liest man eines Fremden Gesicht?
Wann wird Migration zur Integration?
Wann wird Integration zu Assimilation?
Wann wird Assimilation zur Selbstverneinung?
Wann wird Selbstverneinung zur Selbstverbiegung?
Wann wird Selbstverbiegung zum Selbsthass?
Wann wird Selbsthass zum Fremdenhass?
Wann wird Fremdenhass zum Selbstmord?
Wann wird Selbstmord zum geistigen Tod?
Wann wird geistiger Tod zur Lebensnorm?
Wann wird Lebensnorm zur Ausdrucksform?
Sichtbar auf der Gesellschaft Gesicht -
Aber wie liest man eines Menschen Gesicht?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NACH DEM DER LÄRM DER STILLE GEWICHEN IST…

Nach dem der Lärm der Stille gewichen ist,
Und die Zeit zum Suchen verstrichen ist,
Und die Seele endlich ausgeglichen ist,
Spüre ich Dankbarkeit in mir für den Schmerz,
Für die Reise, für mein wachgerütteltes Herz,
Denn es zieht mich nun innig Heimwärts -
Dorthin, wo mehr Nähe zum Göttlichen ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

INNEN DRIN

Wenn wir nur wüssten
wie alt wir alle wirklich sind!
Äusserlich sichtbare Verhältnisse
machen uns blind.

Blut und Boden sind Bühnen
die wir besuchen und verlassen…
Innen drin die wahren Menschen
gehören eigenen Welten und Rassen.

Ich bin Dir mehr als Du weißt
oder weniger -
Viele sind böser als Du denkst,
andere seliger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NACHTCAFÉ

Der Laternenschein fällt auf die Straße
und es ist Nacht in der schmalen Gasse
und Schweigen, das ich wie Stoff erfasse
Eine Raum erfüllende umhüllende Masse
von Blicken, die ich weder liebe noch hasse
nur ertrage beim Trinken meiner letzten Tasse
bevor ich ohne Worte die Café verlasse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREI VERBUNDEN

Halte mich
Damit ich weg gehen kann
Lasse mich
los, damit ich bleiben kann

Denn in der Ferne
möchte ich mich mit Dir verbunden wissen
Und in der Nähe
möchte ich meine Freiheit aber nicht missen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

TATEN SIND WORTE

Taten sind Worte
Sie waren unsere ersten Worte
der unmittelbarsten Sorte
Und, so der Anschein,
Werden sie auch unsere letzten sein.
So schätze ich uns mittlerweile ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HEXENJAGD UND VERLEUMDUNG

Nimm Dich in Acht, jetzt
wo die Hexenjagd neubegonnen hat -
Erst Argwohn, dann zuletzt
findet das Verleumden überall statt.

Nachbarn werden unnahbar.
Undurchdachte Worte rächen sich schwer.
Wunden, vielleicht unheilbar,
blicken durch Augen wieder voll und leer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE GANZE WELT KAM NICHT ZUSAMMEN

Die ganze Welt kam zusammen untereinander
aber anstatt sich besser zu lieben,
hat das gegenseitige Erleben voneinander
sie zu noch mehr Hass getrieben.

Internet und leichtes Reisen
beschleunigten die Verbreitung der Vorurteile;
Es fanden sich in alten Kreisen
neue Menschen zusammen in Windeseile.

Das Gesetz der Anziehung der Gleichart
wurde der Menschheit zum Fluch und Verderben;
Eine eiserne Trennung zwischen zart und hart,
zwischen innerem Leben und Sterben.

Wir dünken uns fortgeschritten
doch besser sind wir dabei nicht geworden;
Gefangen in alten starren geistigen Sitten,
künstlich intelligente moderne Horden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung