DIE VIELEN MENSCHEN IN DER STADT

Die vielen Menschen in der Stadt,
die täglich sich seelisch wappnen gegen
die vielen Menschen in der Stadt,
treffen in allen Ecken, auf allen ihren Wegen,
die vielen Menschen in der Stadt.
Dann ignorieren, irritieren, verletzen, erregen
die vielen Menschen in der Stadt
sich gegenseitig, ohne den Verdacht zu hegen,
die vielen Menschen in der Stadt:
dieses Sich-aneinander-Reiben ist ein Segen
für die vielen Menschen in der Stadt,
denn nur so können wir das Miteinander pflegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER ERSTE EINDRUCK VERFEHLT

Die üblichen Blicke,
wenn er vielerorts erscheint,
eine schwere, harte, dicke
Spannung, die alle dort vereint
auf einer Seite, er allein auf anderer,
mehr als nur ein fremder Einwanderer.
Ein Unterklässler, vielleicht ein Feind.

Der erste Eindruck verfehlt.
Unser Land ist nun voller Schrott.
Der erste Eindruck quält.
Eine hämische Portion Spott,
ein klammer Unterton der Feindseligkeit.
Wäre jetzt tückisch jede Art Geselligkeit?
Das weiß nur der Liebe Gott.

Er spricht, macht, weder langsam noch flott.

Er scheint die Spannung nicht zu merken,
und doch scheint sie ihn dadrin zu stärken,
weiter zu sprechen mit Worten und Werken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RADIO

Ich kann meine innere Stimme nicht hören
Das Radio läuft im Uber, Killing Me Softly
tötet mich laut. Ich will mich nicht empören
Die Musik verführt mich wie sanfte Schorle
Fahren ist schön, fahren lassen aber auch
Nehmen berauscht, nehmen lassen auch
Gesellschaft ist schön, aber Alleinsein auch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ORTE REDEN

Orte reden mit mir
wie Menschen so mit Fremden reden:
Unsere Eigenart haben wir hier,
geflochten aus unsichtbaren Fäden
unserer Bräuche, Wünsche und Geheimnisse.

Ich spüre und verstehe ohne Worte
jeden Ort, den ich besuche, wirklich jeden.
Jeder für sich besonders sind alle Orte,
dennoch spüre ich die uns verbindenden Fäden
ohne Kenntnis der dahinterliegenden Ereignisse.

Menschen wie Blicke treffen sich
Menschen wie Blicke meiden sich
Menschen wie Blicke verstehen sich
Und Häuser, Straßen und, schweigend, Bäume
bewohnen bleibend unserer Seelenräume.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAFFITI

Wie viel Drang,
wie viel eingesperrtes, angestautes
geistige Leben zwang
die Seele dazu, derart intensiv Lautes
gegen die Weltenwände zu schreien
wie ein Hilfe- und Sucheruf aller Unfreien?

Sie tobt und tobt und tobt sich aus
ohne Befriedigung -
Sie wird erwachsen, verlässt das Elternhaus,
zwingt sich zur Ermässigung.
Wartet nun Jahre später hier auf die Sbahn
und starrt schweigend ihre alten Graffitis an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BERGSUCHT

Gute Nacht Berge
Himmlische Zwerge
In meinem Empfinden
bitte nie verschwinden
Egal wie tief der Fall
Egal wie dunkel das Tal
erweckt in mir manchmal
Eueres Rufes Widerhall…
Eueres Rufes Widerhall.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS UNVOLLENDETE IST IMMER GEGENWÄRTIG

Die Gegenwart ist Dir immer modern,
so war es auch in Zeiten alt und fern.
Nie war es wichtiger als in diesem Moment
zu weilen treu in Deinem Element,
auszuleben intensiv Dein tiefstes Talent.

Als ich diese Worte schrieb, heute früh,
waren sie neu. Jetzt am Abend, deja vu,
wiederholen sie sich, den morgigen gleichwertig.
Das Unvollendete ist immer gegenwärtig -
Unsere uralte Geschichte ist noch nicht fertig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERKUNFT IST KEIN HEMD

Wie nah ist zu nah?
Wie fremd ist zu fremd?
Wir sind hier, aber sind wir da?
Herkunft ist kein Hemd
das an- und ausgezogen wird,
wenn um- und eingezogen wird,
und zusammen weitergezogen wird
als heutige Gesellschaft deutscher Nation.

Jedem Anfang wohnt ein Schmerz inne,
Neugeburt und Zauber sind seine Gewinne.
Dich des Wesentlichen - Einheit - bitte besinne.
Viele Herkünfte, eine Zukunft.
Gedankenaustausch ergibt Vernunft.
Auch Streitgespräche sind Gespräche
Streit als Bindungsmittel ist nicht immer Schwäche
Denn Stärke ist das Herz unserer Nation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER TAG, GEISTIG GESEHEN

Nimm ernst einen jeden neuen Tag
Er ist tiefer, merkwürdiger, wichtiger
als jeder Mensch zu ahnen vermag
und er ist vielleicht für Dich ein letzter
Morgen ohne Abend
oder ein letzter Abend
ohne Morgen. Du entscheidest, welcher.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLE WEGE FÜHREN DORTHIN

Du kannst mich nicht aufhalten,
wenn Du nicht weißt, wo ich hin will -
Vielleicht will ich mich genau dort aufhalten,
wo Deine Lüge mich hinhalten will -
Dasselbe Wort, das mich belasten soll,
tilgt stattdessen mein Haben, erhöht mein Soll.
Das, was mich verwirren, desorientieren will,
lehrt mich alles, was ich über Euch wissen soll.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung