LAUNENHAFTIGKEIT

So, wie er die untergehende Sonne beobachtet,…
die sich zurückziehenden Gezeiten betrachtet,…
so, wie er die Vögel nach Süden fliegen sieht,…
alles wahrnimmt, was um ihn herum geschieht,
so schaut er manchmal machtlos zu,
wie seine Laune sich verschlechtert im Nu,
und vertreibt die Freude und verdirbt die Ruh.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLOCKADE

Ich frage mich manchmal,
ob nachts die Welt vergisst,
wie der Tag sich anfühlt und aussieht.

So wie ein Körper in seiner Qual
nicht mehr weiß, wie es ist,
wenn ihn kein Schmerz durchzieht.

Oder wie ein Mensch, allein im Tal
der Verzweiflung, denkt, daß Christ-
us’ Frieden sich auf Märchen bezieht.

Und wie der Geist den Heiligen Gral
in seiner Erinnerung vermisst,
weil ihm genau das Gleiche geschieht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SONNE GEHT WIEDER AUF

Die Sonne geht wieder auf
Deine Erdscholle freute sich darauf
Die Dinge nehmen ihren gewöhnten Lauf
Beispiele dafür gibt es Zuhauf
Menschen lachen und sind gut drauf
Sie lieben, streiten, erledigen den Einkauf
Stoßen an, rufen, „Du säufst! Ich sauf!“
Geschäfte erleben den üblichen Zulauf
Es riecht irgendwo nach Kartoffelauflauf
Hunde und Kinder fliegen runter und rauf…

Einen Tag nach dem einschneidend, glatt,
Deine Welt sich verändert hat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SAGT ETWAS

Es gibt Blicke, sie sind grob, fest, physisch,
Sie fassen sich gegenseitig überall an.
Sie kleben förmlich aneinander siamesisch,
ziehen einander jeweils in des andern Bann.
Kein Wort moderiert die krude Intensität.
Schweigend, dieser Moment der Intimität.
Ein Mensch, der an der Bushaltestelle vorbei geht;
Ein anderer, der auf dem Bus wartend steht.
Jeder schaut den anderen verlangend an
und wird nie erfahren des andern Identität.
Hier kommt der Bus, der eine steigt ein -
Der andere geht weiter. Beide bleiben allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DIE VIELEN MENSCHEN IN DER STADT

Die vielen Menschen in der Stadt,
die täglich sich seelisch wappnen gegen
die vielen Menschen in der Stadt,
treffen in allen Ecken, auf allen ihren Wegen,
die vielen Menschen in der Stadt.
Dann ignorieren, irritieren, verletzen, erregen
die vielen Menschen in der Stadt
sich gegenseitig, ohne den Verdacht zu hegen,
die vielen Menschen in der Stadt:
dieses Sich-aneinander-Reiben ist ein Segen
für die vielen Menschen in der Stadt,
denn nur so können wir das Miteinander pflegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER ERSTE EINDRUCK VERFEHLT

Die üblichen Blicke,
wenn er vielerorts erscheint,
eine schwere, harte, dicke
Spannung, die alle dort vereint
auf einer Seite, er allein auf anderer,
mehr als nur ein fremder Einwanderer.
Ein Unterklässler, vielleicht ein Feind.

Der erste Eindruck verfehlt.
Unser Land ist nun voller Schrott.
Der erste Eindruck quält.
Eine hämische Portion Spott,
ein klammer Unterton der Feindseligkeit.
Wäre jetzt tückisch jede Art Geselligkeit?
Das weiß nur der Liebe Gott.

Er spricht, macht, weder langsam noch flott.

Er scheint die Spannung nicht zu merken,
und doch scheint sie ihn dadrin zu stärken,
weiter zu sprechen mit Worten und Werken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RADIO

Ich kann meine innere Stimme nicht hören
Das Radio läuft im Uber, Killing Me Softly
tötet mich laut. Ich will mich nicht empören
Die Musik verführt mich wie sanfte Schorle
Fahren ist schön, fahren lassen aber auch
Nehmen berauscht, nehmen lassen auch
Gesellschaft ist schön, aber Alleinsein auch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ORTE REDEN

Orte reden mit mir
wie Menschen so mit Fremden reden:
Unsere Eigenart haben wir hier,
geflochten aus unsichtbaren Fäden
unserer Bräuche, Wünsche und Geheimnisse.

Ich spüre und verstehe ohne Worte
jeden Ort, den ich besuche, wirklich jeden.
Jeder für sich besonders sind alle Orte,
dennoch spüre ich die uns verbindenden Fäden
ohne Kenntnis der dahinterliegenden Ereignisse.

Menschen wie Blicke treffen sich
Menschen wie Blicke meiden sich
Menschen wie Blicke verstehen sich
Und Häuser, Straßen und, schweigend, Bäume
bewohnen bleibend unserer Seelenräume.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAFFITI

Wie viel Drang,
wie viel eingesperrtes, angestautes
geistige Leben zwang
die Seele dazu, derart intensiv Lautes
gegen die Weltenwände zu schreien
wie ein Hilfe- und Sucheruf aller Unfreien?

Sie tobt und tobt und tobt sich aus
ohne Befriedigung -
Sie wird erwachsen, verlässt das Elternhaus,
zwingt sich zur Ermässigung.
Wartet nun Jahre später hier auf die Sbahn
und starrt schweigend ihre alten Graffitis an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BERGSUCHT

Gute Nacht Berge
Himmlische Zwerge
In meinem Empfinden
bitte nie verschwinden
Egal wie tief der Fall
Egal wie dunkel das Tal
erweckt in mir manchmal
Eueres Rufes Widerhall…
Eueres Rufes Widerhall.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung