SCHUTZENGEL

Wenn Du ahnungslos, freundschaftlich,
mitten unter Feinden gehst,
naiv und ungeschützt da stehst…
denn für Dich ist es selbstverständlich:
Hier sind sie alle Mensch und menschlich…

Welche Engel beschützten uns ungesehen?
Wir merken das Wunder nicht;
trotz Dunkel scheinet das Licht.
Der Verstand kann es nicht verstehen,
Du überlebst und Dir ist nichts geschehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FLUGUNTAUGLICH

Der Vogel ist in der Käfig
Er bewegt sich nicht mehr
Sein Blick ist stet und leer
Jeder Augenblick ist ewig

Die Käfigtür geht auf
Der Vogel bleibt stehen
Stunden, Tage, vergehen
Und Monate, Jahre, drauf

Die Tür bleibt weit offen
Der Vogel bleibt gefangen
Sein Verlangen ist vergangen
Er kann nicht mehr hoffen

Menschen, die sich nicht trauen
ihre Vergangenheit zurückzulassen
Gruppen, verwurzelt im Hassen,
die sich ihren Weg verbauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN ANDERES LEBEN

Es gibt ein anderes Leben,
anders als dieses Erdenleben.
Manchmal nach dem Lebensende
manch unserer guten Freunde,
spüren wir, wie deren Geist
in eine andere Welt hinein reist;
und wir spüren mit, zart und schroff,
das Leben in diesem feineren Stoff.
Heller, leichter, lebendiger,
schneller, unmittelbarer, lebhafter -
werdend zunehmend immer beweglicher.
Es gibt uns die Gewissheit der Richtigkeit
des Empfindungslebens auch zur Erdenzeit;
Aufmunterung, nach dem Licht zu streben,
Freude versprechend, Zuversicht gebend,
wie ein Fenster in ein anderes Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREMDE STADT

Ich laufe durch die Stadt.
Ich spaziere durch die Gefühle der Passanten
Und sehe diese an ihrer Statt.
Ihre Gefühle sind Weltwanderer, sind Migranten.
Die Menschen hier sind mir zwar fremd und neu,
doch ihre Gefühle gleichen mir Bekannten, detailgetreu.

In den einen Augen unzählige Fragen;
In den anderen: Ich habe hier das Sagen;
In anderen: Du bereitest mir Unbehagen,
Du hier? - Wie konntest Du das wagen?

In den einen Augen tastende Unsicherheit;
In den anderen Sehnsucht nach Wahrheit;
In anderen Erkenntnis der Mitmenschlichkeit;

In den einen Augen klarer Verbindungsverzicht:
Ablehnung oder Gleichgültigkeit? Weiß ich nicht.

Doch manche sind einfach nur scheu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AN GOTT DENKEN

Sonnenstrahlen gehen leise spazieren
morgens tief im leeren Laubenwald,
heben die Köpfe, die zitternd frieren,
und schieben sie in jeden dunklen Spalt
zwischen Wurzel, Äste und Zweige hinein,
grüne Blätter gibt es hier nicht mehr
oder noch nicht, die Januarluft ist rein,
ich sitze allein im Bus, allein ungefähr,
drei Mitfahrende sind auch hier drinnen,
meine Aufmerksamkeit gilt nur dem Wald,
sonnengestreichelt, und mein Sinnen
gilt Gottes allumfassendem zarten Gewalt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAG WIE NACHT

Lasst uns den Tag mit Nachtgefühlen starten,
mit Zärtlichkeit Menschlichkeit geben und erwarten,
lasst uns aus dem Leben einen schönen Traum machen,
in deren Erfüllung hinein wir sonnig erwachen.

Lasst uns die Nacht mit Tagbewusstsein erleben,
mit Ernsthaftigkeit unseren Empfindungen Raum geben,
lasst uns aus dem Schlaf ein heilsames Schöpfen machen,
aus dem wir innerlich gesund und klarer morgens aufwachen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER FRÜHE MORGEN

Der frühe Morgen ist die schönste Nacht,
tief und wissend und sacht -
Die Sehnsucht nach Höherem erwacht,
tief und suchend und sachte lacht,

denn die Freude am Suchen wird belohnt
mit einer Steigerung an Empfindung ungewohnt
vom Urlicht, das über dem Dunkel thront.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ART DER DEMUT

Die Demut ist das allerschwerste Gewicht
und doch so einfach, leicht, fein und schlicht -
Wie kann das sein?

Die Größe, die eigene Kleinheit zu akzeptieren;
Der Mut, sich für das Richtige sogar zu blamieren;
Sein über Schein.

Sie geht ihren Weg, zusammen oder allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DASSELBE LÄCHELN

Wenn Du genug Länder besucht hast
Wenn Du genug Lächeln gesucht hast
und überall wie ein ewiges Darlehen
immer wieder dasselbe Lächeln gesehen
und zurückgespiegelt hast, na dann…
Vielleicht ist da wirklich etwas daran,
wenn gesagt wird, daß wir alle irgendwann
wieder eins werden werden im Gottesplan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HOFFNUNG DIE HOFFNUNG GEBEN

Heute hängt sehr viel Hass in der Luft
Ich fühle es und fasse es nicht
Das Herz fühlt sich an wie eine Gruft,
liegt in der Brust wie ein Gewicht
und tastet und langt und schreit und ruft
und betet und ringt nach dem Licht.

Heute schnappt die Hoffnung nach Luft,
WIR müssen der Hoffnung die Hoffnung geben
und überbrücken selbst mit Zuversicht die Kluft
zwischen dem Tod und dem Leben -
Manchmal ist die Hilfe nur ein zarter Duft
von Adventskerzen und Tee und Reben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung