MAIFEIER

Riesen steigen nieder -
Ein Geräusch feiner Gefieder
melodischer als Lieder…
Ende Mai ist es wieder.

Zauber, von weit weit her,
Wunderkraft, Lebenselixier,
bringt Erneuerung zu Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VORHANG

Der Tag ist ein geschlossener Vorhang,
der eine andere Sonne verdeckt.
Wer würde ahnen,
daß die Sonne heimlich eine Sonne versteckt?
Der Mensch verheimlicht den inneren Menschen,
Wirklichkeit ist in Wirklichkeit eine Illusion.
Reden ist das Schweigen Deiner inneren Stimme
und die Nation birgt eine zweite Nation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN GETRENNT

Die ganze Welt ist verrückt geworden,
Menschen trennen sich in Gruppen, in Horden,
und hassen, fürchten, töten sinnlos sich -
erbarmungslos, leidenschaftlich - gegenseitig,
ohne sich mehr als oberflächlich zu kennen
oder die makabre Gleichheit zu erkennen,
mit der wir nun alle einheitlich brennen
und zusammen unglücklich verbrennen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEMUT UND BESCHEIDENHEIT

Es gibt Momente, in denen
wir uns besser dünken als wir sind,
vielleicht weil wir es auch tatsächlich sind,
aber dann befinden wir uns unter jenen,
deren Zeit es ist zu führen,
egal ob sie richtig, falsch oder ver-führen;
wir sind gefangen in ihren Plänen,
denn wir müssen alles erleben -
Führung und Unterdrückung durchleben -
und reifen durch unsere Tränen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER LERNWEG

Nichtsdestotrotz
möchte ich Dich bitten,
Weg, weiter zu gehen,
ob wohl, wund geritten,
meine Reifen, ich meine
mein Begreifen von Dritten,
bereits ausgereift ist -
dritte Reiche, dritte Sitten.
Man lernt nie aus,
nie aus anderer Fußtritten
und deren Berichten darüber;
nein, selbst durchschritten
muss man gefrorene Seen haben,
auf dünnem Eis ausgeglitten
sein, gebrochen, mit Lügen
und mit Schatten gestritten
haben, uralte Vorurteile, neu
institutionalisiert, selbst erlitten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR LACHEN ZU VIEL

Wir lachen zu viel
über Sachen,
die viel zu wenig bedeuten -
Scheuen das denkende Alleinsein,
freuen uns über
Teilsein der verzweifelten Meuten,
die nicht wissen wollen,
was wir dabei missen. Denn
oberflächlicher Zugang zu den Leuten
macht uns innerlich einsam,
gleichsam diese Schmerzen
uns wechselwirkend rettend häuten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUGFAHRT DURCHS LEBEN

Schnell fliegen die Bäume
an mir vorbei - denn ich, soeben
stürmisch, nun stillsitzend neben
mir, besuche die Innenräume
meiner Empfindungen.

Ob ich Wichtiges versäume
auf meiner Zugfahrt durchs Leben?
Eine Rückfahrt ist nicht gegeben -
Meine Tage sind die Träume
meiner Empfindungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

WAHRE BESCHEIDENHEIT

Bescheidenheit
ist nicht immer Bescheidenheit

Manchmal
ist sie Feigheit
Manchmal
ist sie Unehrlichkeit
Manchmal
ist sie Eitelkeit
Manchmal
ist sie Dummheit.

Bescheidenheit ist nur manchmal
auch wirklich Bescheidenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SUCHEN

Wie Perlen
wie Steine
in einer Gebetsketteä
gleiten unsere Tage,
unsere Jahre,
eins nach dem anderen,
durch unsere Finger,
durch unsere Hände dahin,
ein nimmerendendes Flehen,
Bitten, nach dem Sinn unseres Lebens,
das seinen Kreislauf fast wie von selbst
seinem Ende entgegen vollzieht…
während wir, Suchende, älter werden.
Was haben wir bisher gefunden?
An den Folgen
unserer Entscheidungen gebunden,
was haben wir gefunden?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE DUMMEN LACHEN

Die Straße spricht jede Sprache
Schritte fallen lautlos und stumm
Die stummen sind nicht dumm

Die Dummen lachen, wenn ich lache
verstehen mein Lachen aber nicht
Sie sprechen jede Sprache
überleben auf der Straße aber nicht

Kritisieren alles, was ich mache
sehen den Schmerz auf meinem Gesicht
und denken, daß ich lache.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung