DIE BESTEN GESCHENKE

Heiligabend. War er bereits –
mit Geschenken mehr oder weniger beladen –
bei Euch gewesen?
Nicht vergessen, zieht hoch die Rolladen…
Schaut hinter die Fassaden:

Die besten Geschenke
kommen, reich beladen, von Herzen
und lindern den Mitmenschen
ihre Trauer, ihre Einsamkeit und ihre Schmerzen…
Brennen heller als alle Adventskerzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ROLLEN

Wer fragt
führt

Wer antwortet
verführt

Wer schweigt
spürt

Wer zuhört
berührt.

Che Chidi ChukwumerijeIm Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

REALITÄT

Irgendwann machst Du die Augen auf.
Erst dann begreifst Du, sie waren bis jetzt zu.
Alles, was Du vorher zu sehen glaubtest,
Waren Hirngespinste und Eigenwünsche.

Die Welt ist hässlicher
Die Welt ist schöner
Als alles, was Du hättest denken können -
Und Du auch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLINDER RASSISMUS

Das Schlimme an Rassismus ist,
daß er nicht weiß, daß er Rassismus ist.

Er denkt, er sei lustig, witzig.
Er behauptet, er sei nett, zuvorkommend, behilflich.
Er glaubt, er sei ehrlich, wahrhaftig.
Er meint, er sei natürlich - sogar menschlich.

Deshalb wird ihm nicht die Erkenntnis,
daß er Rassismus ist.
Vor allem deshalb, weil diese Erkenntnis…
sie zeigte ihm gleichzeitig,
wie klein er ist.

Das Schlimme an Rassismus ist,
daß er nicht wissen will, daß er Rassismus ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERGESSEN VERGESSEN

Ich wünschte, Gedächtnisschwund…
Ich wünschte, Vergessen
täte Weh wie eine blutende Wunde,
wenn ein Finger abgehackt wird -

Aber es ist stattdessen wie Haare.
Dem einen gleicht das Vergessen
dem langsamen unmerklichen Wachsen,
dem anderen dem heimtückischen Abschneiden.

Beides tut nicht weh.
Hier fühlst Du Dich ein bisschen schwerer.
Da ein bisschen leichter. Bis
plötzlich Du vor einem Spiegel stehst -

Und siehst Dich wieder.
Dann erinnerst Du Dich an Dich…
Erst dann tut es Weh. Das sich Erinnern.
Und das Vergessen vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DES KINDES SINN

Wir lagen im Gras
und im Gras liegen war das
Maß aller Dinge, es war der
Sinn des Lebens. Wir, ich und er -
der Lebenssinn - waren wie
die allerbesten Freunde, nie
zu trennen voneinander in
Allem, was und wo ich je gewesen bin
als Kind - beim Lesen, beim Spielen, beim
Essen, Schlafen, Streiten daheim,
beim Träumen beim Zimmer aufräumen,
beim alles Andere versäumen
während ich spielte auf einem Instrument.
Alles, was ich tat, war in jenem Moment
der Sinn des Lebens für mich,
erfüllte mich, machte mich glücklich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE EMPFINDUNG SCHWEIGT NIE

Schweigen tötet
Es ist das unerträgliche Gewicht.
Brich Dein Schweigen
bevor Dich Dein Schweigen bricht.

Schweigen brechen tötet
Wer hat das noch nicht erfahren?
Wahre Dein Schweigen
und es wird Dich auch bewahren.

Und wenn Du unsicher bist,
hör auf Deine Empfindung.
Und wenn Du sicher bist,
hör auch auf Deine Empfindung.

Che Chidi Chukwumerije
 Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEFANGENE UNSERER GEDANKEN

Kam schonmal zu Dir der Gedanke,
daß unsere Gedanken
uns manchmal beobachten,
ähnlich wie wir im Zoo die Tiere beobachten
in ihren Käfigen?

Eben dieser Gedanke
gesellte sich heute zu meinen Gedanken
und fing an, mich zu beobachten.
Ähnlich wie wir im Zoo Tiere beobachten
in ihren Käfigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEHR NÄHE

Distanz braucht Nähe.
Das ist mir neu. Immer dachte ich,
Freiheit suchend, Nähe braucht Distanz,
nicht andersrum - doch dann erwachte ich
politisch in einer brückenlos geteilten Welt.

Distanz braucht Nähe.
Denn es ist wichtig, daß globaler Nord
und globaler Süd, Ost und West, Kulturen, 
Religionen, Sichten sich be-greifen im Akkord,
der den Frieden zusammenhält.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLAUBE AN DEN WEG

Ich lebe für die Zeit nach meinem Leben,
für gewöhnlich die Zeit nach meinem Tod genannt;
So habe ich das jetzige Leben irgendwann vorbereitet
und es aus meinem Gedächtnis wohl gebannt.

Denn irgendwas in mir kennt den Weg.

Du wirst tausend Gründe hören,
warum es Armut und Leid und Krieg geben muss –
und warum keiner irgendwas dagegen tun kann –
schenk ihnen keinen Glauben, hebe Deinen Fuß

und folge der Liebe stur auf ihrem Weg.

Es ist der Weg der Solidarität,
der Weg der Nächstenliebe, der Menschlichkeit;
Machen wir die Erde licht, werden unsere Zukunftskinder
der gleichen Art sein wie ihre Vergangenheit.

Das und kein anderer ist der Weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung