VERSCHOBENE BEGRIFFE

Krieg ist leicht
Frieden ist schwer
Dem Waffenrausch weicht
fast keiner mehr.
Gewiß und Vielleicht,
Gewissen und Gewehr,
kommen sich immer näher.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM ANFANG WAR DAS ENDE

Ich warte auf das Ende
und das Ende wartet auf mich
Und während wir beide auf einander warten
überholt der Anfang das Ende und mich.

Konsequenter als das Ende
ist der Anfang aller Dinge -
Er wartet auf nichts und niemand,
hebt an zu singen bevor ich ausklinge.

Am Anfang hielt ich stets Ausschau
jedes Mal nach dem Ende -
Doch jetzt am Ende weiß ich:
Der Anfang bringt die Wende,
nicht das Ende.

Selbst am Anfang achtet aufmerksam
nicht auf das Ende, sondern
auf den neuen Anfang.

Denn das ist der wirkliche Ausgang
Und das wahre Ende.

Der Anfang ist das Ende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHEN STATT HELDEN

Ich bleibe gern meinen Helden fern,
oft sind sie groß nur aus der Ferne -
Wir feiern einen fernen Stein als Mond,
weil Distanz halten sich immer lohnt.
Der Menschenstern, der da oben thront…
Ist doch ein kleiner Mitmensch im Kern,
den ich bei Begegnung kennen lerne.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS EIGENTLICHE

Alles bleibt für immer,
was für immer im Herzen bleibt.
Alles stirbt für immer,
was einmal im Herzen stirbt.
Wie weit kann die Ewigkeit sein,
wenn sie andauernd in uns lebt?
Wie nah kann der Moment sein,
wenn er uns jeden Moment neu entschwebt?

Wir tun alles mögliche,
um die Erde zurecht zu richten -
dennoch ist es das Paradies,
das wir dabei sehnlichst sichten.
Wir tun alles machbare,
um es stofflich bequem zu haben -
dennoch ist es das Geistige,
nach dem wir sehnend laben.

Ironie aller Ironien,
wir suchen Morgen in Heute -
Alles Vergängliche wahrlich
ist ein Gleichnis. Mensch, deute.
Wichtig ist die Tat selbst,
nicht die Menge oder die Form -
Große Taten sind oft endlich klein,
kleine Taten unendlich enorm.

Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRUPPENURTEIL

Als er am Flughafen landete, ahnte er nicht,
daß er nicht alleine unterwegs gewesen war,
sondern das Ansehen seiner Herkunft mitschleppte
und die ganzen Vorurteile ihr gegenüber sogar.

Alle starrten ihn an, doch irgendwann verstand er,
daß keiner ihn als Einzelmensch wirklich sah.
Er verlor zweifach seine Anonymität. Umgekehrt
sichtbar und unsichtbar, verlor sich selbst beinah.

Wie die große weite Welt kleiner sein kann
als ein kleiner Heimatort, ist ein Rätsel,
das manch einen Weltwanderer oft verblüfft.
Vielen wird die Freiheit schließlich zur Fessel.

Gott urteilt Dich persönlich. Der Mensch selten -
sei das gerecht oder ungerecht, tiefsinnig oder seicht.
Es ist fast egal, was Du als Einzelner tust -
Wichtig ist nur, was Ihr als Community erreicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

W/M/D

Das Geheimnis weiblich
Das Geheimnis männlich
Und das Rätsel dazwischen
Wo sich diverse Fragen befinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ENDZIEL: CHARACTER

Wissen! Können! Erobern! Besitzen!
Sind lieben und leben nicht holdere Aufgaben?

Ordnung war immer die höchste Tugend,
selbst unter den niedrigsten Schaben.

Unsere schönsten eitelsten Erfindungen
wird unsere Empfindung mahnend untergraben.

Ihr redetet jahrzehntelang vom Frieden,
doch der Krieg war, wieder, immer Euer Vorhaben.

Was ist Dein Wort überhaupt noch wert?
Fließende Lügen stillen keinen Durst beim Laben.

Wahrlich, der gute Charakter ist gewichtiger
als Wissen, Wollen, Können und Haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHIEFLAGE

Alle diese Unglücklichen werden die Wahrheit aufspüren.
Alle diese Lügen werden Unruhe schüren.
All diese Unterdrückung mündet irgendwann ins Aufrühren. 
Alle diese Aggressionen machen nicht Halt an unseren Haustüren.
Alle diese Waffen werden zum Kriege führen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GLÜCKSFALLE

Ob Ihr es je verstehet,
Ihr, die mich jetzt zum ersten Mal sehet,
wie offen einst ich war,
jedes Wort wahr, meine Seele ein See glasklar.

So offen, so vertrauend, so ehrlich,
Ich erinnere mich, meine Mutter fürchtete sich
für mich und sagte mir sorgenvoll endlich:
Sohn… diese Welt… schütze Dich.

Und als die Schläge kamen, langsam
lernte ich, Vorsicht sei tatsächlich ratsam-
Doch mit Vorsicht kamen Masken und Mistrauen;
Gift, denn meine Stärke kam eben vom Vertrauen.

Jetzt lebt jeder lang und sicher und unglücklich
in seinem Käfig und fragt sich nachdenklich,
ob es doch nicht ratsamer ist,
ungeschützt und offen zu leben, egal die Frist.

Gerne würde ich das Gedicht hier beenden,
liesse das Glück ohne Schutz sich wirklich fänden..
Tut es aber nicht, das wissen wir alle -
Der Weg zum Glück birgt in sich diese Falle.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNTERBELICHTUNG

Überbelichtung.
Die ganze Welt wohnt im Netz
Minus die ganze Welt

Ich suche nach dem passenden Filter
um die Mitmenschen auf der Straße
klarer zu sehen. Verdunkelt. Erhellt.

Doch sie sind zu wie Bücher
Und zugänglich wie Bücher
Anders ehrlich, anders verstellt.

Wer ist der echte Mensch? Analog
Oder digital? - Es kommt darauf an
Welche Maske, Dir besser gefällt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung