TRENNLINIEN

Nie sah ich eine Seele so zweigeteilt
wie die deutsche derweil –
Zwillinge aus einem Ei.

Auf beiden Seiten gute Menschen
getrieben zum Nachdenken
Auf beiden Seiten schlechte Menschen
die sich gegenseitig bösartig bekämpfen.

Ob Migration, ob Corona, irgend ein Rätsel
wird sie immer trennen,
um deutlich zu zeigen, nicht das reimlose
unlösbare Rätsel formt die senkrechte Trennlinie,
sondern Gut und Böse die waagerechte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE DINGE

Kleine Dinge
mit Herz und Hand gemacht
und sie fügen sich
wie Ringe
zur Lichterkette der Weihen Nacht
irdisch und geistig.

Wie jede kleine gute Tat
für Mensch oder Tier
für Natur oder Stadt
aus tiefstem inneren Gespür –
Auch wenn Du nichts dafür bekommst –
Es war nicht umsonst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER LIEBE ZWEITE SEITE

Wenn die Liebe Strenge wäre
und uns keine Ruhe ließe
bis wir aus uns herauswüchsen,
… wie sollten wir diese Liebe nennen?

Denn sie lächelte nicht und tat uns weh
und achtete nicht auf unsere Tränen
und trieb uns gnadenlos voran
und half uns, unsere Fehler auszubrennen.

Wenn die Liebe Strenge wäre –
zumindest bis zur Hälfte –
würden wir dann endlich lernen,
in der Ehrlichkeit die Liebe zu erkennen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRAGEN

Ob der Wald einsam ist
inmitten der Menschenwelt?
Und das Tier sich wundert,
ob es dem Menschen nicht gefällt?

Ob jede Jahreszeit ahnt,
wie vor ihrer Ankunft die Welt aussah?
Völker ändern sich, Nationen auch,
Keiner versteht wirklich, was geschah.

Menschen ändern sich, irgendwie –
irgendwie auch nicht.
Alle tragen unbeantwortete Fragen
hinter ihrem verschlossenen Gesicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RUHM

Wie ein verlockender Duft
im dunklen Wald, er ruft
die Blinden hinein in seine Zaubergruft.

Atme tief ein, schnappe nach Luft.
Denn jeder tritt blind hinein in die Kluft;
fallen ohne Aufprall. Die leere Gruft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZ-KOPF-INTERNET

Ich stieg heute
kurz
aus meinem Geist
in meinen Verstand und merkte sogleich
daß der Kopf Jahrelang Pläne gemacht hat
die keinerlei Bezug hatten
zu dem tatsächlichen Verlangen in der Seele.

Das Gehirn ist so realitätsfern.
Hat keine Ahnung, was im Herzen los ist.
Was ich wirklich will
Wer ich wirklich bin
Tief in mir

Wie zwei Menschen
in zwei unterschiedlichen Ländern
ohne Internetverbindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EHRENAMT: MENSCH

Mich dünkt,
die Schöpfung wird getrieben
wird gehalten wird aufrechterhalten
durch Ehrenamtlichkeit!

Alles, was wichtig was wesentlich ist
Sonne, Regen, Wind, Naturgesetze
Ernte, die Jahreszeiten, sich wiederholend
in selbstloser Regelmäßigkeit!

Doch wir, Menschen, sind so klug geworden
und so leer so einsam so traurig
gefangen in unserem Widerspruch:
wie viel Selbst verträgt die Selbstlosigkeit?

Die wichtigsten Berufe sind unbezahlbar
denoch muss man sie bezahlen –
Die besten Menschen werden ausgenutzt
und Ehre wird quittiert mit Ehrlosigkeit!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKE DES TAGES

GEDANKE DES TAGES

Wir sind am lautesten
wenn wir schweigen,
jeder in seinen Gedanken versunken.

Wir sind am leersten
wenn wir schreien,
jeder an seinen Gedanken betrunken.

Volle Gedanken neigen zur Dichtung
Leere Gedanken zeigen immer gerne die Richtung.
Irrfunken und Lebensfunken.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DICH KENNEN

Kennst Du –
Wenn Du weißt, was Kennen ist –
jenes undeutliche
eigentlich uneindeutige
und deshalb unartikulierbare Gefühl,
etwas nicht zu kennen, was Du kennst?

Ein Familienmitglied,
mit dem Du groß geworden bist –
Einen Partner,
mit dem Du alt geworden bist –
Ein Volk, in dem Du geboren und sozialisiert
oder mit dem Du eng geworden bist –

Am Merkwürdigsten ist es aber
wenn das, was Du kennst
und nicht kennst,
Du selbst bist.
Wenn Du weißt, was Kennen ist,
kennst Du das.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERZEUGUNG

An Tagen wie diesen
wo alle gleichzeitig sprechen –
An Tagen wie diesen
wo Stimmen Regierungen unterbrechen –
An Tagen wie diesen
wo Hochmut und Kleinmut sich rächen –
An Tagen wie diesen ahnt man,
daß Politik vieles aber nicht alles ist
Denn alles ist eine Frage der Überzeugung
Leben und Lachen haben eine Frist
Doch keine Lüge überlebt Deine Überzeugung.

Selbst kleiner ich werde in der Zukunft
meine eigenen Worte und Reime vergessen…
und muß sie mühselig wieder finden –
Wie viel mehr denn ein Machthaber?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung