DANEBEN

Für wen gehe ich diesen Weg?
Denn ich habe das Gefühl,
ich gehe ihn nicht für mich.

Für wen stehe ich schräg?
Denn ich weiß ganz genau,
ich verliere dabei mein Gleichgewicht.

Für wen trage ich dieses Gepäck?
Denn nichts, was drin ist,
macht mich glücklich.

Wessen Gedanken habe ich gelesen?
Denn ich habe sie in meinem Kopf gesehen
aber sie gehören mir nicht.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EXKLUSIVITÄT

Die Sehnsucht danach, die einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach die einzige zu sein.

Das Sehnen sucht, verunsichert.
Das Suchen sehnt sich nach Sicherheit -
doch die Sicherheit wurde durchlöchert
durch das Bedürfnis nach Freiheit.
Denn die Freiheit wurde angereichert
durch den Drang zur Wahrhaftigkeit.

Wie kannst Du haben,
was Du nicht haben kannst?
Egal wie häufig Ihr zusammen
lacht und schweigt und tanzt.
Und Du musst die Sehnsucht tragen
mit ein bisschen Hoffnung und ein bisschen Angst.

Die Sehnsucht danach, der einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach der einzige zu sein.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNVOLLENDBARE GESPRÄCHE AUS DER VERGANGENHEIT

Wie viel Wahrheit kann ich vertragen
ohne zurück zu schlagen?
Wie viel Wahrheit bin ich bereit zu wagen?

Ist es besser, sich zurückzuhalten?
Das Herz ist nicht gebrochen. Es ist gespalten.
Sind Lügen leichter als Wahrheit auszuhalten?

Unvollendete Gespräche aus der Vergangenheit.
Wem würdest Du heute bei Gelegenheit
begegnen mit der selben alten Befangenheit?

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HINTER VERSCHLOSSENEN VORHÄNGEN

Ich öffne meine Seele
wenn ich meine Vorhänge schließe
Wenn keiner mich sieht
bin ich am sichtbarsten

Wenn ich verschlossen bin
bin ich am durchsichtigsten.
Nachts, wenn die Welt dunkel ist
sehe ich am klarsten.

Keine Stimmen trüben mich
Keine Augen bedrücken mich
Keine Gedanken belügen mich -
Da bin ich am Wahrsten.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UHRZEIGER-SINN

Hörst Du den Tanz des Uhrzeigers?
Halb elf abends
trabend trabend
Die ganze Nacht hört zu, hypnotisiert.

Hörst Du Rap des Uhrzeigers?
Dreiundzwanziguhrfünfzehn
Mal mit mal gegen das korrupte System
Wie schön er rundum philosophiert.

Hörst Du das Trommeln des Uhrzeigers?
Halbe Stunde vor Mitternacht
Treu seinem eigenen inneren Takt
Ob gelobt oder kritisiert.

So will ich auch gehört werden
Im Schritt mit dem Zeitgeist, vorwärts.
Mein Herz schlagend für meine Taten
Meine Taten sprechend für mein Herz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

REFLECT BEFORE CELEBRATE

Why was I born? Why were you born?
Into this Earth.

My birthday always makes me think. This year more than ever, I don‘t know why. The questioning thought: Everything I‘ve done in the last 48yrs, have they in any way really fulfilled the reason WHY I WAS BORN? Or have I up until now, in a deep subtle way, just been wasting my time? For I was not born in order to celebrate that birth annually. Viewed logically, that‘s a senseless feedback loop – unless augmented, nay, superseded, by a PURPOSE – and the fulfilment of that purpose – of my birth into this earth.

49 years ago, I was not here. I was not a part of this daily hustle and bustle, getting into cars and busses, voting in elections, raising kids, being earthy and doing the earthly. So, where was I? And why did I come here? Where were you before you were born? And why did you come here?

Every year the certainty that I‘m closer to my earthly death, to my departure. I just feel it, so strongly. That reduced distance. It‘s not just a piece of general knowledge that we all have: Everybody dies one day. Yes we all know this. But it is more than this. It‘s also a solid emotional perception, a physical presence that comes closer, that you can feel when you close your eyes and pay attention.

My birthday makes me think, not just of birth, but also of death.

My brother, Kwame, aged 19, died on my 21st birthday. It was a few weeks before his own 20th birthday. The person closest to me. Why did he come? Did he or did he not fulfil the purpose of it? And then he was gone again. It‘s a date we share, in life and death.

Life existed before we were born into it. It was perfect, already. Before we were created, Creation was already formed and perfect. This realisation makes me think and there is no end to this reflection. Just a clear line of perception – an intuitive perception:

You are not without a reason and not without a purpose, unless you fail – consciously or unconsciously – to discover that reason and that purpose; and then to – deliberately or instinctively – fulfil that reason and that purpose.

It‘s a serious and thought-provoking business meeting your birthday again, and still not knowing why. Or knowing if you’re fulfilling why, as best as you can. Year after year.

I don‘t need to celebrate my birthday. I need to reflect upon it.

Reflect before celebrate.

Che Chidi Chukwumerije
06. April 2022

Little Che – mid 1970s.

DENN IMMER GIBT ES ZWEI SEITEN

Schwarz und Weiß
und die Lügen
die dazwischen liegen
wie Türen –
Eine führt zur anderen

Öffnen
Durchschreiten
Schließen
Öffnen
Durchschreiten

Schließlich
bist Du auf der anderen Seite
und bist nun weiter weg
von der Wahrheit
als je zuvor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BIS WEICH DU WIRST

Windige Tage fegen
die salzgen Regentropfen
aus meinen Seelenspiegeln -
die vermengen sich mit meinen
Süßwasserflüßen, überfluten
Deine megastrengen leeren Strände
bis weich Du wirst vor Fülle -
Fülle an Durchdrungensein,
Fülle an Erwachen,
Fülle an Schmerz-begriffen-haben,
Fülle an Gemeinsan-weinen-und-lachen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACH DEM DU MIR ALLES GENOMMEN HAST

Unter allen Liebhabern
die ich habe
gehst Du am tiefsten
am weitesten
in der Missachtung meiner Sehnsucht
nach Ruhe
nach Sicherheit

Und ich entkomme Dir nicht
immer kommst Du zurück
nach dem Du mir alles genommen hast
was ich je hatte
nach dem Du mir alles gegeben hast
was ich lieb habe
lieber April.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNERFÜLLT

Ich muss allerdings gestehen
Es fällt mir heute nichts ein
Ich habe nichts Neues gesehen
War den ganzen Tag allein
Nicht ich der Mensch äußerer Gesichter -
Sondern ich der innere Dichter.

Wie ein Ich in meinem Ich saß ich
Und sah mich vieles machen
Manchmal ernst, manchmal spaßig
Unterwegs mit meinen sieben Sachen -
Und ich merkte nicht, daß ich mich beobachtete,
Bis der Abend dämmerte und ich erwachte.

So wenig leben wir, während wir leben,
Das lebendige Ich versteckt sich.
So wenig geben wir, wenn wir geben.
Das lebendige Ich entdeckt sich
erst am Ende seiner langen Lebensreise -
Ein Junge unerfüllt im sterbenden Greise.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung