FREMD GEWORDEN

Manche Sterne liegen hinter dem Ereignishorizonts der anderen –
Egal wie laut sie schreien,
werden sie sich gegenseitig nie wieder hören…
Egal wie wild sie gestikulieren
werden sie sich gegenseitig nie wieder sehen…

Wie manche ehemalige Freunde
Und manche Ex-Partner
Und manche Länder und Völker untereinander
Und manche Demographien
innerhalb unserer Gesellschaft
wenn die Dinge sich weiter so entwickeln.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HORIZONTE

Ich fragte mich,
nach dem ich um mich herum
Menschen sah, die alles sehen,
nur ihre eigenen Begrenztheit nicht,
was ich denn hier wirklich sehe
und was ich nicht sehe,
was die anderen gut sehen,
wenn sie mich sehen,
meine eigene Begrenztheit?

Ich würde so gerne die Welt
durch Deine Augen sehen
Und Dich die Welt durch meine Augen
sehen lassen –
damit wir endlich von jenseits unserer Grenzen
unsere Grenzen verstehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VORFREUDE AUF WEIHNACHTSFREUDE

Der schönste Moment des Tages

Stufe für Stufe stiegen wir die Treppe hoch
äußerlich auf die Bühne
innerlich in die Freude
und holten die Weihnachtsdeko runter
denn Sehnsucht war das Treppenhaus

Mein Sohn und ich
Vergangenheit und Zukunft
Erinnerung und Hoffnung und kommende Nostalgie.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ANDEREN ERDWANDERER

Einst hatte ich Angst vor Tieren
und vertraute Menschen;
Jetzt habe ich Angst vor Menschen
und vertraue Tieren.

Wir sind nicht allein –
Lange bevor wir kamen
Lange nach dem wir wieder verschwinden
waren sie da, werden sie da sein…

Augen größer als Schweigen
Erinnerungen tiefer als Menschengedächtnis;
Wir wollen Tiere erziehen,
sie, unsere feinsten Lehrer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERTRAUENSLÜCKE

Ich würde Dir gerne vertrauen
obwohl Du eine andere Hautfarbe hast,
eine, auf der die Geschichte meiner Entmenschlichung
mit unsichtbarer Tinte geschrieben ist.

Ich würde Dir gerne vertrauen
obwohl Du einer fremden Religion folgst,
eine, in deren Regelwerk Du und ich
im Paradies niemals uns treffen werden.

Ich würde Dir gerne vertrauen,
obwohl Du eine andere Art bist wie ich,
eine, die ich nicht ganz verstehe
und die mich nicht ganz begreift.

Du, ich würde Dir gerne vertrauen,
weil wir beide Menschen sind
und im selben Zeitraum diese Welt bereisen,
wie die verschiedenen Teile eines Puzzles.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIE

Ihr seid mir Anker

Ohne Ruder kam ich an
und konnte nicht anlegen
Steuerlos drohte ich,
weiter zu driften,
heimatlos…

Dann kamt Ihr
aus der Tiefe meiner Sehnsucht
stiegt Ihr aus

Und wurdet mir Anker
hier an diesem Ufer
hier in diesem Land.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUSTART

Manchmal möchte ich
von Vorne alles wieder anfangen
wie die Natur es jedes Jahr macht

Ihre Blätter fallen lassen,
sich in tiefen Schlaf versetzen
aus der sie neugeboren erwacht

Alles beenden,
mich in die Tiefe zurück ziehen,
aus der mein Lachen neu entfacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WECHSELSPIEL

Als ich jung war,
war ich älter als meine Generation
Jetzt wo ich älter bin,
bin ich jünger als meine Generation

Es fühlte sich richtig an
Und es fühlt sich richtig an

Als ich im Paradies lag,
sehnte ich mich nach der Erde Staub
Jetzt wo ich auf dem Boden der Tatsachen stehe,
sehne ich mich nach dem Paradies.

Das ist unser Geheimnis: Deine Tränen ziehen
mich an und jagen mich wieder fort.
Dein Lächeln läßt mich kommen und gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIGRANTENGENERATIONEN

Erste-Generation-Eltern
gebären Erste-Generation-Kinder
Und diese wiederum Erste-Generation-Kinder

Es dauert lang,
bis die zweite Generation
auf eine erste folgt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSOZIALE MEDIEN

Wir kaufen Ihre Vergangenheit
Dir ab,
nur die Schulden musst Du selbst zurückzahlen,
wenn Du einst desorientiert in die Welt blickst
und nicht mehr weißt, wer Du bist.

Die vielen Follower sind ein fragmentiertes Bild –
Je kleiner Deine Teile werden, desto mehr
werden Deine Teilhaber. Weiter teilen
und weiter vermehren, bis Du verschwindest –

Versehrt.
Verzehrt.
Verwirrt und verkehrt.
Hauptsache vermehrt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung