UMRISSE

Als wärest Du aus dem Feinstoff
der Schöpfung Erinnerung herausgerissen,
schiesst Du - zersplittert - schroff -
über die Leinwand in meinem Gewissen,
und ich hoff, ich hoff, ich hoff!:
Ich ersticke nicht beim Dich Vermissen,
Du meine Luft, Du mein Sauerstoff!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS LEBEN ALS FAHRT DURCH DIE NACHT

Ich liebe diese Fahrten durch die Nacht
Sie bieten mir mehr zum Sehen an
Die schwarze Leinwand, das Kopfkino dreht an,
Wenn gegen sie das Scheinwerferlicht kracht.

Und da bist Du wieder, Geist des Durchblicks,
Geist des Weiterblicks, trittst aus der Nacht hervor,
Ich äußerlich sitzend bleibe, nimmst mich innerlich empor
Zur neuen Wertschätzung meines Geschicks.

Gummi auf Teer den Soundtrack zum Film singend,
Tiefsinnig die Botschaft, fesselnd, zwingend:
Die Reise ist kurz. Bleib wach! Es ist dringend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AHNUNG

Irgendwo ist es schöner
Dachte ich mir
Als ich über den schönen Friedhof schritt
Ein Grabmal hübscher als der andere
Neugeschmückt täglich fast mit Blumen
Nein, mit Liebe
Ruhe und Frieden überall
Dennoch spürte ich, tief in mir,
Irgendwo ist es schöner. Viel schöner.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DRUM BESINNE DICH DES WESENTLICHEN

Mann kann nicht auf Verinnerlichung groß warten,
Es geht alles so schnell,
Das Leben.

Kaum hortest Du kurz in Deinen Händen Deine Karten,
Sind sie nicht mehr aktuell
Fürs Leben.

So schnell wie die Erlebnisse sich offenbarten,
Teils unwichtig, teils essenziell
Dem wahren Innenleben,

Ebenso schnell musstest Du Altes abhakend Neues stets starten,
Immer bleibend originell –
Und das war Dein Leben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

INNERLICH WEITER LEBEN

Erst kamen die Blumen
Lächelnde Glocken, spielende Kinder
Mädchen blühen auf
Jungen gehen die Augen auf
Das hier, ist das das Leben?

Dann kam eine stürmische Nacht
Wild tobte es hinter Fenstern
Träumend schwebte es in auftauenden Herzen
Ein gebrochenes Herz sinnt vor sich hin
Das hier, ist das das Lieben?

Dann thronte sich die Sonne, krönte sich der Verstand
Stählerne Augen
Stein entwachsen keine Blumen
Ruhiger Erwachsene, sicher, verschlossen
Das hier, das Leiden!

Enttäuschung – Verstand trifft Empfindung
Nachdenken – Langsam, wie der Abend
Fallen die Nachwirkungen der Schicksalsschläge
Irgendwann fällt mal Wahrheit auf
Das da, das war das Lernen…

Zuletzt nimmt zu der Mond, nicht ab…
Ferne Fragen funkeln wie rufende Geheimnisse, schwache Erinnerungen
Vorstufe einer Rückkehr, sehnende Wiederkehr zu Dir
Nimmt jetzt die Runde wieder ab?
Wie geht es weiter? Immer weiter.

– Che Chidi Chukwumerije.

DICHTUNG

Verantwortung
Übernehmen
Verantwortung
Übergeben

Wo liegt der Unterschied?
Erhielt ich, was ich vermied?
Oder vermied ich, was ich erhielt?
Erzielt – gezielt oder geschielt?

Suchen und sehnen –
Finden, Lachen und Tränen.

Aufgaben
Aufgeben
Aufgaben
Aufnehmen

Leben verpflichtet
Und verschlüsselt und dichtet.

– Che Chidi Chukwumerije.

DAS LEBEN

Ich sehe einen schönen Pfad
Durch einen schönen Wald
Braune Blätter lagen auf dem Boden
Es war Abend, lautlos, kalt

Die Bäume waren leer
Ich sah durch alles hindurch
Rote Dächer und braune
Glocken läuteten, eine Kirche

Ein ganz stiller Platz
Zwischen den Bäumen
Still wie ein Friedhof
Land ewiger Träume

So kurz dauert die Reise
Gar ein Spaziergang
Dachte ich, während der letzte
Glockenton ausklang.

– Che Chidi Chukwumerije