DEMUT

Hast Du dieses Jahr
irgendjemandem
Deine Wahrheit gesagt?
Irgendjemanden
nach seiner Wahrheit gefragt?
Bald geht das Jahr zu Ende.

Was habe ich gelernt?
Es ist schwer,
das Höchste auszuleben;
denn es ist schwerer,
daß Du falsch lagst zuzugeben
als dran zu halten bis zum Ende.

Demut. Ein kleines Wort,
ein hoher Berg.
Erst auf der anderen Seite
dieses Bergs
erwartet uns, uns zum Geleite,
das Wissen zur wahren Zeitenwende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS IST AUS EURER GRÖSSE GEWORDEN?

Und dann begann ich
Liebevoll geduldig
Mit Euch zu sprechen

Denn Härte mit Härte
Und Hass mit Hass
Zu kontern niemals
So gut wie Liebe saß

Was ist aus Eurer Größe geworden?
Geblieben ist nur Arroganz
Das Nicht-tolerieren von Toleranz
Das Dürsten nach Relevanz.

Größe aus der Distanz
Ist in der Nähe oftmals
Eine Anhäufung von Schwächen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ENDZIEL: CHARACTER

Wissen! Können! Erobern! Besitzen!
Sind lieben und leben nicht holdere Aufgaben?

Ordnung war immer die höchste Tugend,
selbst unter den niedrigsten Schaben.

Unsere schönsten eitelsten Erfindungen
wird unsere Empfindung mahnend untergraben.

Ihr redetet jahrzehntelang vom Frieden,
doch der Krieg war, wieder, immer Euer Vorhaben.

Was ist Dein Wort überhaupt noch wert?
Fließende Lügen stillen keinen Durst beim Laben.

Wahrlich, der gute Charakter ist gewichtiger
als Wissen, Wollen, Können und Haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM NACHHINEIN

Wir wählen selbst unser Gefängnis
Schließen die Tür
Werfen den Schlüssel weg –
Und fangen an,
unsere Gefangenschaft zu beklagen.

Wir treffen selbst unsere Entscheidung
Gegen allen Rat
Und wenn es unumkehrbar wird,
fangen wir an
unsere Entscheidung zu hinterfragen.

Wir beschließen als Kinder Sachen,
die wir als Erwachsenen halten sollen,
wenn wir keine Kinder mehr sind
und die Dinge jetzt anders sehen –
müssen aber die Konsequenzen nun ertragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SELBSTTÄUSCHENDE RASSISMUS

Der Rassismus ist ein blinder Fleck.
Die rassistischsten merken es nicht
oder wollen es nicht merken;
In ihren Schwächen
preisen sie sich ihre Stärken;
Doch erkennen werdet Ihr sie
an ihren Werken:
Fremden weh tun ist versteckt ihr Daseinszweck.
Und das sind die Besten.
Was mag denn stecken in den Resten?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ICH-GRENZE

Die Ich-Sonne
Im Zentrum des Ich-Sonnensystems
In mitten der Ich-Galaxie
Im Herzen des Ich-Universums

Diese Ich-Sterne
Mit nach Intern gerichteter Schwerkraft
Verbiegen die Aussicht aufs Externe
Beziehen alles auf die eigene Eigenschaft

Es fällt ihnen schwer
Zu begreifen, zu akzeptieren, zu glauben,
Daß manche Menschen einfach mehr
Können, als sie selber vermögen.

Ich-All
Ist nimmer Licht-All.
Ergo: Egotrip, der Ich-Knall
Ist eher Dimmer des Licht-Alls,
Et al, et al.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WICHTIGER SEIN

Ich schätze Dich, weil
Du ein Mensch bist, Teil
der Gattung unserer – doch ein Keil
schiebt sich zwischen uns und unser Heil
und das ist das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

Mein herz klopft, und zwar
für zwei – mich und die Welt; es war
einmal die Kindlichkeit – doch ein paar
Eitelkeiten und schon ist das Wasser unklar –
Bald herrscht das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

Versucht doch mal die Ichsucht
zu umarmen. Unmöglich; sie ist verflucht.
Kurze Arme nur für sich, beschwörend Zucht
und Ordnung mit einer Wucht, die riecht verrucht
und abstoßend: das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.

RÜCKGANG DER ZIVILISATION

Zwei Kulturen fallen
Und immer wenn sie aufeinander prallen
Fällt mir das Schlichten schwer

Wo sie sich unterscheiden
Gibt es keine einzige Brücke
Wo sie sich gleichen
Da gibt es eine Wissenslücke

Unsere Eitelkeit will nur anders sein
Und wir bleiben alle gleichsam allein allein

Mir fällt das Schlichten schwer.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ALLES, NUR KEIN SPIEGEL

Jahrelang schlug
Er sie, bespuckte
Sie, vor den Augen ihrer Kinder
Beschimpfte sie, auf erniedrigendster Weise
Vergewaltigte sie
Und war tief atmend König

Dann geschahen zwei Dinge
Sie verließ ihn
Und ein anderer fand sie
In der Wildnis

Jetzt sucht er schnaubend
Nach einem Schuldigen – der andere
Nach einem Untreuen – sie
Nach einem Begünstigenden – die Gesellschaft
Nach einem Verräter – falsche Freunde
Nach einem Opfer – sich selbst natürlich
Nach Mitleidenden – sein Stolz und seine Ehre
Nach einem Rächer – seine Gottheit

Er sucht überall nach allem Möglichen,
Nur nicht nach einem Spiegel.

– Che Chidi Chukwumerije.