WAS HABEN WIR NOCH ÜBRIG?

Wenn der Krieg jetzt käme,
was hättest Du?
Grundgesetz oder Grundstück?
Welches sichert Dir Ruh?
Wer besitzt Edelmetall oder Mineral?
Wer hortet Waffen?
Unser armes Ergebnis von Jahrtausenden
von evolutionärem Schaffen.

Was haben wir übrig?
Machtgier, Ichsucht, Fremdenfeindlichkeit.
Da Menschen keine Aliens sind,
herrscht hier bloß die Menschenfeindlichkeit.
Die Übermacht des Stärkeren,
des Schwachen Machtlosigkeit.
Erneut die enttäuschte Sehnsucht
nach friedfertiger Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BOTSCHAFT DER BOMBEN

Drei Vögel
singen vor meinem Fenster
guten Morgen fühle ich.

Dann fallen die Bomben
und ein Vogel fiel auch
ein zweiter flog weg.

Nur einer ist geblieben
und singt vor meinem Fenster
blutigen Morgen.

Aber ich bin nicht da
um ihn zu hören
denn auch ich bin geflohen.

So leicht ist es
aus einem Menschen
einen Flüchtling zu machen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGEN DEN STROM

Es gibt die,
die vor Einsamkeit flüchten –
sie verlassen das Land der Vereinsamung,
notlanden in lachenden Wüsten,
stranden an menschenüberfüllten Küsten.
Wo einst ihre Verachtung distanziert stand,
wo nichts sie mit denen verband,
da dürsten sie jetzt mit all ihren Sehnsüchten.

Man nennt sie nicht Flüchtlinge,
dennoch sind auch sie auf der Flucht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINST WAREN SIE KINDER

Einst waren sie Kinder
spielten und dachten wie Kinder
spielen und denken
die noch nie blutige, tote Verwandten
gesehen haben..
die noch nie nach Eltern und Geschwistern
gesucht und geweint haben
vergebens
und unter fremde Menschen gelandet sind…
die noch nie die Kindheit und alle Kindlichkeit
aus ihren Herzen gerissen haben
um wie Erwachsene zu denken
zu handeln
zu töten
zu überleben…
die nicht mehr wussten, wie es ist,
Kinder zu sein…
Einst waren sie Kinder und
spielten und lachten und dachten
wie Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PLÖTZLICH FLÜCHTLING

Du machst Dir Sorgen
Du weißt nicht, wo Deine Frau ist
Ihr seid in unterschiedliche Richtungen gerannt
Jetzt sitzt Du hier in diesem Lager

Hat sie Eure Tochter mitgenommen?
Sie ist elf Jahre alt und zieht schon Blicke an…
Es ging alles so schnell – Schüsse!
Und weg ward Ihr alle!

Nur ein paar Sekunden flohst Du
Dann übermannte Dich wieder die Männlichkeit
Du drehtest Dich um, doch die waren verschwunden
Deine Frau und Deine Tochter

Chaos überall. Schüsse und Brand.
Du hast lange gesucht, vergebens –
Jetzt sitzt Du in diesem Lager und denkst
besorgt an Deine Frau und Tochter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIGRANTEN

Wie schmerzvoll es sein muß
für einen Baum,
seine Wurzeln mit Gewalt aus zu reißen
aus der Heimaterde –

Wie schmerzvoll es sein muß
im neuen Lebensraum
seine Wurzel hineinwachsen zu lassen
in harten fremden Boden.

Wenn Du einen Baum auf der Reise siehst,
auf seinen nackten Wurzeln zu Fusse gehend,
denk bitte an den Schmerz der alten Trennung
und denk an den Schmerz der neuen Bindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUFGEWÜHLT

Heute bin ich müde
und kann nicht schlafen –
Gestern schlief ich
und war nicht müde.

Heute bin ich reifer
und brauche die Kindlichkeit
Gestern war ich ein Kind
und brauchte mehr Reife

Heute habe ich Essen
doch ich bin nicht mehr hungrig
Jetzt habe ich Durst
denn ich verbrenne innerlich.

Doch ich bin nicht allein
Auch der Planet ist aufgewühlt
und Flüchtlinge irren herum
und die Politik ist verunsichert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEIDNACHTEN

Während wir Geschenke auspacken
packen sie sich in Cartons ein.
Das Licht unserer Weihnachtskerze
reicht nicht bis nach Moria.
Und vielen anderen Orten.

Dann fange ich an, zu zu hören…
Ich lausche der Musik der Weihnachtsbäckerei
Ich schenke meine Ohren dem Wind
Und dem Gast den bitteren Wein,
doch die Stimmen aus Moria sind zu weit weg.

Ich höre sie nicht.
Denn es ist Weihnachten.
Fest der Glücklichen und der Freudigen.
Erwachsener stopfen sich voll, und versuchen
nicht zu denken an hungernde Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLÜCHTLINGE

Die Gegenwart ist auf der Flucht
Vor der Vergangenheit weit geschwommen
Und findet, egal wie hart so sucht,
Keine Gelegenheit sie zu entkommen.

Kein Geschehen ist Boot genug
Keine Gegenwart ein sicheres Meet
Der Getriebene schleppt mit sich im Zug
Seine Herkunft in die Zukunft mit hinterher.

Die Zukunft! Schimmernd in der Ferne
Trügerisches, höhnendes, herzloses Horizont
Man möchte dem Suchenden zurufen, “Lerne
Erkennen: Dein Leben selbst ist die Front!”

Dein Heute ist die zu häutende Haut
Wenn das Leben Dich haut, Deine dicke Haut
Lässt nur das durch bis unter die Haut
Unter dessen Wirkung Deine Mitwirkung auftaut…

Mitwirken beim eigenen Neuwerden
Beim Versöhnen Deiner alten mit Deiner neuen Welt
Beim gemeinsamen Streben aller Sucher auf Erden
Nach einer Zukunft, die sich friedvoller entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

Tagebuch 16: SELBSTBILDER

Es liegt bestimmt in der Luft, und ist geladen. Wie Funken springt es von Docht zu Docht und es schießt aus jedem Munde eine Flammenzunge heraus.

Wie letzte Woche, als meine Frau und unsere zwei Kinder zusammen mit ihrer aus Eritrea stammenden Freundin Tigi und deren drei Kindern in IKEA einkaufen waren. Die waren schon fertig und ruhten sich, vor der Heimfahrt, beim Imbiss hinter der Theke, da in der Nähe der Kinderspielecke, aus. Eine einst lebhafte, nun müde gewordene und trotzdem gutgelaunt gebliebene Truppe saßen an einem Tisch voller Eis, Getränke und Gebäck, Kinderstimmen und sieben Herzen.

Auf einmal stand ein Mädchen neben ihrem Tisch, ungefähr so groß wie meine Tochter aber bestimmt ein oder zwei Jahre älter. Auf acht schätzt es meine Frau, die zusammen mit Tigi und den Kindern das Mädchen neugierig anschauen.

Seine hellen grün-grauen Augen sind groß, offen, direkt, ehrlich. Genau wie die Worte, die aus seinem Mund kommen. Eine Frage, an Tigi und an alle fünf Kinder gerichtet:

„Seid Ihr Flüchtlinge?“

Die zwei erwachsenen Frauen, eine deutsch, die andere eritreanisch, fahren vor Entsetzen fast aus dem Hocker. Sie glauben nicht, was sie gerade gehört haben. Ihnen versagt kurz die Sprache.

Nicht aber meiner Tochter. Überrascht schaut sie das Mädchen an und antwortet genau so offen, direkt, ehrlich:

„Nein, sind wir nicht. – – – Bist Du einer?“

Verwirrt scheint das Mädchen über die Gegenfrage zu rätseln. Schließlich schüttelt auch es den kleinen dunkel-blond gelockten Kopf, sagt Nein, gesellt sich ohne Weiteres zu den Kindern und setzt an, mit ihnen Kind zu sein.

Bis nach einer Weile seine Eltern auftauchen und es sich von dem Tisch wieder löst und zu ihnen geht…

Zurück… in die Zukunft oder in die Vergangenheit?

Kurz bevor sie Richtung Ausgang verschwindet, dreht sie sich um und winkt. Die Kinder winken zurück.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 15: ANDERSRUM