MUTTERMEER

Das Leben stieg aus dem Wasser heraus
Und machte sich auf dem Lande Zuhaus –
Und jeder See,
an dem ich sinnend steh –
Jeder Fluß,
an dem ich entlang laufen muß –
Am Meer,
am besten Strand ernst und leer –
spüre ich, wie das Leben in mir
zurück gezogen wird, Geburtsort, zu Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÜCKFAHRT AUS TIROL

Der Weg ergibt sich aus dem Nebel
Tirol entkleidet sich schnell
entzieht sich dem feuchten Dunst
zwischen seinen Bergen
gibt den Weg frei, eine lange Schlange
und wendet sich unermüdlich
aus der Feier heraus, zurück ins Alte,
voran ins Neue.

Neben mir ein Fluss, der immer in ist,
nimmer out. Die Sonne erscheint zögernd,
es ist eine Wintersonne.
Langsam fallen die Berge zurück,
die Enge weitet sich, und
es liegt eine offene Welt wieder vor mir…
Mit Heimkehr steigt die Reiselust.
Mit Älterwerden, siehe, die jugendliche Lust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ANDERE UFER

Silbrig wie ein Spiegel
lag und lauschte der Fluß da
regungslos wie ein unerfüllter Traum
verschwand er in die Ferne
und war immer noch da

Eine Nebelwolke schwamm über das Wasser
wie eine Armee von Laufboten
nur verstand ich ihr Geflüster nicht
bis sie seufzend sich löste und ich sah
auf dem anderen Ufer mein zweites Ich.

Ich sprach zu mir
doch ich hörte mich nicht
von der anderen Seite des Flusses –
Wir starrten uns wortlos an, ich und ich,
getrennt durch unerfüllte Träume.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOCKERE DICHTUNG

Dein innerer Fluss
Er muss er muss
fließen …

Meine Finger
in Deiner Wunde
richten Deinen Widerstand
zugrunde

Krass, wie nass das Gras wird
Der Regen, dagegen, wird verrückt
Kontrollverlust, befreit von Frust
Dichtung in jeder Richtung erlöst sich
Zum inneren Fluss, der fließen muss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WELLEN

Das Geräusch der Wellen
Im Gespräch mit den Ufersteinen
Uralte Liebesgesellen
Flüsternd lachen und weinen
Erd-Wasser Intimrituellen
Meine in Deinen, Deine in meinen
Intellektuellen sozialen sexuellen Naturellen
Ich spüre Dich zwischen meinen Beinen…

Raunt Land zum Wasser
Und Wasser zum Land
Süßwasser und Salzwasser
Regelmäßig gedrückt gegen Felsenwand
Mit festem Herz und fester Hand.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

Tagebuch eines Ausländers 8: NICHT AUFGEBEN.

Es war einmal eine Taube, die mitten auf dem Fluß um ihr Leben rang. Zuerst dachten wir, das müsse sicherlich ein Entlein sein, das nach Leckerbissen fischt. Selbst aus der Ferne sah das heftig sich bewegende Wesen auf dem Wasser da zwar nicht wie ein Entlein aus, sondern eben wie eine Taube!, aber unsere kognitive Mechanismen versuchten zuerst das Gesehene umzudeuten. Eine Taube, irgendetwas stimmte bei ihr nicht. Sie schien gefangen zu sein, oder verletzt, unfähig ab zu heben, weg zu fliegen, plätscherte heftig auf der Wasseroberfläche. Die heftigen Bewegungen dauerten immer ein paar Sekunden, wild und herzzerreißend, dann setzten sie sich wieder aus, so daß noch herzzerreißendere Momente folgten, in denen wir uns fragten, ob sie tot war, dann sprang das Ringen mit dem Tod wieder zum Leben. Wir blieben stehen und schauten hilflos zu, während diese tapfere Kämpferin sich weigerte, sich ihrem Schicksal zu ergeben. „Irgendwas scheint mit ihren Flügeln nicht zu stimmen,“ sagte meine Frau. „Ich glaube nicht, daß sie es schaffen wird,“ sagte ich. Tatsächlich riss sie der Fluß träge weiter mit. Wir liefen langsam weiter. Vielleicht ist es ein Schutzmechanismus bei mir, um nicht zu leiden – ich hatte bereits den kurzen Schmerz des sicheren Todes der Taube verkraftet und wollte die Episode schnell hinter mir lassen. Aber bei meiner Frau regte sich das Verlangen, Leben zu retten. Sie blieb wieder stehen, schaute intensiv, schweigend rüber zu der Taube, als wolle sie ihr Kraft übermitteln. „Wenn sie es nur irgendwie schaffen würde, sich bis zum Ufer zu kämpfen…“ murmelte sie. Etwas in ihrer Stimme, in ihrem Gesichtsausdruck ergriff mich. Ich blieb auch stehen, schaute ebenfalls zu und ließ den Schmerz des Geschehens wieder in mich rein. Und dann geschah genau das, das Wunderbare. Als hätte sie meine Frau verstanden, wurden die Bewegungen der Taube noch heftiger, und … langsam steuerte sie sich Richtung Ufer. „Sie kommt, sie kommt!“ rief meine Frau. Es war für mich eine Lehre aus der Hand der Schöpfung, durch meine Frau vermittelt. Ich ging runter zum Flussbett und holte die Taube aus dem Wasser. Ein Flügel hing komisch runter, nur der andere flatterte. Noch voll aufgepumpt mit Adrenalin verschwand der Vogel prompt ins Gebüsch.

– Che Chidi Chukwumerije.

FLUSSGEFLÜSTER

Egal, wo ich waten ging
War es immer dasselbe
Nil, Niger, Yangtze
Hudson, Thames, Elbe

Die Menschen treiben hin
Verschwommen und benommen
Lauschen reflektierend
Den eigenen Phantomen

Die gaukelnden Abbilder
Sie fesseln immer gleich
Im heim’schen und im fremden
Bodenlosen Teich

Dann rinnt jeder nach Hause
Aufgelöst zurück
Im Blutbahn kreisend Hoffnung
Auf Ruhe und auf Glück.

– Che Chidi Chukwumerije.