Frag mich nicht warum
Darum liebe ich die deutsche Sprache
Sie ist unerklärlicherweise
Die Aussprache meiner inneren Stimme.
– Che Chidi Chukwumerije (25.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Frag mich nicht warum
Darum liebe ich die deutsche Sprache
Sie ist unerklärlicherweise
Die Aussprache meiner inneren Stimme.
– Che Chidi Chukwumerije (25.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Wer hätte gedacht
Als ich unweit der Mittellinie
Unserer Erde geboren wurde
Zwischen Regenwald und Wüste
Tropenbewässert
Harmattangetrocknet
Sonnensohn und Savannahsäugling
Daß ich einst den Herbst
Lieben lernen würde?
Den fremden Herbst.
Wer hätte geahnt, daß das
Was mich ergänzen und stärken
Beruhigen und besänftigen
Verstehen und inspirieren und heilen
Und fesseln würde
Ganz ruhig
Die ganze Zeit in der Fremde
Lebte und webte?
Erschien und verschwand und erschien
Egal, wer ihn erlebte oder nicht.
Als ich das erste Mal Deutschland sah
War mir alles fremd und abweisend
Außer dem Herbst
Der Herbst war mir vertraut
Wie eine Hälfte meines Lebensgedichts.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Wie kannst Du mich lieben
Wenn Du mich doch hasst?
Willkommen will nicht kommen
Kommt nicht willens, ist eine Last.
Willkommen, wer will kommen?
Komme was will, Ihr Lieben
Hier findet Ihr, aber nur kurz, Rast
Meine Kinder werden‘s hier vielleicht lieben
Ihretwegen fühl ich mich willkommen
Aber nicht zuhause, denn ich bleibe Gast.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Spieglein Spieglein
An der Wand
Wer ist der fremdeste
Im ganzen Land?
Fremd magst Du Dich einschätzen
Einsamer Mann
Doch neben Dir wohnt einer
Der seine Gefühle nicht teilen kann
Spieglein Spieglein
An der Wand
Nach dem Fremdesten fragte ich
Im großen ganzen Land
Dann wandere von Haus zu Haus
Wenn die Masken gefallen sind
Und der Mensch in seiner Ecke kauert
Ängstlich, allein, verloren, blind.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Zugvögeln haben es weit
Doch nimmer so weit wie ich es hatte
Wo ich zu Euch her zog
Groß ist die Welt – und weit
Und Kulturen sind Wände
Hoch und hart, ohne Tür und Fenster
Doch genau so wie der Himmel
Kracht und lacht sein krummzackiges Lächeln
Aufgehellt für einen Augenblick
Gibt es in der Wand manchmal
Einen Riss, und ich schaute hinein
Und sah, überrascht, Menschen.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Sie grüßte ihn gerne
Setzte sich jedoch gerne
Zu ihrer Art –
Er arbeitet gerne mit ihr
Feiert allerdings lieber
Mit seiner Art –
Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch in unserem inneren Part, weich
Funkelt einsam in jedem ein Stern
Sie liegt nachts wach
Er liegt nachts wach
Und jeder sehnt sich schweigend nach
Der inneren Gleichart.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Ich drang tief in sie ein
Und fand mich
Sie drangen tief in mich ein
Und fanden sich
Komisch. Jeder suchte im Anderen
Nach einem fremden Anderen
Begegnete jedoch dem Bekannten
Als Ausgangspunkt des Unbekannten
Der Wanderer sucht sich frei einen Weg aus
Doch der Weg sucht sich seinen Weg nach Haus
Und das, was im Kern einst dasselbe war
Wird verändert in seiner Ausgestaltung immerdar.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Ich traf die Gesellschaft
Während meiner Wanderschaft
Wie Mensch Mensch begegnet
Gegenseitig mißverstanden wir uns
Über Politik, Sitte, Kunst
Schieden mit kühlem Gruß abgesegnet
Nur viel später in der Nacht
Bin ich schlaflos aufgewacht
Geweckt von einem Fremden
Der jetzt meine Seele geworden war
Denn meine war nun weg, und zwar
Wohnt sie im heut getroffnen Fremden.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung