DAS FALSCHE LACHEN

Wie eine freundliche Flagge
Flatterte ich Dir entgegen,
Ein brüderlicher Gruß voller Vertrauen

Doch Du lachtest…
Es war kein unfreundliches Lachen, aber
Irgendwo im Neben- oder Unter- oder Nachklang
Dieses Lachens war kein Lachen
Sondern Gelächter, über mich.

Dir war meine Flagge wohl zu leicht
Zu unwesentlich
Du merktest nicht, daß Du der Wind warst
Der mich in der Sonne richtete und
Fröhlich flattern ließ…

Sondern Du lachtest, die Brise starb
Meine Flagge löste sich von meinen Lippen
Und machte die lange einsame Reise zum Boden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STARK AUSSEHENDE MENSCHEN

Halte mich
Ich falle
Wenn ich falle, falle ich schnell

Warte nicht bis ich stolpere
Um nach mir zu greifen
Da ist es schon zu spät

Halte mich dann, wenn ich stark bin
Oder so aussehe
Als wäre ich stark…

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANGEBLICH FREUNDE

Die Lampe, ihr Leuchten
von Palmwedeln geschirmt
blickt verblümt durch den dunklen Raum.

Allein ihr Schimmer, zögernd, bahnt
meinen Augen einen Pfad zu Dir,
täuscht uns den Anschein eines Blickkontaktes vor,

einen, den nicht mal die forschen Sonnenstrahlen
je hier vor finden würden,
denn wir blickten von jeher stets

aneinander vorbei. Egal
wie viele Lampen ich im Raum anschalte,
wir sehen uns trotzdem in diesem Dunkel nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IM GUTEN ABSCHIED NEHMEN

Hast Du heute morgen
Deinen Geliebten in die Augen geschaut?
Hast Du es zur Verzeihung
Und zum Liebe-tauschen Dir getraut?
Hast Du die Mauern, die gestriger
Streit errichtet hat, heute abgebaut?

Heute morgen könnte
Die letzte Gelegenheit gewesen sein.
Schneller und plötzlicher als
Du denkst, steht einer von Euch ganz allein.

Che Chidi Chukwumerije (27.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

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FREUNDSCHAFT MINUS

Eine Freundschaft beendet
Bewusstsein verändert
Ein Lächeln ist kein Lächeln mehr
Sondern nur noch ein Gruß
Ein geladener Blick ist völlig leer
Zum Schluß.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ZUSAMMEN SCHWEIGEN

Mit Schweigen
Werden redlich tausend mehr Empfindungen
Die zum Verschwinden sowieso heutzutage neigen
Sich einigend auf unterschwelligen Schwingungen
Sich zum Erkennen zeigen.

Während unseres Schweigens
Habe ich gehört,
Daß Du warst gestört
Und daß Du warst empört
Und hast aufgehört

Zu beachten die Botschaft unseres Schweigens –
Doch Dein aller-schönstes Lachen
Und Dein aller-größtes Machen
Ersetzen niemals das, was sie brachen:
Das Selbstverständliche unseres schönen Schweigens.

– Che Chidi Chukwumerije.

WARM

Warm und vertraut war es einst zwischen ihnen gewesen
Und vor allem menschlich, bodenständig, genugsam
Dann trennten sich ihre Wege und, wie es so häufig ist,
Ihre Wesen und Charakter auch, ohne daß sie es merkten
Denn sie blieben in Kontakt. Als sie sich nach Jahren wieder trafen
Hörte die eine entfremdet und verwirrt zu, wie die andere
Von Materialismus gefüllt, erfüllt und getrieben
Nur noch von Haben und Besitz und Vergleichen sprach
Und erst als sie fragte, wo denn ihre alte Freundin geblieben sei
Lösten sich Schmerztränen, doch sie wurden sich nie wieder warm.

– Che Chidi Chukwumerije.

Dieses Gedicht habe ich als Teil eines Interviews geschrieben, das in Sabine’s Lifestyle-Kolumne veröffentlicht wurde. Das Interview kann man hier lesen.

BEGEGNUNGEN

Tröpfchenweise
Unauffällig, leise
Wie Saat auf weiche Erde
Ohne Erwartung, ohne Beschwerde
Erwachsen, nachdenklich
Zurückhaltend, menschlich
Wie Antworten auf Fragen nach anders sein
Fallen neue Menschen in mein Leben ein.

– Che Chidi Chukwumerije.

MUT ZU LIEBEN

Die Angst, verlassen zu werden, führt dazu, daß ich die Menschen verletze, von mir vertreibe und selbst als erster sie verlasse. Um dann selbst da drunter zu leiden.

Die Angst, zurück gewiesen zu sein, veranlasst mich dazu, den Menschen nicht zu sagen oder zu zeigen, genau wie viel sie mir bedeuten und wie sehr ich auf sie angewiesen bin. Denn ich habe Angst, sie würden diese Macht, die sie über mich haben, missbrauchen.

Weil ich von anderen nicht verletzt werden möchte, verletze ich lieber nicht nur sie, sondern auch mich selbst, bevor es so weit wird.

Diese Angst ist meine Wunde. Nicht die Angst zu versagen oder zu sterben oder gar andere zu enttäuschen, sondern die Angst davor, von jenen Menschen verletzt und verlassen zu werden, die ich am meisten liebe, brauche und will. Und aus dieser Angst heraus lasse ich diese Menschen gar nicht erst an mich heran oder ich verletze sie und treibe sie fort. Ich konnte immer den Schmerz dieser Verluste ertragen. Dieser Schmerz war mir ertragbarer, als wenn ich von diesen Menschen selbst verletzt und verlassen wäre – in einem Augenblick, in dem ich voller Vertrauen es nicht erwarten würde.

Aber der Schmerz, den ich dadurch diesen Menschen zugefügt habe, war mir zwar nicht egal, doch habe ich ihn mit in Kauf genommen, ausgeblendet und relativiert, manchmal sogar gewollt, damit sie einen Schritt von mir zurück weichen würden. Deren Schmerz war mir lieber als meiner. Oder: unser beide Schmerz war mir lieber als meiner allein. Wer sich selbst Schmerz zufügt, kann ihn besser ertragen. Ich liebe die Einsamkeit, weil allein sie mich von alleine nicht verlassen kann.

Jedoch bin ich irgendwann zu weit gegangen, so weit, daß ich genau den einen Mensch getroffen, verwundet, verjagt und verloren habe, den ich tatsächlich am meisten liebe, brauche und will, und vor allem, auf den ich doch nicht verzichten kann – eigentlich das, was ich immer erreichen wollte. Doch wurde diesmal in mir ein Schmerz ausgelöst, ein Verlust erzeugt, der sich als unerträglich erwiesen hat. Bittere Ernte. Das hätte ich nie erwartet. Das, was mich schützen sollte, hat das Gegenteil bewirkt: mich verwundbar gemacht: Mein Gleichgewicht ist fort und ich weiß nicht, was für Folgen das auf mich langfristig haben wird.

Eine positive Folge ist, daß ich diese Wunde nicht mehr als Angst einstufe, sondern als Feigheit. Dieses Umbenennen hat Wunder bewirkt. Auf einmal habe ich buchstäblich und tatsächlich die Angst verloren und hab stattdessen einen Gegner bekommen, den ich besser greifen und niederstrecken kann. Denn diese Feigheit habe ich seit dem niedergelegt und zeige jetzt den Menschen, vor allem den mir wichtigen oder wichtig werdenden, das, was ich vorher vor allem ihnen immer versteckt habe. Das wiederum hat in Folge mir in jüngster Zeit viel Schmerz aber auch viel Freude gebracht. Am wichtigsten aber habe ich die Freiheit gewonnen und die Gewissheit, ich lebe.

Eine zweite positive Folge ist, daß ich viele Entscheidungen endlich getroffen und umgesetzt habe, oder am Umsetzen bin, die lange in mir gestaut haben, auf den Mut zum Handeln harrend. Erfolg oder Niederlage ist vorerst nicht das Wichtige, sondern das Handeln selbst.

Nicht desto trotz schmerzt innig und belastet mich sehr der Verlust dieses einen Menschen und hat mich kurzzeitig sogar an den Rand des Wahnsinns und des Selbstmords getrieben. Seit dem ich allerdings diese Phase überlebt habe, habe ich den Eindruck, ich kann alle anderen Schmerzen und Komplikationen und Auswirkungen, die mit diesem Fall zusammen hängen, fest ertragen. Ob das gut ist oder schlecht, vermag ich nicht zu beurteilen. Dafür kenne ich mich im Fach Psychologie zu wenig, eigentlich gar nicht, aus.

Ich weiß nur, daß der Weg vorwärts für mich in der Wahrhaftigkeit zu mir selbst liegt und in der Bereitwilligkeit, mich auch der Gefahr des Herzensleidens zu öffnen. Ich glaube, das ist das, was die Menschen Vertrauen nennen. Ich nenne es lieber den Mut.

Und ich glaube, das war letztendlich der Sinn meiner Beziehung zu diesem Menschen. Nicht der Mensch selber, sondern das Herausbrechen aus meiner Schale. Alles andere bleibt jetzt ver-gangen. Die mir wichtigen Menschen bleiben gegen-wärtig, präsent, in meinem Leben.

– Che Chidi Chukwumerije.