ANNELIESE 1927-2014

Sie war knapp 87 Jahre alt
Da lag sie, an dünnen Schläuchen verkoppelt
Aber ihre Augen sprachen mit mir
Wir wussten beide, es war das letzte Mal
Diesseits.

Ihre Enkelin, meine Frau, streichelte ihre Stirn
Ihre alte, verdorrte Hand…
Ihr Sohn, Onkel meiner Frau, scherzte mit ihr
Tapfer lächelte sie schwach, sanft…
Ich dachte nach.

Vor zwei Monaten saßen wir noch an ihrem Küchentisch
In Kleinheppach – sie, ich und meine Frau
Sprachen über Gott und die Welt.
„Soll ich dir etwas aus der Bibel vorlesen?“
Fragte ich sie jetzt. Neben dem Bettfuß lag eine.

Jetzt schmunzelte sie zart, flüsterte schwäbisch:
„Was willsch mer denn vorläse?“
Ich schlug auf, suchte kurz, fing an:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“
Und sie fing an,… zu weinen.

Ihre alte Zimmernachbarin fühlte sich gestört
Sie war noch nicht so weit –
Anneliese wollte nicht, daß wir gehen
Aber es wurde spät, sie müde – Und ich drehte mich ein letztes
Mal zu ihr, verabschiedete mich mit unserem üblichen Gruß:

Auf Wiedersehen.“

– Che Chidi Chukwumerije
Anneliese Yvonne 1

ZUSAMMEN SCHWEIGEN

Mit Schweigen
Werden redlich tausend mehr Empfindungen
Die zum Verschwinden sowieso heutzutage neigen
Sich einigend auf unterschwelligen Schwingungen
Sich zum Erkennen zeigen.

Während unseres Schweigens
Habe ich gehört,
Daß Du warst gestört
Und daß Du warst empört
Und hast aufgehört

Zu beachten die Botschaft unseres Schweigens –
Doch Dein aller-schönstes Lachen
Und Dein aller-größtes Machen
Ersetzen niemals das, was sie brachen:
Das Selbstverständliche unseres schönen Schweigens.

– Che Chidi Chukwumerije.

MEINUNG

Zweimal gekreuzt
Gerade Wege

Ein drittes Mal treffen wir uns
In der Meinung, dem Verständnis

Wir waren immer vereint.

– Che Chidi Chukwumerije.

WARM

Warm und vertraut war es einst zwischen ihnen gewesen
Und vor allem menschlich, bodenständig, genugsam
Dann trennten sich ihre Wege und, wie es so häufig ist,
Ihre Wesen und Charakter auch, ohne daß sie es merkten
Denn sie blieben in Kontakt. Als sie sich nach Jahren wieder trafen
Hörte die eine entfremdet und verwirrt zu, wie die andere
Von Materialismus gefüllt, erfüllt und getrieben
Nur noch von Haben und Besitz und Vergleichen sprach
Und erst als sie fragte, wo denn ihre alte Freundin geblieben sei
Lösten sich Schmerztränen, doch sie wurden sich nie wieder warm.

– Che Chidi Chukwumerije.

Dieses Gedicht habe ich als Teil eines Interviews geschrieben, das in Sabine’s Lifestyle-Kolumne veröffentlicht wurde. Das Interview kann man hier lesen.

EINE SELTNE MELODIE

Eine seltne Melodie
Eine Waldfee war sie
Ein Flötenlied samt Wanderlust
Neugier und Nostalgie…

Und als sie wieder ging
Dies schlafander Schmetterling
Ward’s bittersüß in meiner Brust
Wie Neugewinn und Neuverlust.

– Che Chidi Chukwumerije.

UNSERE GRENZEN

Weit weit
Wie Ort des Urknalls
Kante des Geschehens
Leben
Weit weit dehnt sich
Weiter mein Herz aus
Jedes Herz, das ich einst rührte
Ist noch unterwegs nach Haus
Jeder Freund, der Abschied nahm
Spür ich noch hier Zuhaus

Wie weit noch, dein Ufer?
Bald gehen mir die Kräfte aus.

– Che Chidi Chukwumerije.

ICH GLAUBE DIR

Sie ist eine Art Medium, ehrlich
All die Medikamente der Ärzte
Haben es nicht geschafft, sie taub
Zu machen. So oft sie die Türe zu
Machen, immer geht sie wieder auf
Ohne Warnung…

Ich behalte es aber lieber für mich
Meinte sie, denn niemand glaubt mir –
Sie lachte nervös und schaute weg.
Ich schaute sie lange an, wie sie weg schaute
Und dann umarmte ich sie and sagte
Ich glaube Dir – und sie weinte und wurde ruhig.

– Che Chidi Chukwumerije 

AFFÄRE

Verlangen ohne Erwartung
Wie geht das denn?
Haben ohne Besitzen – Vor- und Nachteile?
Alles, was ich für dich fühle
Nicht alles hast du gefühlt
Alles, was du von mir hast
Entspricht nicht allem, was du in mir hast.

– Che Chidi Chukwumerije.

BEGEGNUNGEN

Tröpfchenweise
Unauffällig, leise
Wie Saat auf weiche Erde
Ohne Erwartung, ohne Beschwerde
Erwachsen, nachdenklich
Zurückhaltend, menschlich
Wie Antworten auf Fragen nach anders sein
Fallen neue Menschen in mein Leben ein.

– Che Chidi Chukwumerije.

MUTTER UND SOHN

Im Worte Mutter liegt das Wörtchen Mut
Im Wort Versöhnung schwingt irgendwo der Begriff Sohn
Und heute habe ich den Mut gefasst
Und mich mit meiner Mutter versöhnt

Es hat Weh getan und es tat gut
Ich habe gelernt, Schmerzen auszusprechen
Statt schweigend mich abzuwenden
Ich habe gelernt, Vergebung zu geben
Und entgegen zu nehmen

Ich habe gelernt, daß sich zu entschuldigen
Nur die halbe Strecke ist –
Du musst Dich aber dann auch verändern

Ich habe gelernt, daß Rache
Ob bewußt oder unbewußt ausgeführt
Mehr schadet als sie richtet
Aber wenn wir Liebe in unseren Herzen tragen
Werden diese Schäden zu unseren Lehrern…

Und vieles kann man nicht verändern
Alles kann man nicht haben
Auf einiges muss man sich verzichten
Anderen zu liebe…

Und eine kleine Tat der Versöhnung
Kann in Einem etwas bewirken
Was seine ganze Welt verändert
Und ihn seinen Qualen entlässt…

Selbst wenn ich jetzt sterben würde
Sterbe ich mit Frieden in meinem Herzen.

– Che Chidi Chukwumerije.