DENN DU BIST NICHT ALLEIN AUF DEINER REISE

Weltenwanderer, Mensch
Getrieben durch sich selbst
Aus sich selbst heraus
Bis unter die Haut –

Ruhelos, ewiger Sucher
Seiner eigenen Seele treuester Besucher
Der Mensch bereist die Welt
Auf der Suche nach sich selbst

Das, was er am meisten braucht
Einen Begleiter, der mit ihm nach Vorne schaut
Der mit ihm die Reise teilt
Seine Sorgen kennt, seine Wunden heilt

Bis er irgendwann sein Ziel erreicht
Und Abschied nehmend wehmütig begreift
Die Reise selbst war ein Weilen
am magischen Ort,
Der nun scheidende Begleiter
ein Freund treuester Sorte.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.

ANNELIESE 1927-2014

Sie war knapp 87 Jahre alt
Da lag sie, an dünnen Schläuchen verkoppelt
Aber ihre Augen sprachen mit mir
Wir wussten beide, es war das letzte Mal
Diesseits.

Ihre Enkelin, meine Frau, streichelte ihre Stirn
Ihre alte, verdorrte Hand…
Ihr Sohn, Onkel meiner Frau, scherzte mit ihr
Tapfer lächelte sie schwach, sanft…
Ich dachte nach.

Vor zwei Monaten saßen wir noch an ihrem Küchentisch
In Kleinheppach – sie, ich und meine Frau
Sprachen über Gott und die Welt.
„Soll ich dir etwas aus der Bibel vorlesen?“
Fragte ich sie jetzt. Neben dem Bettfuß lag eine.

Jetzt schmunzelte sie zart, flüsterte schwäbisch:
„Was willsch mer denn vorläse?“
Ich schlug auf, suchte kurz, fing an:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“
Und sie fing an,… zu weinen.

Ihre alte Zimmernachbarin fühlte sich gestört
Sie war noch nicht so weit –
Anneliese wollte nicht, daß wir gehen
Aber es wurde spät, sie müde – Und ich drehte mich ein letztes
Mal zu ihr, verabschiedete mich mit unserem üblichen Gruß:

„Auf Wiedersehen.“

– Che Chidi Chukwumerije
Anneliese Yvonne 1

ZUSAMMEN SCHWEIGEN

Mit Schweigen
Werden redlich tausend mehr Empfindungen
Die zum Verschwinden sowieso heutzutage neigen
Sich einigend auf unterschwelligen Schwingungen
Sich zum Erkennen zeigen.

Während unseres Schweigens
Habe ich gehört,
Daß Du warst gestört
Und daß Du warst empört
Und hast aufgehört

Zu beachten die Botschaft unseres Schweigens –
Doch Dein aller-schönstes Lachen
Und Dein aller-größtes Machen
Ersetzen niemals das, was sie brachen:
Das Selbstverständliche unseres schönen Schweigens.

– Che Chidi Chukwumerije.

MEINUNG

Zweimal gekreuzt
Gerade Wege

Ein drittes Mal treffen wir uns
In der Meinung, dem Verständnis

Wir waren immer vereint.

– Che Chidi Chukwumerije.

WARM

Warm und vertraut war es einst zwischen ihnen gewesen
Und vor allem menschlich, bodenständig, genugsam
Dann trennten sich ihre Wege und, wie es so häufig ist,
Ihre Wesen und Charakter auch, ohne daß sie es merkten
Denn sie blieben in Kontakt. Als sie sich nach Jahren wieder trafen
Hörte die eine entfremdet und verwirrt zu, wie die andere
Von Materialismus gefüllt, erfüllt und getrieben
Nur noch von Haben und Besitz und Vergleichen sprach
Und erst als sie fragte, wo denn ihre alte Freundin geblieben sei
Lösten sich Schmerztränen, doch sie wurden sich nie wieder warm.

– Che Chidi Chukwumerije.

Dieses Gedicht habe ich als Teil eines Interviews geschrieben, das in Sabine’s Lifestyle-Kolumne veröffentlicht wurde. Das Interview kann man hier lesen.

EINE SELTNE MELODIE

Eine seltne Melodie
Eine Waldfee war sie
Ein Flötenlied samt Wanderlust
Neugier und Nostalgie…

Und als sie wieder ging
Dies schlafander Schmetterling
Ward’s bittersüß in meiner Brust
Wie Neugewinn und Neuverlust.

– Che Chidi Chukwumerije.

UNSERE GRENZEN

Weit weit
Wie Ort des Urknalls
Kante des Geschehens
Leben
Weit weit dehnt sich
Weiter mein Herz aus
Jedes Herz, das ich einst rührte
Ist noch unterwegs nach Haus
Jeder Freund, der Abschied nahm
Spür ich noch hier Zuhaus

Wie weit noch, dein Ufer?
Bald gehen mir die Kräfte aus.

– Che Chidi Chukwumerije.

ICH GLAUBE DIR

Sie ist eine Art Medium, ehrlich
All die Medikamente der Ärzte
Haben es nicht geschafft, sie taub
Zu machen. So oft sie die Türe zu
Machen, immer geht sie wieder auf
Ohne Warnung…

Ich behalte es aber lieber für mich
Meinte sie, denn niemand glaubt mir –
Sie lachte nervös und schaute weg.
Ich schaute sie lange an, wie sie weg schaute
Und dann umarmte ich sie and sagte
Ich glaube Dir – und sie weinte und wurde ruhig.

– Che Chidi Chukwumerije 

AFFÄRE

Verlangen ohne Erwartung
Wie geht das denn?
Haben ohne Besitzen – Vor- und Nachteile?
Alles, was ich für dich fühle
Nicht alles hast du gefühlt
Alles, was du von mir hast
Entspricht nicht allem, was du in mir hast.

– Che Chidi Chukwumerije.

BEGEGNUNGEN

Tröpfchenweise
Unauffällig, leise
Wie Saat auf weiche Erde
Ohne Erwartung, ohne Beschwerde
Erwachsen, nachdenklich
Zurückhaltend, menschlich
Wie Antworten auf Fragen nach anders sein
Fallen neue Menschen in mein Leben ein.

– Che Chidi Chukwumerije.