GEDANKEN ALS FALLTÜRE

Ich begab mich auf die Suche
nach dem Gedanken,
der mich so traurig stimmte eben…
doch ich konnte mich nicht mehr an ihn erinnern –
So schnell wie er kam, verschwand er wieder
Hinterließ nur diese Traurigkeit.

Aber als ich weiter fahndete
fand ich einen anderen Gedanken
der in mir eine Vorahnung tiefer Freude auslöste
Ich flog und flog, vergaß die Traurigkeit…
bis ich wieder zu mir kam und erneut
nach dem Freude auslösenden Gedanken griff…

Doch auch er war weg. Vergessen.
Zurück geblieben ist nur die Empfindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS LECK

Jemand steht neben mir
Unbeobachtet
Und beobachtet meine Gedanken

Ich wünsche
Er würde das alles nicht sehen
Was er sieht –
Und auch das sieht er.

In der Schöpfung gibt es kein Versteck
Alles hat irgendwo ein Leck…
Der Dreck unter der Reinheit
Die Reinheit unter dem Dreck –
Alles wird einmal aufgedeckt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SIRENEN

Polizeisirenen
Alle paar Minuten
Wie plötzliche Empfindungen
Die in mir durchblitzen
Mein Herz springt auf und
Auf zuckt mein Denken
Rennt der Sirene hinterher
Fragt sich, was hat diesen Einsatz ausgelöst?
Doch die Empfindung antwortet selten
Und der Kopf hört nicht auf, zu denken
Lange nach dem es um mich
Und in mir
Wieder still geworden ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERLORENE GEDANKEN

Ich finde meine Gedanken nicht
gefangen in Ästen von Lärm und Stimmen
sie finden ihren Weg nicht mehr zurück zu mir
ich strecke meine Arme aus
winke ihnen zum Abschied zu
und laufe weiter, neuen Gedanken zu.

Solltest Du morgen auf Deinem Wanderweg
auf meine alten Gedanken stoßen
reife Früchte im Alltagsgestrüpp des Lebens
nimm und iß und laß Dich befruchten
ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte
aber es kam alles von Herzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UNSICHTBARE WAHRHEITEN

Wenn wir Gedanken lesen könnten
wären Freunde Feinde und Feinde Freunde
viele Paare längst getrennt
viele Fremde längst zu Paaren geworden –
von Vor- und Untergesetzten brauchen wir nicht dichten.
Gedanken: so laut und doch so unleserlich.

Wie viele Menschen schauten schonmal
dem Partner in die Augen und dachten verzweifelt:
“Wieso kannst Du meine Gedanken nicht lesen?”
Wie viele Menschen schauten schonmal
dem Partner in die Augen und dachten erleichtert:
“Zum Glück kannst Du meine Gedanken nicht lesen.”

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE LUFT IST EMPFÄNGLICH

Düstere Gestalten laufen langsam auf dem Gehweg –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Ich möchte sie aufhalten; sie flüstern: Geh weg!
wir haben unser Eigenleben nun – nach unserem Sinn.

Lichte Gestalten schweben leise durch die Nachbarschaft –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Sie vertreiben die düsteren. Jeder Nachbar schafft
ein Teil der allgemeinen Stimmung – ganz nach seinem Sinn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FLUGS EMPFINDEN

Ich sah aus dem Fenster heraus
Still war der Flügel
Still umrundeten wir die Kugel
Still stand am Rande der Bühne
der unerreichbare Empfindungskreis
am Ende des Tunnels –

und so langsam wie wir flogen, genau
so langsam versank er zurückgezogen
zurück in die Zukunft.
Gedanken, die uns fast einfallen
aber nie ankommen. Empfindungen,
die Empfindungen bleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung