GEFLIMMER

Gelbe Gedanken
richtig hell - die müssen Sonnen sein -
in der kalten Nacht, versanken
ins Gedächtnis und ich war wieder allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FERTIGSTELLUNG UNSERER GEDANKEN

Mehrere unfertige Gedanken kamen heute,
scharen sich seit Stunden eng um mich
wie fremd duftende, dürftige, durstige Leute,
erzählen aber erstmal recht wenig über sich.

Ich könnte sie ablehnen und zurückweisen,
doch heiße ich sie vortreten und prüfe sie,
dann lasse ich sie an meinem Innern speisen,
sie futternd, ergänzend, damit ich sie groß zieh.

Dann geschieht plötzlich das Wunderbare:
Gestaltwandler, sie nehmen neue Formen an:
Der Tiefe, der Hohe, der Kluge, der Sonderbare:
Inhaltswandler, sie führen mich an Neues heran.

An neue Denkungsweisen und neue Fragen,
an neue Zusammenhänge und Erkenntnisse,
die alle dennoch eine alte Weisheit in sich tragen:
Zusammenschluss erzielt die besten Ergebnisse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VON WENIGEN WAHRGENOMMEN

Manchmal steigt
von Wenigen wahrgenommen
ein Geist aus dem Unbegreiflichen
auf die Verstandesebene nieder

Und wie aus dem Nichts kommen
neuartige Gedanken zu Dir wieder
und jene merkwürdigen Lieder
die, undeutlich, verschwommen,

langsam wieder verschwinden,
dann schnell und immer schneller…
bis Du anfängst, zart zu empfinden,
und hell wirst und immer heller.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUNENHAFTIGKEIT

So, wie er die untergehende Sonne beobachtet,…
die sich zurückziehenden Gezeiten betrachtet,…
so, wie er die Vögel nach Süden fliegen sieht,…
alles wahrnimmt, was um ihn herum geschieht,
so schaut er manchmal machtlos zu,
wie seine Laune sich verschlechtert im Nu,
und vertreibt die Freude und verdirbt die Ruh.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES IST SCHWER

Der Mensch und seine Gedanken
wie alle Monde und deren Erden
gegenseitig gefangen und tanzen
in ihren jeweiligen Gravitationsfeldern
Sie steigen und sinken zusammen.

Es ist schwer, anders zu denken, als Du bist.

Der Mensch und seine Empfindungen
wie alle Erden und ihre Sonnen
an einander gekettet in festen Bindungen
in ihren gegenseitigen Gravitationsbahnen
Sie steigen und sinken zusammen.

Es ist schwer, anders zu empfinden, als Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GEDANKEN SIND UNFREI

Die Gedanken sind unfrei,
gebunden an Neigungen,
an Hängen und an Lastern,
an Wunden und Erinnerungen -

Die Gedanken sind unfrei,
gefesselt an Vorurteilen,
an Voreingenommenheiten,
gewurzelt in festen Erdteilen.

Die Gedanken sind nicht frei,
wie Monde kreisend festgehalten
im Bann Deines inneren Selbsts,
deren Sinn sie immer enthalten.

Die Gedanken sind nicht frei
und sie machen nicht frei -
Nur das Herz kennt die Kunst
der wahren freien Fliegerei.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENSPIELE

Gedanken wandern unter uns wie Geister,
suchen neue Sklaven und neue Meister,
überfallen uns; Entschuldigung: fallen uns ein.

Mein Herz, mein Herz, wie tief Du bist,
erkennst jeden Gedanken so wie er ist -
Klopf, Klopf. Aber Du lässt nicht jeden herein.

Geben und Nehmen und ahnen es nicht,
das ist unser Leben hinter unserm Gesicht.
Klopf, Klopf. Aber Du lässt nicht jeden herein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDLICHE EMPFINDUNGEN

Wenn der Abend, wie ein Riese,
uns mit großen Flügeln umarmt,
verdunkelt Straße, Wald, Wiese;
wenn Astraios sich unser erbarmt,
lässt ahnen die tiefen Paradiese,
denn unser Herz hat sich verarmt
an unserer Welt unendlicher Krise;

Wenn jeder Baum zum Wesen wird,
beobachtend den Oktoberabend, still,
und Schatten tanzen seltsam und wierd -
es fühlt sich an wie ist aber nicht April -
die Gedanken, die sich tagsüber herumgeirrt
haben, ahnen nun, was die Empfindung will,
kehren zu ihr zurück wie Schafe zum Hirt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WARUM SIND SIE SO WÜTEND?

Grau und bewölkt
Aber es ist nicht das Wetter
Es sind die Gedanken
Die Menschen waren mal netter
zu einander, ob Gleichartige
oder, noch mehr, Fremde
Ein Gewitter braut sich zusammen
Bringt es das Ende?
Warum sind sie so wütend?
Der Groll in ihren Herzen
klingt wie grollender Donner
Der Blitz erlischt die Kerzen -
Der Witz, ein Lächeln, Scherzen
oder eine liebevolle Tat wie Sonnenlicht
durchbricht die Wolke aus Gedanken
und Gefühlen. Liebe als Sonnengedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

VERSCHWOMMEN

So müde
Ich sehe meine Gedanken
doch ich kann sie nicht fassen
Wie Fische im Wasser
Liebe ich sie, sollte ich sie dort lassen
In ihrem Element, in ihrer Welt,
einer fremden Welt glückliche Insassen
Auch wenn ich sie nicht greife
werde ich trotzdem nichts verpassen
Bin nur müde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung