MEIN ZUHAUSE

Ich stehe häufig unter einem Baume
In einem inneren Bilde
Vor meinem dritten Auge
Vor einer kleinen niedlichen Holzbrücke
Die über einem Bach gebogen liegt

Auf der anderen Seite des Bachs
Steht ein schönes Haus
Ich sehe es nicht, ich spüre es nur.
Da wohne ich –

Der Bach ist die Dichtung
Die Brücke ist meine Sehnsucht
Der Baum ist der Tag, der Augenblick

Und wenn ich die Brücke überquert habe
Und wenn ich das Gedicht geschrieben habe

Gehe ich nach Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDICHTE

Ich vermisse Deine Gedichte
Die Nachfrage in mir danach ist groß
Alle Einflussgrößen steigern meine Vorlieben
Die sehnen sich, wie immer, nach Deinem Schoß.

Das wäre’s mit meinem knappen Gedicht heute.
Ich möchte wie Du ohne Worte groß dichten,
Schmerz fühlen tiefer und Freude empfinden
reiner als schreiben, reden oder dichten.

Die innige Tat.
Rege Saat –
Blatt um Blatt um Blatt…
Ich bin noch nicht satt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DES WANDERERS ERINNERUNGEN

Am Abend meines Aufblühens
Möchte ich wie die Erinnerung
Einer Blume zurück schauen
Auf jede bald verschwindende Erinnerung;
Ich möchte mich daran erinnern
Daß ich mich einst daran erinnerte –
Denn an mehr als das werde ich mich
Nicht mehr erinnern;
Die Erinnerung an Dich wird verschwinden,
Bleiben wird nur die Erinnerung
An die Erinnerung –
Das Jahr trug mich wie eine Lotusblume
Auf einem fließenden Strom;
Die Gedichte waren Bäume am Ufer,
Ich werde sie nie wieder sehen
Doch meine Erinnerungen an sie
Habe ich Euch hinterlassen
Als Geschenke des Wanderers
Durch das fremde deutsche Land.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

„2019: Das Jahr der deutschen Dichtung“ ist mein persönliches Kunstprojekt, das ich ins Leben rief.

Ich bin kein gebürtiger Deutscher, und habe erst mit 19 angefangen, deutsch zu lernen. Mit der Zeit habe ich mich auch mit dem Dichten in der deutschen Sprache befasst, da ich eine große Liebe zur Poesie habe. Über die Jahre verstärkte sich meine Neigung zum Dichten in dieser Sprache.

In Dezember 2018 traf ich dann die Entscheidung, aus einem inneren Drange heraus, als mini „Vorsatz fürs kommende Jahr“ sozusagen, in 2019 täglich in der deutschen Sprache zu dichten und das Ergebnis auch in meinem Blog – chechidi.me – zu veröffentlichen. Ich habe somit 2019 zu meinem Jahr der deutschen Dichtung auserkoren. Das Projekt nenne ich auch entsprechend:

2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.

In Juni 2019 begann ich, ebenfalls täglich ein Video zu machen, in dem entweder ich oder auch andere Leute mein aktuelles Gedicht des Tages vor laufender Kamera vortragen bzw vorlesen. Ich drehe diese Videos immer an meinem jeweiligen Aufenthaltsort des Tages, also ab und zu auch im Ausland, und man kann sie alle sowohl in Youtube als auch auf meinem Blog sehen.

Ich freue mich auf und über jegliche Anteilnahme an meinem Projekt, über Kritik und über alle ernst gemeinten Rückmeldungen. Für mögliche Projekte oder Kooperationen, die daraus entstehen könnten, bin ich offen. Ansonsten freue ich mich einfach, wenn andere Leute meine Gedichte lesen und genießen, und vielleicht selber auch anfangen, in dieser wunderschönen Sprache zu dichten.

Che Chidi Chukwumerije,
08.Juli 2019.

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Ganz nebenbei, falls es jemanden interessiert oder einer sich fragt, was ich da so tue: Ich werde dieses Jahr täglich auf Deutsch dichten und auch posten in meinem Blog http://www.chechidi.me und auf Facebook und an anderen Stellen vielleicht auch. Wer will, darf gerne kommentieren, bewerten, sogar Wünsche äußern. Der Grund, warum ich das tue, ist ganz einfach. Es fließt gerade.

Che Chidi Chukwumerije
08. Januar 2019

Tagebuch eines Ausländers 6: UND NICHTS ZU SUCHEN, DAS WAR MEIN SINN…

Ich hatte eigentlich keinen Bock, trotz meiner Liebe zur Poesie. Aber meine damalige Freundin hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Auch sie hatte keinen Bock. Aber ihre Mutter war krank geworden und hatte bereits für 2 Personen bezahlt. Ihr Lebenspartner zog es vor, bei ihr zu Hause zu bleiben und sie zu verarzten. Deshalb bat mich Dida, sie zu dem Poesieseminar zu begleiten. Das war alles vor vielen Jahren und mein Deutsch war noch nicht so gut, aber ich konnte nicht nein sagen. Mich graute ein bisschen davor, 2 Abende unter fremden Menschen aus der Generation meiner Eltern zu sitzen und Texte zu hören, lesen oder ‚bearbeiten’, die ich womöglich nicht ganz verstehen würde. Der erste Abend war genau so langweilig, wie ich gefürchtet hatte. Lange Vorträge in ernsten Stimmen, wenig lächeln, kein seufzen, keine Zauber in der Luft oder in den Augen der Teilnehmer. Auf der Heimfahrt gestalteten wir den Abend in Witze um, um ihn verarbeiten zu können. Am nächsten Abend fiel sie mir sofort auf. Sie war am vorherigen Tag nicht dagewesen. Das Wort Intensität ist nicht intensiv genug, um ihr Gesicht beschreiben zu können. Sie erklärte in einem kurzen Vortrag, daß die Dichtung auf der Höhe ihrer Brillianz schwer unterscheidbar ist von der Einfachheit. Da war etwas in ihrer Stimme. Als Beispiel fing sie an: „Ich ging im Walde, so für mich hin…“ – Goethe’s „Gefunden“, langsam. Einmal in einem Zug von Anfang bis zum Ende, das zweite Mal von Strophe zu Strophe, Bemerkungen nach jeder Strophe machend. Danach durfte jeder, der wollte, das Gedicht einmal laut vorlesen. Dida flüsterte zu mir, ich sollte es auch probieren, ich hätte eine gute Stimme. Endlich stand ich auf und las das Gedicht vor, und wunderte mich, daß meine Stimme selbst mir so ruhig klang. Zum ersten Mal schauten wir einander direkt in die Augen, kurz aber intensiv. Als ich wieder saß, spürte ich, daß neben mir Dida verunsichert geworden war. Ich legte einen Arm um ihre Schulter, während in mir der Wunsch zum Leben kam, auch einmal auf Deutsch Gedichte zu schreiben. Ich hatte gerade etwas gefunden, aber was?

– Che Chidi Chukwumerije.

IM GRUNDE GENOMMEN

Es gräbt im Garten ein Gärtner
Und dann, nach langem Graben,
Gräbt er im Grunde genommen aus
Seinem Sein und seinem Haben
Seine ewige Sehnsucht heraus.

Je mehr er gräbt, desto mehr findet er
Und immer tiefer wächst seine Sehnsucht –
Je mehr er schöpft, desto mehr verschwindet er
Im Grunde genommen in seiner Sehnsucht
Nach seinem Sein und seinem Haben.

Es begräbt sich im Garten ein Gärtner
Und so, nach langem Begraben,
Begräbt er im Grunde genommen in
Seinem Sein und seinem Haben
Seine ewige Sehnsucht.

Dann stieg er aus und ließ die Erde wieder hinein,
Gab Wasser und kümmerte sich nicht mehr groß darum –
Übergab alles der Natur, dem großen Gärtnerlein;
Die pflegte ihm, in ihrer Art, unermüdend, stumm,
Einen Baum gewurzelt in der unendlichen Sehnsucht –
Jetzt braucht er nur kommen und nehmen die Frucht:

Sein Haben und sein Sein
Und die unsterbliche Sehnsucht nach den Zwein.

– Che Chidi Chukwumerije.

MENSCHEN IN MEINEM LEBEN

Es regnet im Wald
Bäume regnet’s ohne Blätter
Glänzende Stangen
Einzelne Menschen im Leben
Es regnet in der Sonne
Helle Aufregung

Mein Herz flattert
Wie Tausend junge Blätter
Bin ich, bin ich ein Schmetterling?
Flatterblätterschmetterling –

Es regnet in den Wald
Unzählige Sonnenscheiben hinein, ohne Ende
Glänzende Stangen
Einzelne Menschen im Leben
Es regnet in der Sonne
Helle Aufregung

Flatterblätterschmetterling –
Wo bin ich?

– Che Chidi Chukwumerije.

DICHTERNEBEL

Ich bin nur ein Dichter
Meine Worte gehen auf Reise
Ziehen sich aus
Wie ausziehbare Fernrohre
Ziehen sich in die Länge
Lassen auf Ferne zurück blicken
Alles wirkt nah, greifbar
Doch streckst Du die Hände danach aus
Begreifst Du
Daß das die Art der Dichtung ist
Dinge nah zu bringen und dennoch
Fern zu halten.

Mehr als ich Prosa lese und liebe
Verschlinge ich unersättlich Gedichte
Gnadenlos wie Messer
Stechen sie tief ein
Scheu wie Rehe
Lassen sie sich nicht
Fassen.

– Che Chidi Chukwumerije.