POLIZEILICH BEKANNT

Das Traurigste in einer Gesellschaft
Ist der Verlust an Vertrauen
In den Beschützer unseres Vertrauens
In die Vertrauenswürdigkeit unserer Gemeinsamkeit.

Das vertrauteste Gesicht des Staats
Ist nicht der/die Bundeskanzler/in
Das bekannteste Gesicht des Staats
und sein Herz, ist der/die Polizist/in.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALLES IST POLITISCH

Alles ist politisch
das Schulsystem, der Arbeitsmarkt
das Gesundheitswesen und Unwesen
Gesellschaftsnormen, -formen, -regeln
Denken und Beobachtung
jede Schwäche plötzlich wieder erstarkt
oder Stärke angeblich verschwunden
durch wissendes Seil der Politik verbunden
populäre und umstrittene Thesen
Alles. Güte, Neutralität, Anfeindung
Kämpfen. Schweigend mit segeln
Schweigen
Vor allem Schweigen ist politisch
in Händen der mutigen und der feigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEBEN EINANDER

Sie sind wie zwei Geister
die im selben gebrochenen Haus spuken
doch einander nicht wahrnehmen
durch einander hin gucken
sehen jeder seine eigene Welt.
Es ist ein leben nebeneinander
miteinander durcheinander
ohne einander. Ruhe und Frieden.
Und Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
#gedichtezumnachempfinden
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ANNÄHERUNG

Manche werden wir nie wieder sehen
nach diesen Tagen gesellschaftlicher Entfernung
Manche Menschen, manche Sitten, manche Arbeitsstellen
nach Social Distancing, Krankheits- und Todesfällen,
nach Dummheit, Angst, Gier und Vorurteilen.
Drum: Teilet tiefe Blicke und saget „Auf Wiedersehen“,
mit Hoffnung auf eine tiefere Annäherung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DEZEMBERS STILLES ENDE

Wüsstest Du, daß die Einsamkeit
Ein Schutzmittel gegen sich selbst ist?
Wenn sie nah ist, ist sie weit
Wenn sie weit ist, wird sie vermisst
Von der in Dir wohnenden Einsamkeit
Denn sie vor allem braucht Gesellschaft –
Gesellschaft ehrlich, tief und wahrhaft.

Wie viele Gedanken nehmen wir
Vom alten ins neue Jahr mit rüber?
Wie viele Persönlichkeiten schälen wir
Denn die Zeiten werden immer gröber –
Welches Schutz-Ich wählen wir?
Kraft der Einsamkeit laut der Einsamkeit
Hören wir am klarsten in der stillen Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE SAAT IST AUFGEGANGEN

Die Saat ist aufgegangen
Der Haß ist aufgestanden
Das Licht ist ausgegangen

Die eingehämmerten Zerrbilder
Generationenlang verdrehte Schilder
Ihre Augen werden täglich wilder

Es war eine Lüge die ganze Zeit
Sie wussten ganz genau die ganze Zeit
Von den Taten ihrer Eltern Eltern Bescheid

Sie wollen sie in heutiger Zeit wiederholen
Sie lassen freudig die Lachmasken fallen
Wagen sich endlich raus mit den Krallen

Man schämt sich für sie
Denn selbst schämen sie nie
Was noch beschämender ist – und wie.

Wie überbrücke ich gezwungene Ferne?
Wie tue ich herzlich, was ich tue gerne?
Laterne, Laterne, Sonne, Mond & Sterne.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LÜCKE

Wenn Du auf Schmerz wartest
Und er kommt nicht, wie ein untreuer
Freund und reuelos, wiederholt lässt
Er Dich im Stich, was bleibt übrig als
Lückenfüller und Ersatz?

Wie viele unfreundliche Blicke
Verletzten Dich heute? Wann hat es
Aufgehört, weh zu tun? Lebst Du
Noch? Wann bist Du gestorben? Wo
Findest Du Deinen Platz?

Wie viele freundliche Blicke
Überraschten Dich heute? Schwerer
Deutbar als die, die Dich beim Anblick
Ablehnen, sind die, die behaupten,
Du wärest ihr Schatz.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUSSICHT: BUNTÄUGIG

Wird über uns
Gewalt einbrechen?
Unmensch sich beim Menschen
Rächen?

Ehemalige Herrscher
Wollen wieder Herrscher sein
Zurückgehaltene Verbrecher
Sind die Rächer.

Das Gute im Menschsein aber
Das einst schwieg, bereut es…
Hebt nun an, gut zu machen heute
Möglichkeiten damals vergeudet

Die Gesellschaft begegnet sich neu
Unsicher, ablehnend, verschieden, scheu
Neugierig, wütend, verwirrt, hoffnungsvoll
Buntäugig und leicht ungläubig.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung