DENN DU BIST NICHT ALLEIN AUF DEINER REISE

Weltenwanderer, Mensch
Getrieben durch sich selbst
Aus sich selbst heraus
Bis unter die Haut –

Ruhelos, ewiger Sucher
Seiner eigenen Seele treuester Besucher
Der Mensch bereist die Welt
Auf der Suche nach sich selbst

Das, was er am meisten braucht
Einen Begleiter, der mit ihm nach Vorne schaut
Der mit ihm die Reise teilt
Seine Sorgen kennt, seine Wunden heilt

Bis er irgendwann sein Ziel erreicht
Und Abschied nehmend wehmütig begreift
Die Reise selbst war ein Weilen
am magischen Ort,
Der nun scheidende Begleiter
ein Freund treuester Sorte.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.

Tagebuch eines Ausländers 8: NICHT AUFGEBEN.

Es war einmal eine Taube, die mitten auf dem Fluß um ihr Leben rang. Zuerst dachten wir, das müsse sicherlich ein Entlein sein, das nach Leckerbissen fischt. Selbst aus der Ferne sah das heftig sich bewegende Wesen auf dem Wasser da zwar nicht wie ein Entlein aus, sondern eben wie eine Taube!, aber unsere kognitive Mechanismen versuchten zuerst das Gesehene umzudeuten. Eine Taube, irgendetwas stimmte bei ihr nicht. Sie schien gefangen zu sein, oder verletzt, unfähig ab zu heben, weg zu fliegen, plätscherte heftig auf der Wasseroberfläche. Die heftigen Bewegungen dauerten immer ein paar Sekunden, wild und herzzerreißend, dann setzten sie sich wieder aus, so daß noch herzzerreißendere Momente folgten, in denen wir uns fragten, ob sie tot war, dann sprang das Ringen mit dem Tod wieder zum Leben. Wir blieben stehen und schauten hilflos zu, während diese tapfere Kämpferin sich weigerte, sich ihrem Schicksal zu ergeben. „Irgendwas scheint mit ihren Flügeln nicht zu stimmen,“ sagte meine Frau. „Ich glaube nicht, daß sie es schaffen wird,“ sagte ich. Tatsächlich riss sie der Fluß träge weiter mit. Wir liefen langsam weiter. Vielleicht ist es ein Schutzmechanismus bei mir, um nicht zu leiden – ich hatte bereits den kurzen Schmerz des sicheren Todes der Taube verkraftet und wollte die Episode schnell hinter mir lassen. Aber bei meiner Frau regte sich das Verlangen, Leben zu retten. Sie blieb wieder stehen, schaute intensiv, schweigend rüber zu der Taube, als wolle sie ihr Kraft übermitteln. „Wenn sie es nur irgendwie schaffen würde, sich bis zum Ufer zu kämpfen…“ murmelte sie. Etwas in ihrer Stimme, in ihrem Gesichtsausdruck ergriff mich. Ich blieb auch stehen, schaute ebenfalls zu und ließ den Schmerz des Geschehens wieder in mich rein. Und dann geschah genau das, das Wunderbare. Als hätte sie meine Frau verstanden, wurden die Bewegungen der Taube noch heftiger, und … langsam steuerte sie sich Richtung Ufer. „Sie kommt, sie kommt!“ rief meine Frau. Es war für mich eine Lehre aus der Hand der Schöpfung, durch meine Frau vermittelt. Ich ging runter zum Flussbett und holte die Taube aus dem Wasser. Ein Flügel hing komisch runter, nur der andere flatterte. Noch voll aufgepumpt mit Adrenalin verschwand der Vogel prompt ins Gebüsch.

– Che Chidi Chukwumerije.

MEINE GÜTE

Des Messers Klinge, heiß, scharf, zweiseitig
Ich komme nicht zur Ruhe – oder nur einseitig
Wie helfe ich am Besten dem Hilfsbedürftigen?
Ihn von seinem Leid erlösen, vielleicht ungereift?
Oder ihn leiden lassen, auf daß sein Leid ihn reift?

Meine linke Hand streitet sich mit meiner rechten Hand
Heißt ein Naturgesetz zu gehorchen
Ein anderes zu brechen?
Gewissen, Vernunft, Empfindung, Gefühl, Verstand
Wie kann man dem Gesetz gehorchen
Ohne das Herz zu brechen?

– Che Chidi Chukwumerije.

KOHLENTANZ

Diese Kinder, die Sterben
Gründe dafür gäbe es tausendfach
Doch Gründe genug kennt mein Herz
Tausendfach trifft der Schmerz ein
Ohnmächtige Tränen…

Noch einen Grund gibt es auch
Grund, Hilfe zu schaffen
So wissend war die Menschheit noch nie
Doch so blind auch

Dein Schmerz, er sucht mich heim
Warum? –
Dein Schmerz, er sucht sich ein Heim
Klopft an die Tür meines Herzens,
dieses heute unsagbares Wort!

Je länger ich tatenlos bleibe
Desto heißer brennt die Kohle
Während anderswo auf diesem Planeten
Kinderherzen erfrieren.

 – Che Chidi Chukwumerije