HERZENSMENSCHEN

Manch ein Mensch
wandert lang
auf verschlungenen Wegen
über Berge und Täler,
Gefühlsschlünde
Empfindungsflüsse
Gedankenwälder,
macht geduldig die schmerzvolle
Reise aus Deinem Herzen in Deinen Kopf,
nicht wissend, ob Dein Herz
ihn vergessen haben wird, wenn er
endlich, plötzlich
in Deinen Gedanken auftaucht.

Überrascht, erstaunt, vielleicht
ein bisschen verunsichert
starrst Du ihn an,
vielleicht ein bißchen überglücklich
betrachtest Du sein Walten in Deinem Kopf,
wunderst Dich wie das sein kann,
daß ein Mensch so lang in Deinem Herzen
unbemerkt leben kann, Wurzeln schlagen,
und dann eines Tages, wie ein Baum,
in Deinen Kopf hinaufwachsen
und taucht wie ein alter Gedanken auf,
– Verwundert denkst Du nur:
Wie tief ist das Herz, wie weit, und geheimnisvoll.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZ-KANNIBAL

Ich esse Herzen
am besten blutig
am liebsten warm
Ich habe mich noch nie verschluckt

Früher habe ich
wild und hastig
rum gekaut
und die Hälfte wieder ausgespuckt

Jetzt verinnerliche ich
inbrünstig, durstig
langsam lang kauend,
die Gesichter ewiglich auf meine Erinnerung gedruckt

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN STINK NORMALER ABEND

Kinderstimmen wie Straßenschilder
Ihr Lachen wie Laternen in der Nacht
Ihre Augen spiegeln vergessene Bilder
aus meiner Vergangenheit aufgewacht

Auch ich habe einst so glücklich gespielt
mit einem Bruder – der lebt nicht mehr.
Im Wirbelsturm der Erinnerung aufgewühlt
wird mir das Schwere leicht und das Leichte schwer.

Der heutige Abend ist so stink normal
Ihr werdet ihn wahrscheinlich vergessen –
Und doch ist Normal dafür ideal,
zu bleiben für immer unvergessen.

Ein Wort wird reichen, oder ein Lied
Ein Lachen, ein Geruch, der Euch mit uns verband –
Nach dem Euer Elternpaar lang verschied
und dieser Alltag für immer verschwand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KREATIVITÄT

Der Mensch wurde nicht zum Fliegen gemacht
Dennoch fliegt er –
Also wurde er doch zum Fliegen gemacht?

Wieviele Wunder werden noch vollbracht?
Wieviele Gedanken wurden noch nicht mal gedacht?
Wo der Verstand zweifelte, hat der Geist gelacht –
Denn immer siegt er.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EWIGES GEDÄCHTNIS

Und das Herz ist ein bodenloses Faß
Das sich erinnert an alles, was der Kopf vergaß
Und sein Gedächtnis trägt in seinem Ausmaß
Die Grenzen von Schmerz und Freude, von Liebe und Haß
In der täglichen Grenzenlosigkeit
Von Zeit gegenwärtig in aller Ewigkeit.
Mein kleines Herz – und eng, und tief, und weit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LÄCHELN

Ihr Herz war ein aus Bambus
geflochtener Korb voll mit reicher Erde.
Es behielt das Lachen, ließ die Tränen
durchsickern aus jeder Beschwerde
und ihre Blumen nannten wir Lächeln.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HINEINHÖREN

An dem Tag, an dem mein Herz schwieg
Habe ich lange nicht zugehört
Und mein Herz ließ mich auch ungestört;
Verschwieg, daß es sein Schweigen verschwieg.

Che Chidi Chukwumerije (30.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ES WAR EINMAL EIN LÄCHELN

Es war einmal ein Lächeln
Ungeschützte Fackel im Sturm
Tapfer lächelnd dennoch, warm.

Der erste, der auf es schoss
War wegen seiner Andersart erbost
Schloss das Herz vor Gewissen, Schmerz.

Die zweite, die schoss aus Rache
Denn sie rief es mit einem Locklachen
Es erwiderte, wich, mit nem Lächeln zurück.

Die nächsten, die hassten das Lächeln
Einfach so. Liebten nur Macht.
Lächeln war gedacht als Machtspielchen

Locklächeln als Mittel zum Endziel
Auch der Hass kann lächeln, kalt und viel
Der Griff ist kalt. Der Topf wut-heiß.

Doch alle unterschätzen das Lächeln
Das echte, starke, warme, menschliche.
Letztes Lebenszeichen der Geistesfackel

Es wird sich diesmal wehren.
Als letzter Überlebender Gestern‘s Lehren
Wird es anstecken, und sich vermehren.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ARBEIT ALS MENSCH

Ein Wink
Pushback-Marshall zum Pilot
Mechanisch, Prozedur nur
Doch ein Lächeln bringt es zum Leben
Mensch zum Mensch sagt Auf Wiedersehen
Und meint es auch.

Gute Reise
Leb wohl
Auf Wiedersehen
Arbeit und Technik und Systeme
Sind nur Bühnen und Werkzeuge
Nur Mensch ist Mensch.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EIN LÄCHELN HAT MICH GERETTET

Ich weiß nicht, wie es anfing
Denn der Anfang, wie immer, entging
Der Beobachtung meines grübelnden Verstandes

Volksmündlich als schlechte Laune gekannt
Fachchinesisch Depression genannt
Alles Uninteressantes

Was ist das? Eine Blume?
Was ist das? Ich will keine Sonne
Ich bin stark genug ohne

Trotzig, stutzig, muffig wie ein Kind
Seele in ihrer Nacht tief und blind
Eingebettet, angekettet

Und dann traf mich Dein Lächeln warm
Guten Morgen, Mensch, nimm meinen Arm
Ich habe Dich gerettet

Ich bin ein Lächeln, und Blume
Ich bin ein Lächeln, und Sonne
Ich bin ein Lächeln, zweifelsohne.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung