STERN

Eine einzelne Lampe
Eine Glühbirne
Hängt von der Decke runter
Die einzige Lichtquelle
Wie ein origineller Gedanke, der
alle Köpfe gleichzeitig befruchtet –
Wie eine uralte Empfindung
die ihre Reise von Anfang der Zeit begonnen hat
und nun hier am äußersten Rande der Schöpfung
über unseren Herzen schwebt
denn es ist Weihe Nacht,
der Tag an dem die Schöpfung lacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIENVATER

Bin schwach heute
finde aber in meiner Umgebung keinen Platz
für das schwache mich.

Alle sehen mich mit Augen an
die mich wissen lassen, daß ich für sie stark bin
und stark sein muss.

Deshalb bin ich stark
auch wenn ich schwach bin
besonders wenn ich schwach bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN ALT WERDEN

Der Abend ist das Versprechen des Morgens
Die Nacht sein Geschenk
Das Alter ist ein Geschenk
Nicht jeder lebt lang genug, um es zu bekommen

Was ist schöner als Deine Falten?
Der Tag mußte lang reisen, um die Nacht zu küssen
Ich werde alle Deine Falten zart küssen
In der Reihenfolge, in der sie erscheinen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WESENTLICHE

Papa, Du bist
fast nie Zuhause –
sagte mir heute Morgen mein Sohn.

Aber ich hörte:
Papa, Du bist nie da.

Und ich dachte an die Demos,
dachte an die Arbeit und an die Treffen,
an die Zukunft, die ich ihm bereiten wollte…

Und ich fragte mich:
War es das alles Wert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABWECHSELND

Ich spürte Deinen Atem gestern
auf meine Haut,
Leise und laut, abwechselnd
lachend und lächelnd.

Du hast mal geflüstert
mal geschwiegen,
bist neugierig und aufmerksam
und ruhig geblieben. Und wild.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEMONSTRATION DER LIEBE

Die demonstrierenden Massen
werden aufgeschluckt von den dürstenden Straßen
bevor sie sie wieder verlassen,
Straßendurst ungelöscht,
Menschenflamme unerlöscht.

Mein Feuer brennt Dich nicht nieder
Dein Fließen stillt nicht meinen Durst
Wir werden ineinander fließen
und wir werden miteinander ringen
In alle Ewigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UNSICHTBARE TRENNUNG

Nachdem der Tod sie getrennt hatte
blieben sie lange noch innerlich
in der Nähe von einander
denn der Leben ist stärker als der Tod –
und zwar das Innenleben des Geistes.

Jedoch spürten sie langsam, daß es
allmählich Zeit wurde, sich wirklich von
einander zu trennen. Und zwölf Jahre
nach dem Unfalltod seines Bruders, erlitt
er zum zweiten Mal den Trennungsschmerz.

Er weinte bitterlich und wusste nicht warum
denn der Verstand versteht wenig von dem
was in der Seele vorgeht. Als er seinen
Bruder fort dachte, war er die ganze Zeit da.
Doch als der tatsächlich sich löste, spürte er

die trennende Bewegung – und den Abschied.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Dieses Gedicht ist die Fortsetzung des Gedichts „GEFÜHLE

und wird selbst nochmal fortgesetzt…

TEURE ZEIT

Da ist viel mehr Zeit innerhalb eines Tages,
als wir vermuten.
Zeit genug, um mehr zu erfüllen, als wir oft versuchen.
Zeit genug, um alle zu lieben, die wir lieben wollen.
Doch nicht Zeit genug, falsch zu gehen und wieder zurück zu kehren.
Dafür musst Du nach einmal leben.
Drum: widme Dich heute allem,
was Dir lieb und teuer ist.
Zeit für mehr hast Du nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNLICH

Wie sehnte ich mich nach Dir
als sehnte ich mich nach mir
und als Du verschwunden bliebst,
starb mit Dir der Mensch, der ich war.

Jetzt schaue ich jeden Morgen
aus dem Fenster nervös in die Ferne
und bete inbrünstig, sehnlich, daß
Du nie wieder auftauchst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TEILEN

Ich berühre Dich
denke ich, doch
ich berühre mich

Im Dunkeln
zünde ich mir das Licht
wenn ich Dich zum Funkeln bringe

Es gibt keinen Unterschied
im Dunkeln
zwischen Dir und mir

Ich berühre Dich
Ich berühre mich
Hauptsache, Du lachst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung