WUNDER

Lazarus, komm heraus!
Blume, öffne Dich!
Kind, wachse und gedeihe!
Liebe, entfalte Dich auf den ersten Blick!
Gedanke, treffe zwei Köpfe gleichzeitig!
Mensch, reinkarniere unerkannt!
Geschehen, zeige Dich vorher im Traum!
Sünder, Dir sind die Sünden vergeben!
Worin liegt der Unterschied? Nirgends.
Alle sind gleich Wunder des Lebens
Wunder des Lichtes, Wunder des Liebens.

Che Chidi Chukwumerije (03.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBE UND LASSE DEN MOMENT

Gestern, wie unsichrer Boden,
wurde mir so schnell unter den Füßen
weggezogen. Das Leben gestattete
es mir nicht einmal, mein eigenes Gedicht
zweimal zu lesen und so war’s gewesen
Als wär’s nie gewesen. Das nächste steht
verschwindend schon vor der Tür.

Wen ich heute liebe, liebe mich heute zurück.
Morgen reimt nichts mehr mit gestrigem Glück.

Che Chidi Chukwumerije (24.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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LIEBEN OHNE GELIEBT ZU WERDEN

Nachdem sie ihn tötete, verlor er
Die Fähigkeit, sich zu verlieben
– Um so tiefer liebt er nun

Nachdem sie ihn begrub, verlor er
Die Fähigkeit, zu schlafen
– Um so klarer, träumt er nun

Nachdem sie ihn verriet, verlor er
Die Fähigkeit, sich zu schützen
– Um so mehr beschützt er andere nun

Ihr Leben war sein Tod
Sein Tod seine Wiedergeburt
Ihre Liebe war sein fünftes Gebot
Sein Gedankenfluss ohne Furt
Unüberquerbar auf dem Weg zu ihr
Und auf dem Weiterweg weg von ihr.

– Che Chidi Chukwumerije, 04.01.2020
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KURZ VOR ENDE

Es war Weihnachten
Wir liebten uns und lachten
Über uns und dachten
Unter uns, was wir machten
Zwischen uns und vollbrachten
War die hohe Kunst
Des Liebens und Lebens

Vergebens.
Es war Weihnachten
Es vertiefte uns, während wir lachten.
Veränderte uns mehr als wir dachten.
Alles, was wir im Endeffekt machten:
Naiv und ahnungslos verbrachten
Wir die letzte Nacht unseres Liebeslebens.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

QUELLE

Ich weiß nicht
Was ich morgen schreiben werde
Doch daß ich morgen schreiben werde
Das weiß ich wohl

Ich weiß nicht
Was ich morgen empfinden werde
Doch daß ich morgen empfinden werde
Ist mein wahres Leben

Und selbst wenn ich sterben sollte
Weiß ich dennoch
Daß ich morgen schreiben werde
Weil ich morgen empfinden werde
Weil ich morgen lieben werde
Lieben ist das Leben nach dem Tod

Ich schreibe keine Gedichte
Ich lasse Empfindungen zu
Sie erzählen mir ihre Geschichten
Und meine dazu.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

INNERLICH WEITER LEBEN

Erst kamen die Blumen
Lächelnde Glocken, spielende Kinder
Mädchen blühen auf
Jungen gehen die Augen auf
Das hier, ist das das Leben?

Dann kam eine stürmische Nacht
Wild tobte es hinter Fenstern
Träumend schwebte es in auftauenden Herzen
Ein gebrochenes Herz sinnt vor sich hin
Das hier, ist das das Lieben?

Dann thronte sich die Sonne, krönte sich der Verstand
Stählerne Augen
Stein entwachsen keine Blumen
Ruhiger Erwachsene, sicher, verschlossen
Das hier, das Leiden!

Enttäuschung – Verstand trifft Empfindung
Nachdenken – Langsam, wie der Abend
Fallen die Nachwirkungen der Schicksalsschläge
Irgendwann fällt mal Wahrheit auf
Das da, das war das Lernen…

Zuletzt nimmt zu der Mond, nicht ab…
Ferne Fragen funkeln wie rufende Geheimnisse, schwache Erinnerungen
Vorstufe einer Rückkehr, sehnende Wiederkehr zu Dir
Nimmt jetzt die Runde wieder ab?
Wie geht es weiter? Immer weiter.

– Che Chidi Chukwumerije.

VERLANGEN

Der neue Tag ist eingebrochen
Er kann nicht länger warten
Der Regen, den ich nachts gerochen
Erfüllt ihn mit Erwarten

Du merkst, wie er sich Mühe gibt
Die Führung zu übernehmen
Merkst auch, dass ihm dies nicht gelingt
Fängt an, sich leicht zu schämen

Ein rötlich Färben streift seine Wangen
Er zittert unbewusst
Eine Gänsehaut, ein dumpfes Verlangen
Ergreift seine Brust

Denn der Regen, der die Nacht
Enthäutete wie einen Lauch
Führt weiter mit seinem Liebesakt
Er will den Tag auch.

Che Chidi Chukwumerije.