MENSCH IST MENSCH

Wie wirst Du Deutsch
wenn Du Weiß bist
und nicht weißt,
daß Du Weiß bist?

Wie wirst Du Schwarz
wenn Du Deutsch bist
und nicht weißt,
daß Du Deutsch bist?

Wie wirst Du Mensch
wenn Du nur Weiß bist
wenn Du nur Schwarz bist
wenn Du nur Deutsch bist?

Wie wirst Du Deutsch
Wie wirst Du Schwarz
Wie wirst Du Weiß,
wenn Du nur Mensch bist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLE GLEICH

Mensch.
Groß oder klein
Vornehm oder gering
Männlich oder weiblich
Hell- oder dunkelhäutig
Machthaber oder Untertan

Und dann fällt der Vorhang
Die Zeit ist um
Alles Äußerliche fällt weg
Geblieben ist nur die Erkenntnis:
Das war doch nur ein
Mensch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE FARBEN DER ERDE

Meine Gedanken reisen nach Hause
in die Vergangenheit – Alle, die
mit mir einst die rote Nigerianische Erde
mit ihren nackten peroxidischen Sohlen druckten, die kommen meinen
heimreisenden Gedanken heute Nacht entgegen
und fragen mich, wie es denn ist, dort,
in der Zukunft, in einem Fremdland.
Ich sage ihnen, der Himmel ist blau,
die Sonne ist milder aber es ist die selbe Sonne,
die die äquatoriale Luft entzündete,
und unser Mond lebt auch hier mit mir.
Nur die Erde, die rote Erde, sie fehlt…
Hier ist der Boden braun
und ich bin, nach zehn Jahren, immer noch dabei,
mich daran zu gewöhnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCH UND SCHWARZ

Ich bin ein Mensch
Ich brauche keinen anderen Menschen
Der es mir erst zugestehen muß
Bevor ich es verkörpere und auslebe
Ich bin ein Mensch

Anfeindungen wegen meiner schwarzen Hautfarbe
Beweisen nur, daß die Anfeindenden
Krank sind und verbogen
Und Angst vor der eigenen inneren Kleinhieit haben
Sie brauchen jemanden zum Unterdrücken

Nicht mich.
Du kannst mich körperlich töten
Körperlich brechen, finanziell schwächen
Meinen Ruf heimtückisch schaden
Doch Du bleibst ein Narr und ich ein Star

Und immerdar.
Ich bin ein Mensch.
Selbstverständlich. Ungebrochen. Unbeugsam.
Vergiss es. Ich werde Dich besiegen.
Ich bin ein Mensch.

Che Chidi Chukwumerije
30.07.2020 (22:35h)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WO SIND WIR?

Wo sind wir alle?
Wo wohnen wir in uns?
Klopf klopf – wer ist da?
Die Erinnerung an uns.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MENSCHEN, WIE MONDE

Menschen, wie Monde,
Sind näher nicht das, was sie weitaus scheinen
Lachen sie? Nein, sie weinen

Menschen, wie Monde,
Wechseln ständig phasenweise ihre Absicht
Nennen das Gezeigte ihr Gesicht

Menschen, wie Monde,
Ziehen ihre Bahnen, brauchen ihren Raum
Und sind doch gefangen in eines andern Traum

Schick zuerst Deine Sonde
Etwas aus Deinem Inneren, was Inneres in anderen erweckt
Denn viel zu viel ist in dem Menschen versteckt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MENSCHSEIN VERLERNT

Alle sind irgendwie müde geworden
gleichzeitig voller Tatendrang
desillusioniert, weiser geworden –
Die Welt steht vor einem neuen Anfang

Kapitalismus wird neu definiert
Sozialismus wird zwangsrehabilitiert
Nationalsozialismus zieht sich geschickt um,
hält als Nationalkapitalismus uns für dumm

Der Nationalismus ja ringt mit sich selbst
sucht verzweifelt nach einem friedlichen Weg
sich durchzusetzen, getreu seinem Selbst
Ein Schiff, ein Hafen, kein Landungssteg

Globalisierung sehnt sich nach Lokalisierung
Eine Ehe ohne Liebe und ohne Vollziehung.
Vergessen hat der Mensch, oder nie gelernt
einfach ZU SEIN – von allen Ismen entfernt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

PAUSEN ZWISCHEN DEN WINTERN

Wie zerbrechlich die Schneeflocke
doch fragiler der Mensch.
Jedes Jahr erscheint die Schneeflocke
wieder; eines Tages ertönt dem Menschen
zum allerletzten Mal der Zeit Glocke.

Der Winter wird wieder kommen, oh Mensch;
dein Zeitalter ist kurz. Genieß es. Frohlocke.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ÜBERMENSCH

Das Leben ist schnelllebig
Mut ist wankelmütig
Der Mensch ist übermenschlich
wenn er menschlich ist

Art ist ungleich artig
Alle Wege sind gleich unwegsam
Der Mensch ist unmenschlich
wenn er übermenschlich ist

und übermenschlich
wenn er menschlich ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SPIEGELBILD

Am Anfang schöpfte die Blume
aus der Erde – jetzt schöpft
die Erde aus der Blume
eine Blüte, denn der Blume Blüte
ist der Erde Lächeln zum Himmel
– Trost für seine Tränen –
Keiner braucht sich zu schämen
der seine zarteren Gefühle
einem Fremden zeigt.

Durch Welten getrennt
wie unterschiedlich sind wir wirklich?
Wieso brennt dasselbe Lichtlein
in uns wie das Spiegelbildlein
einer vergessenen gemeinsamen Wurzel
Dunkeljahren und Lichtmeilen entfernt?
Ich kenne Dich, Deine List, Gier,
Deine Herrschsucht, denn sie sind auch
meine – nur anders verbogen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung