KÄLTE UND WÄRME

Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der sich die Wärme zurück zieht
tief ins Herz von Mensch und Natur.

Jeder Obdachlose, den man sieht
zitternd da draussen, ist ein Mensch
der in Schwierigkeiten geriet.

Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der der Mensch die Wärme bezieht
einzig und allein aus der Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ROSENDUFT

Die Obdachlosen
Die Straßenrosen
Das karge Almosen –
Fühlst Du Dich abgestoßen?

Die Namenlosen
Haben Namen im Namen der Liebe
Und im Gedächtnis von Jemand
Irgendwo sind sie kein Niemand

Keiner ist niemand
In diesem, in keinem Land
Eine Rose braucht Wasser, Licht und Luft
Wir brauchen Rosenduft

Wieder so ein Abend
Zur Hälfte Freude, zur Hälfte Elend
Die Zeit, die ich vergeude, ist ein leeres Gebäude
Ohne Fenster. Nur Liebe ist wirklich hellsehend.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SIE WAR

Mal leuchteten ihre Augen auf
Mal ging das Licht aus
Nicht einmal nachdenklich wirkte sie
Einfach nur resigniert –

Haut unrein
Doch einmal lächelte sie mich an
Mein Atem stockte. Sie war
Eine wunderschöne junge Frau
Kaum dem Mädchenalter entwachsen

Sie zog an der Kippe und starrte
Die Wand an. Meine Augen ruhten
Auf den Nadelstichen and Arm und Schenkel
Als wären sie Seiten eines Buchs –
Und als ich ging, schaute sie noch einmal hoch
Doch sie lächelte nicht wieder.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AM LOKALBAHNHOF

Straßenlieder
Er pennt nicht, er schläft
Neben dem Fahrkartenautomat
Seine sind Augen eines Denkers
Aber er schaut nicht zurück
Nein, die sind Augen eines Nachdenkers
Die blicken nur zurück, nicht mehr
Nach Vorn.

Wie schützt er die Matratze, wenn es regnet?
Er wohnt hier schon seit Monaten –
Wann kauft auch er sich eine neue Fahrkarte
Und steigt wieder ein?

Che Chidi Chukwumerije.

2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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