GEGENZUG

Er zog die Maske runter
zog einen tiefen Atemzug in sich hinein
setzte sich in den Zug
lehnte den Kopf gegen das Sitzpolster
schloss die Augen

Und reiste in die Vergangenheit
während der Zug in die Zukunft fuhr
sich den Weg durch die Gegenwart bahnend
Die Reise zog sich in die Länge
und fand erst gegen Ende der Fahrt ein Ende

Er atmete aus
setzte seine Maske wieder auf
öffnete die Augen und verließ den Zug
Doch ob es die Augen der Maske war,
oder seine eigenen, die er öffnete?

Das weiß ich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERÄNDERUNGEN

Heute schaute ich zurück
Wie ein Baum auf einem Hügel

Hinter mir waren mehrere Gipfel
Auf jedem Stand ein Baum

Schwer fiel es mir, zu begreifen,
daß ich mal alle diese Bäume war

Schwer fiel es mir zu begreifen,
wie Menschen sich so völlig ändern

Und dennoch kam in jedem Augenblick
Mein ehrlich wahres Selbst zum Ausdruck.

Che Chidi Chukwumerije</em>
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEBEN DIR

Ich fahre neben Dir durch den Wald
durch die Zeiten, in wechselnder Gestalt,
durch das Leben, durch diese Welt,
mit Hoffnung im Herz, mit und ohne Geld,
Du bist mein und ich bin Dein Held,
Ärger und Versöhnung, Angst und Halt,
Egal wo uns das Schicksal aufhält,
bleiben wir unterwegs und kommen bald an!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE NAVIGATOR

In der Landschaft meiner Gedanken
fliege ich, ein Flugzeug,
und ich fliege durch sie hindurch

Denn ich muß tausend Gedanken ignorieren
um den einen zu finden,
der mich unaufhörlich ruft

Ich sehe Euch alle
und ich liebe Euch alle
dennoch muss ich Euch alle verlassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄCHTLICHE SEITEN

Du denkst, Du fährst durch die Nacht
Doch am Ende der Reise
steigst Du aus dem Zug und begreifst
Es ist die Nacht
die durch Dich hindurch gefahren ist.

Weil die Orte die Plätze getauscht haben
und Du bist noch, wo Du warst
Weil Abend und Morgen die Seiten
gewechselt haben
Über Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNZEUG

Ein Flugzeug
Einsam und ernst
Strebt einem fernen Ziel zu
Doch alles, was es erreicht,
Ist die Ankunft in mein Herz.

Egal wie weit es fliegt
Entkommt es meiner Sehnsucht nicht
Egal wie hoch es steigt
Verschwindet es nie aus meiner Sicht –
Fernweh.

Traumraum
Der wahre Wolkenkratzer
Beweglicher Gedanke
Flugweh…
Du schönes Fernzeug.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZYKLEN

Ich laufe über mein Klavier
Und alle paar Schritte stehe ich wieder
Am Anfang meiner Lebenslieder
Wir haben alle dafür so ein Gespür
Dejavu ist des Lebens Dauersouvenir
Wie wiederkehrend der Morgen dem Tag
Egal was der Kalender behaupten mag
Mein Gedicht ist Reinkarnation auf Papier.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

PARADIESSUCHT

Ich war, als ich Zuhause war,
ein Fremder –
Ich bin, jetzt wo ich ein Fremder
in der Fremde bin,
Zuhause.

Ich bin, jetzt wo ich Zuhause bin,
ein Fremder wieder.
Ich sehne mich wieder nach Hause,
in der Fremde…
denn ich bin fremd geworden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

REISEZIEL

Flughafen
Kann man Sehnsucht einchecken?
Ist Übergepäck erlaubt?
Erinnerungen trag ich im Handgepäck
Ich möchte sie durchblättern
Während alle schlafen
Denn ich bin immer wach
Im Wandelflug meines Innenlebens
Von mir zu mir.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KREISEN

Heute muß ich ins ferne Land
Weiß nicht, was mich erwartet
Suche ahnend die unsichtbare Hand
Anders- und gleichgeartet
Beides gleichzeitig
Die auf mich – wie ich auf ihn – wartet,
Beides gegenseitig.

Ich starte steil in den Sehnflug
Sehnflucht zittert vor Sehnsucht
Einmal ist niemals genug
Reisen ist der Sehnsucht nur eine Frucht
Rückkehr die andere
Selbst im Äußeren wird letztendlich gesucht
Nur das Innere.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung