SEELEN REDEN

Hinein hören
in die Seelen der anderen
ist hinein hören
in die Chöre der eigenen Seele

Ist schweigen
und auf Sich wirken lassen
Ist im Schweigen
Liebe und Haß erfassen mit der Seele.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE INNERE POSITION

Ein Satz sagt viel
viele Sätze nichts
Des Redens Ziel
Macht eines Gedichts

Während unausgesprochen
die innere Position entsteht
wird über anderes gesprochen
besprochen wie es einander geht.

Doch irgendwo mittendrin
fällt ein Wort oder Satz…
des Gesprächs wahren Sinn
in sich bergend wie einen Schatz.

Einmal erwähnt und gehört
verstanden und akzeptiert. -
Weiter geht das Geplauder ungestört
als wäre nichts passiert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KLEINGEREDE

Er sitzt, schweigt. Hört er zu? – Oder
ist er in seinen Gedanken verloren?
Nippt ab und zu an seinem Soda,
sitzt ansonsten still, fast wie gefroren.

Warum setzt er sich abseits von uns?
Weil er Schwarz ist? Wir sind farbenblind.
Weil er älter ist? Erscheinen wir ihm zu klein?
Oder weil wir hier nur Frauen sind?

Sie flüstern und rätseln emsig weiter,
suchen im Äußeren nach Antworten –
Lokalangestellte? Oder Gastarbeiter?
Sollen wir ihn ignorieren oder supporten?

Niemand kommt auf die einfache Antwort,
denn die liegt in seinem Innenleben –
Er kann und mag einfach kein Smalltalk,
überlässt lieber den anderen das Reden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH SAGE NICHTS MEHR

Ich sage nichts mehr, sage ich
und habe somit unendlich mehr gesagt
als ich sagen sollte. Hätte ich
lieber schweigen sollen, als ich gefragt
wurde, was ich dazu sagen würde -
Jede Äußerung ist eine schwere Bürde
für jeden, der eine zu formulieren wagt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWEIGEN, EINE SPRACHE

Schweigen, eine Sprache, Weltsprache,
oft schwieriger zu lernen als Englisch 
oder Swahili, schwieriger zu lesen als
Russisch, Chinesisch oder Arabisch,
schwierig zu verstehen, zu deuten, und 
am schwierigsten eloquent zu sprechen. 
Eine Innenweltsprache.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNNÖTIGE BRÜCKEN

Weil jeder Gedanke zurück kehrt,
schick nur Deine besten von Dir fort.
Weil Dein Wort Dich ehrt oder entehrt,
spürst Du in Deiner Empfindung sofort,
wenn Du es falsch verwenden hast
oder wenn es das Beste in Dir erfasst.

Ich sage nichts mehr,
was ich nicht unbedingt sagen muss.
Wüsste ich dies nur eher,
bliebe manch eine Begegnung beim Gruß
gefolgt von einem klaren Abschied
und, ungestört, meinem inneren Fried.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OHNE WORTE

Warum schweigen wir,
wenn unsere Herzen voll sind?
Und reden immer mehr
je leerer wir werden und blind?

Worte waren von jeher
ungenau, unzulänglich, schwach,
nie genug. Doch das Gespür
trifft es in der Empfindung einfach.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WARUM ICH SCHWEIGE

Warum ich schweige,
mich zur Stille neige:
Weil jedes Wort Verrat wär
an das Beste in mir -
Weil jedes Wort Verrat wär
an das Echte in mir.

Ich würde so gerne
ganz in die Ferne,
Starrem mich entziehen -
innerlich, meine ich -
mich zurück ziehen.

Schweige ich, weine ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMETTERLING


Im Land der Stille
wächst der Wille –
und wenn er reif
geworden ist und bereit
durchbricht er die Hüllen
denn er will erfüllen
denn er muss erfüllen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER VERSCHLOSSENE WALD

Sie hat gelernt,
daß Schweigen schützt;
Das Schweigen der Bäume,
in mitten deren - ne, dessen - sie sitzt,
das sie vom Überflüssigen abschirmt,
das ihr Sinnen unterstützt,
und das ihr nur das enthüllt,
was ihrem Heilen nützt.

Tausend Erinnerungen pro Empfindung -
Selbst die kleinste davon preiszugeben
ohne sich selbst und anderen vorher zu vergeben
kostet sie Überwindung.

Sie hat gelernt schweigend zu geniessen,
schweigend ihren Wald zu verschließen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung