Möchte so sehr schweigen denn sprechen ist das Ziel verfehlen. Nicht verstanden zu sein - nichts kann das Herz mehr quälen. Ein langes, lachendes, leeres Gespräch - so leicht ist es, mich zu bestehlen. Lange, lachende, leere Gespräche… bringen mich dazu, mich zu stählen. Meine Seele hungert und dürstet, was willst Du mir als Nahrung empfehlen? Würdest Du mit mir schweigen? Und was würdest Du mir dabei erzählen? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
schweigen
DIE EMPFINDUNG SCHWEIGT NIE
Schweigen tötet Es ist das unerträgliche Gewicht. Brich Dein Schweigen bevor Dich Dein Schweigen bricht. Schweigen brechen tötet Wer hat das noch nicht erfahren? Wahre Dein Schweigen und es wird Dich auch bewahren. Und wenn Du unsicher bist, hör auf Deine Empfindung. Und wenn Du sicher bist, hör auch auf Deine Empfindung. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MITTE AUGUST
Wenn Stimmen und Lärm die Leinwand sind, Auf die Du Dein Schweigen malen musst, Ist die Stadt eine unendliche Leinwand - Genug Brust breit genug für Deine Lust. So lang gerieben, Schweigen aber ist wund Durch Begehren der Stadt und ihre Frust; Denn das Schweigen geht gegen den Trend, Gleichzeitig ignorierend und benutzend bewusst Die Mischung aus geschwollenem Vollmond Und der brennenden Stadt mitten im August. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZWEI GESPRÄCHE
Hast Du schonmal zwei Menschen
reden gehört
und mit keinem Wort verrieten sie,
worüber sie wirklich redeten?
Hallo. Wir geht‘s Dir?
Lange Zeit. Danke, mir geht es gut.
Und Dir? Auch. Auch. Schön,
Dich mal wieder zu sehen. Ja…
Eine Umarmung… Sie gehen
ihre getrennten Wege wieder. Einst
waren sie beste Freunde, Liebhaber sogar,
aber das ist lange lange her.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SMALL TALK
Wie angeordnet und vorgegeben sinnlos los babbeln - alles klein reden. Der Trick ist, nicht groß zu denken. Hauptsache nicht durch Schweigen die Aufmerksamkeit auf Deine wahren Gedanken lenken. Auf Deine großen Gedanken. Lenke lieber mit Worten ab. Mit kleinen Worten wie Luft verpackt in großen Geschenken. Nicht der Dauerschwätzer stört heutzutage sondern der Schweigsame. Schweigen ist zu tief, zu schwer. Smalltalk erleichtert uns doch das Gemeinsame. Geht‘s Dir nicht gut? Fragen ihn alle, eine Plage. Lasst mich!, schreit der Einfühlsame, innerlich. Fragt sich, ich und der Kleinredner - wer ist hier wirklich der Einsame? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZUHÖREN
Ich habe ein großes Bedürfnis nach Schweigen, nach einem großen randlosen Schweigen ohne das Geräusch von Mensch oder Technik, von Tieren oder Elementen oder Gedanken. Ein Schweigen so tief, daß ich in seinen Armen meine allererste, älteste, ur-sprüngliche Empfindung wieder vernehme, aus der ich gesprungen bin, aus der ich geworden bin. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALLEINER
Heute höre ich das Schweigen Warum ist das Schweigen so laut? Und warum hört es keiner? Das Schweigen, unauffällig Wenn Menschen auseinander fallen Bereits allein, und jetzt auch noch alleiner Alleiner ist stärker als mehr allein Das Mehr trügt, Wo das Wesentliche immer weniger wird. Das Schweigen breitet sich aus Von Mensch zu Mensch, Haus zu Haus Und wahre Gespräche werden weniger. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LAUT SCHWEIGEN
Irgendwann schweigt
sein lauter Augenblick,
der im Augenblick
noch lauter schweigt
als je zuvor.
Irgendwann
ist sein Schweigen kein Reden mehr,
nur noch ein Schweigen.
Und Du wirst es lauter hören
als sein lautestes Schweigen davor.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MANCHMAL LIEBER SCHWEIGEN
Ein Wort zu viel
wiegt weniger schwer
als ein Wort verschwiegen
und kann es nicht ausgleichen.
Die Berge schweigen laut
und lauter als die Nacht
und lauter als die Toten
und lauter als die Einsamkeit.
Nur die Reue schweigt lauter,
wenn es schon zu spät ist.
Und alles Schweigen der Welt
kann das gesprochene Wort nicht korrigieren.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHREIENDE GEDANKEN
Der Lärm der Gedanken ist lauter –
Warum schreien sie so laut?
Wissen sie nicht,
Gedanken gehen uns tief unter die Haut?
Denken sie, daß keiner sie hört?
Wer weniger laut schreien will,
muß endlich was sagen –
Laß es äußerlich raus, werde innerlich still.
Denn der Lärm der Gedanken ist lauter
als alles Gerede der Welt
Und am Lautesten wenn die Menschheit
In gehorsames Schweigen fällt.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
