STIMMEN AUS SCHWEIGEN

Videokonferenz. Stimmen.
Ich höre mich nicht.
Ich höre nur mein Schweigen, reichhaltig,
genau so laut.

Als die Konferenz plötzlich vorbei ist
und die Stimmen weg sind,
höre ich auf einmal meine Gedanken wieder
und mein Schweigen nicht mehr.

In den Stimmen
höre ich mein Schweigen.
In meinem Schweigen
höre ich die Stimmen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WISSENDE SCHWEIGEN

Die Halle heißt Schweigen
Die Fenster sind lauter Augen
Alles, was wir verschweigen
Werden die Augen aufsaugen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAME FREUNDE

So viele Menschen
So wenige Freunde
So viel Wasser
Überall Durst

So viele Worte
In so vielen Sprachen
So viel Schweigen
Und Einsamkeit

So viele Chats
So viele Gespräche
Alle verschweigen ihr Schweigen
Und neigen alle zur Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEITREISEN

Die Natur erzählte mir, daß
sie die Fragen im Winter sammelt
im Frühling vergißt
im Sommer wieder in Erinnerung ruft
und im Herbst beantwortet.

Schweigen ist keine Schwäche
sondern ein Werkzeug
Geduld ist das Licht, in dem
das Unklare langsam klarer wird
Die Zeit ist ein Freund der Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HINEINHÖREN

An dem Tag, an dem mein Herz schwieg
Habe ich lange nicht zugehört
Und mein Herz ließ mich auch ungestört;
Verschwieg, daß es sein Schweigen verschwieg.

Che Chidi Chukwumerije (30.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS SCHWEIGEN DILEMMA

Weil sie laut sind schweigen?
Oder weil sie laut sind schreien?
Was soll der Mensch tun, um einzugehen
in den Zustand der gewissenhaft Freien?

Weil ich nicht alles weiß schweigen?
Oder weil ich zu viel weiß reden?
Um zu schützen oder um zu schaden?
Hades oder Eden.

Was soll der Mensch tun, um einzugehen
in den Zustand der von Schuld Freien?

Che Chidi Chukwumerije (14.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

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SCHUTZZÖGERN

Abschied aus dem Reiche
Der Oberfläche –
Ich zögere…

Welche Tiefe braucht keine Oberfläche?

Welche Wahrheit braucht
Keine sie schützende Lüge?
Ablenkung und Deckung.

Ich zögere.

Wer zögert,
Hat bereits verloren.
Oder ist auch das nur eine Schutzlüge?

Ich zögere.

Denn ich weiß
Daß mein schweigendes Wissen
Das Wertvollste ist, was ich besitze.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHWEIGEN

Wie die Bäume
Die alles hören
Sehen und fühlen
Und niemand stören

Habe ich gelernt
Nicht auf alles
Zu antworten

Wie die Bäume
Die als Samen starten
Und langsam wachsam
Während wir warten

Habe ich gelernt
Es gibt nicht für alles
Vorgefertigte Antworten

Manche Fragen sind Samen –
Gebettet am stillen Ort
Zieht sich langsam zusammen
Die richtige Antwort.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VERSCHWEIGEN

Schweigen
Ein Gefäß, versprochen
Ohne Zeugen
Ungelesen, ungebrochen

Manche forschen
In alten Schriften
Manche in Pyramiden
In Ägypten

Abhörgeräte
Überall
In allen unseren Geräten
Auch im Weltall

Doch intimstes Wissen
Wurde nie niedergeschrieben
Tiefste Geheimnisse
Persönlich verblieben

Nur kurz aufgewühlt
Geschwind runtergekühlt
Und dann in Schweigen
Ewig eingehüllt.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRAURIGE SCHÖNHEIT

Es rührt sonderbar zu sehen
Eine hübsche traurige Frau
Hinter ihr bereits zwei Ehen
In der dritten sitzt sie zur Schau

Ich beobachte sie nachdenklich
Wie sie an ihrem Tisch sitzt alleine
Unsere Augen, ab und zu, treffen sich
Ihre sind nachdenklicher wie meine

Sie hat die Jahre gut überstanden
Der Schmerz hat sie fesselnder gemacht
Doch sicher, das “Warum” hat sie nie verstanden
So selten wie sie heute noch lacht

An meinem Tische unterhalten sich
Meine guten Kumpel mit ihrem Ehemann
Er will bleiben und tanzen feierlich
Was sie will, wird nicht kundgetan

Lebhafter wird die Veranstaltung
Immer mehr Leute, Musik, Essen, Bier
Sie beachtet alles mit Zurückhaltung
Und tauscht immer wieder einen Blick mit mir

Ihre Schönheit ist atemberaubend
Aber die hat sie nie wahrgenommen
Nach dem Sinn des Lebens verlangend
Hat sie den Lebensberg stets rastlos erklommen

Kurz nur blieb sie noch sitzen
Während andere tanzten wild und schräg
Und als auch ich anfing, zu schwitzen
Schaute ich ‘rüber und sie war weg.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung