EIN REIFERER SUCHENDE GEWORDEN

All die Jahre hast Du gewartet
Und nicht gewusst, worauf
Kostbar muß es sein, deshalb
Nimmst Du alles in Kauf
Doch Du wirst nicht jünger, langsam
Nimmt das Leben seinen Lauf
Leben, lieben, leiden, wachsen
Und das Leben hat Dich getauft

All die Jahre hast Du gesucht
Unter jedem Dach und Fach
Bis in Dir selbst das Leben schüttelte
Einen besonderen Menschen wach

Ein Geheimnis verrat’ ich Dir dennoch
Ob Du es glaubst oder nicht
Es erwartet immer noch Dich da draußen
Der Gral, das Gesuchte, das Licht

Weiter geht Dein Suchen morgen
Doch mach Dir keine Sorgen
Du bist zu einem reiferen Suchenden geworden.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HANDARBEIT

Tasten
Greifen
Halten
Falten
Entfalten…

Halten
Greifen
Tasten
Reifen
Entlasten…

Mit den Fingern sehen
Hören, schmecken, riechen, die Wege gehen
Suchen und finden
Sich an das Licht halten
Das Licht anschalten
Mit den Fingern, Seele, auch, empfinden.

– Che Chidi Chukwumerije.

INN’ BLICK

Mit Blick auf den Inn
Ausblick mit sechstem Sinn
Woher, ich, wohin?
In diesem Urlaub ist alles drin.
img_3019
Che Chidi Chukwumerije.

VERZEHREN

Der Genuß des Lebens
Besteht für mich darin
Die Grenzen der Reize ständig auszuweiten
Die ich ohne nach zu geben
Ertragen kann.

Was läufst Du weg von mir
Und steigerst mein Empfinden?
Gefangen zwischen Mensch und Tier
Am Sehnen und am Erblinden.

Du bietest mir körperliche Nähe an
Auf daß ich deine Seele in Ruhe lasse
Aber nein – Ich weiß, was ich will.

Was ist Zeit?
Wir haben die Ewigkeit.

Und Langsamkeit.

CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

IM GRUNDE GENOMMEN

Es gräbt im Garten ein Gärtner
Und dann, nach langem Graben,
Gräbt er im Grunde genommen aus
Seinem Sein und seinem Haben
Seine ewige Sehnsucht heraus.

Je mehr er gräbt, desto mehr findet er
Und immer tiefer wächst seine Sehnsucht –
Je mehr er schöpft, desto mehr verschwindet er
Im Grunde genommen in seiner Sehnsucht
Nach seinem Sein und seinem Haben.

Es begräbt sich im Garten ein Gärtner
Und so, nach langem Begraben,
Begräbt er im Grunde genommen in
Seinem Sein und seinem Haben
Seine ewige Sehnsucht.

Dann stieg er aus und ließ die Erde wieder hinein,
Gab Wasser und kümmerte sich nicht mehr groß darum –
Übergab alles der Natur, dem großen Gärtnerlein;
Die pflegte ihm, in ihrer Art, unermüdend, stumm,
Einen Baum gewurzelt in der unendlichen Sehnsucht –
Jetzt braucht er nur kommen und nehmen die Frucht:

Sein Haben und sein Sein
Und die unsterbliche Sehnsucht nach den Zwein.

– Che Chidi Chukwumerije.

DICHTUNG

Verantwortung
Übernehmen
Verantwortung
Übergeben

Wo liegt der Unterschied?
Erhielt ich, was ich vermied?
Oder vermied ich, was ich erhielt?
Erzielt – gezielt oder geschielt?

Suchen und sehnen –
Finden, Lachen und Tränen.

Aufgaben
Aufgeben
Aufgaben
Aufnehmen

Leben verpflichtet
Und verschlüsselt und dichtet.

– Che Chidi Chukwumerije.

SIE ROLLT…

Sie rollt…
Verschollene Zeit
In wie weit
Seit gestern Abend
Verweilst du noch an meiner Seite?

Sie bleibt. Treibe ich?
Nach vorn und nach hinten, ab und zu
Bleibe ich?
Verschollene Zeit
In wie weit
Seit gestern Abend
Verweilst du noch an meiner Seite?

Eine Hexe kam zu Besuch
Ich wusste nicht weiter
Aber als ich erwuch…

Schau, so ist es nun:
Auf der anderen Seite bin ich wach.
Verheißene Zeit
In wie weit
Seit einer Ewigkeit
Verweile ich noch unterwegs zu mir?
So war es einmal…

– Che Chidi Chukwumerije.

WIR SIND

Wir sind wie Zombies
Leben in Deutschland wie
Schatten in einem Raum leben –
Nämlich nicht. Nur
An der Wand schemenhaft schleichen
Unstet, unsicher, bruchstückhaft
Unerfasst und unfassbar
Und fassungslos

Wie Geister tauchen wir aus dem
Nichts nachts auf
Tanzen laut wie entfesselte
Verzweifelten…
Lachen mit Mund
Fragen einander gegenseitig mit Augen
Was wir hier machen –
Nämlich nichts.

– Che Chidi Chukwumerije.

DUETT

Er bot ihr Rhythmus an
Aber sie war eine verlorene Melodie
Und sehnte sich nach Harmonie
Egal, ob Frau, ob Mann

Er brachte seine Hüfte näher
Sie konnte nicht widerstehen
Langsam fingen sie an, sich zu drehen
Tiefer atmend, immer höher

Und ihre verlorene Melodie
Vom Rhythmus angezogen
Taktvoll ausgezogen
Verstummte vor lauter Harmonie.

– Che Chidi Chukwumerije.

SELBST IST DIE ZEIT

Ruhe. Der Tag vergeht
Die Zeit aber nicht
Dein Sehnen selber dreht
Für dich das Licht

Auch in schwarzer Nacht
Weht dein Wandern weiter
Die Mitternachtsonne lacht
Und wird dir Leiter

Bis ein neues Verlangen
Dich schwindlig macht
Neues anfangen
Denn Alt-Es ist vollbracht

Die Zeit dreht den Suchenden
Richtung neuem Heim
Doch wird alles sich enden
Trotzdem im alten Reim.

– Che Chidi Chukwumerije.