IM GUTEN ABSCHIED NEHMEN

Hast Du heute morgen
Deinen Geliebten in die Augen geschaut?
Hast Du es zur Verzeihung
Und zum Liebe-tauschen Dir getraut?
Hast Du die Mauern, die gestriger
Streit errichtet hat, heute abgebaut?

Heute morgen könnte
Die letzte Gelegenheit gewesen sein.
Schneller und plötzlicher als
Du denkst, steht einer von Euch ganz allein.

Che Chidi Chukwumerije (27.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

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DICHTKUNST

Mancher abgeschiedene Geist,
So sagt die Legende,
Akzeptiert nicht, daß sein Erdensein
Schon längst ist zu Ende;
Vermischt sich unsichtbar, stur,
Unter den noch irdisch Lebenden,
Fährt brav noch Bus und U-Bahn,
Geht spazieren mit Fußgängern.

Veränderungen zu akzeptieren,
Fällt uns Menschen wohl schwer;
Uns wegzudrehen und weiterzugehen,
Wohlbekanntes habend nicht mehr;
Eine vertraute Vergangenheit loszulassen
Macht uns ängstlich und leer;
In der Gegenwart zu leben –
Gestern weg, kein Morgen hinterher.

Ob vor oder hinter dem Grabmal
Bleiben wir das, was wir sind.
Für manche, Reichtum; andere, Status;
Manche, Liebe; oder die Zeit als Kind,
Oder Schönheit, oder Gesundheit;
Vergangenes macht uns häufig blind.
Wir tun so, als ob die Dinge noch so sind,
Wie sie es längst nicht mehr sind.

Die Kunst des Lebens besteht jedoch
Darin, auf fast alles zu verzichten,
Was das Leben anzubieten hat,
Sich Aktuellem, Kleinem, zu verpflichten;
Darin dann alles zu suchen, zu finden
Und erkennen, pflegen und zu errichten,
Worauf man angeblich verzichtet hat.
Die Kunst des Lebens ist dichten.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AN GOTT IST ZU GLAUBEN

Und wieder ist jemand gestorben
Den Du kanntest. Selbe Generation.
Du hättest es auch sein können.
Hinterließ einen kleinen Sohn.
Wo ist Gott?
Frag stattdessen: Was ist Gott?
Woran wird Realität gemessen?

Eines Tages sitzen Deine Freunde
Zusammen, erinnern sich auch an Dich,
Meine an mich, aber auch sie, die
Erinnerer, erinnern sich teils vergeblich
Denn auch sie
Werden einst vergessen: Poesie
Bewahrt nur einen Teil unserer Essenzen.

Wir selber ziehen fort und weiter
Denn überall ist Leben und Sein.
Realität selbst ist Gottesschöpfung,
Die Liebe zum Sein und geteiltem Sein
Und Anderssein,
Diese Liebe ist wessen?: von Gottessein
Zeugt sie, und Zuversicht unterdessen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRENNUNG

Heute morgen. Sitzend im Friedhof
Ich frage mich: was ist leben?
Draußen war in und um mir alles tot
Hier fühle ich mich lebendig

Hier wo Knochen und Eitelkeit
Begraben nebeneinander weiter sterben
Kein Streben nach Ruhm macht
Den Sterblichen wieder unsterblich

Nirgends ist leben spürbarer als hier
Wo keiner liegt und nicht in Frieden
Selbst der Tod hält sich fest am Leben
Höflich, wachsam, grün und friedlich

In der Stille tief ist Schönheit
In den Gedanken der Hinterbliebenen
Selbst inzwischen auch abgeschieden
Unter ihren eigenen Blumen liegen.

Das Schönste an einem Gedicht
Nicht der Anfang, sondern sein Enden
Plötzlich, bestimmt, ist es geboren und
Befreit sich von seinem Dichter endlich.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

www.facebook.com/686560623/posts/10162607940190624

TROTZ ENTTÄUSCHUNG WEITERLEBEN

Am Tag nach seinem Tode Wachte auf im Jenseits die Seele Blickte auf seinen alten Körper Und den daneben trauernden Bruder Am Tage nach seines Bruders Unfall Wachte der Hinterbliebene im Leichensaal Blickte auf seines Bruders Leiche Und ahnte nicht die daneben trauernde Seele Die neben ihm wachte Und ihn mit Schmerzen im Herzen beobachtete Und beide sannen Über alles, was sie noch gemeinsam Vorgehabt hatten… Jetzt vorbei Und beide empfanden im Geiste Die Wucht ihrer starken Liebe Zu einander… Ungeschwächt Und beide erinnerten sich Schmerzlich An den Moment, den Fehler, den Unfall Der zu dem Tod geführt hat Und wenn sie es nur könnten, egal Wie, würden sie alles rückgängig Machen – leider unmöglich Nun blickten beide auf den leblosen Körper Wie auf eine Schwelle, eine Grenze, Ein geschlossenes Tor in eine verpasste Und verlorene Möglichkeit… Eine Chance vertan. Dann fassten sie Mut Ertrugen den Schmerz Drehten sich um Herz ewig verbunden mit Herz Und mit Liebe als ewiger Leiter Gingen sie voller Hoffnung und Sorgen Jeder mit seinem Leben weiter, Weiser geworden. – Che Chidi Chukwumerije Fortgesetzt in GEFÜHLE 2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LANGSAM GEHT SCHNELL

Das, womit der Mensch stets
Am Wenigsten rechnet, das,
Was ihm aber stets widerfährt:
Daß seine Zeit einst um ist
Schneller als erwartet, und er
Keine Zeit mehr hat, das Wesentliche
Noch zu erfüllen, bis er scheidet.

Alles bleibt unvollendet
Gedanken, Sätze, Kapitel
Abgeschnitten, lose hängend
Kaum einer stirbt ohne
Sich nachdenklich zu fragen –
Und? Was war der Sinn des Ganzen? –
Ein kurzer Gedanke, dann Gute Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HOFFENTLICH

Die den Tod anderer beweinten, sind mittlerweile auch fort. Wie meine Tante heulte, als vor vielen Jahren mein Bruder Kwame starb; wie mein Vater litt; wie mein bester Freund Dede mit mir schwieg;… wo sind sie alle heute? Auch fort!

Was geschieht dem Schmerz der Trauernden, wenn sie sterben? Nehmen sie ihn mit oder geben sie ihn an den noch Hier-Weilenden weiter? Ich habe sie alle betrauert, dennoch werde auch ich ihnen eines Tages dorthin folgen, ins Jenseits.

Allein meine Gedichte überlasse ich Euch; mögen die bitte immer stärker sein als jeder Schmerz. Wir treffen uns auf der anderen Seite – hoffentlich irgendwo Schönes – oder diesseits wieder an einem anderen Mal – hoffentlich irgendwann Schönes.

– Che Chidi Chukwumerije.

ANNELIESE 1927-2014

Sie war knapp 87 Jahre alt
Da lag sie, an dünnen Schläuchen verkoppelt
Aber ihre Augen sprachen mit mir
Wir wussten beide, es war das letzte Mal
Diesseits.

Ihre Enkelin, meine Frau, streichelte ihre Stirn
Ihre alte, verdorrte Hand…
Ihr Sohn, Onkel meiner Frau, scherzte mit ihr
Tapfer lächelte sie schwach, sanft…
Ich dachte nach.

Vor zwei Monaten saßen wir noch an ihrem Küchentisch
In Kleinheppach – sie, ich und meine Frau
Sprachen über Gott und die Welt.
„Soll ich dir etwas aus der Bibel vorlesen?“
Fragte ich sie jetzt. Neben dem Bettfuß lag eine.

Jetzt schmunzelte sie zart, flüsterte schwäbisch:
„Was willsch mer denn vorläse?“
Ich schlug auf, suchte kurz, fing an:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“
Und sie fing an,… zu weinen.

Ihre alte Zimmernachbarin fühlte sich gestört
Sie war noch nicht so weit –
Anneliese wollte nicht, daß wir gehen
Aber es wurde spät, sie müde – Und ich drehte mich ein letztes
Mal zu ihr, verabschiedete mich mit unserem üblichen Gruß:

Auf Wiedersehen.“

– Che Chidi Chukwumerije
Anneliese Yvonne 1

FORTFÜHREND

Als mein Bruder
Im Autounfall starb
Quälte mich der Gedanke
Nach seinem letzten bewussten Gedanken.
An was, an wen, woran, hat er zum Schluß gedacht?
Denn er war noch bei Bewusstsein
Als man ihn vom Wrack löste
Und in den Krankenwagen legte
Doch bis sie im Krankenhaus endlich ankamen
War er bereits abgeschieden, und fort.

Es gibt Tage, an denen ich erlebe
Daß die Zeit wirklich still steht
Doch der Mensch, der stets erlebt
Der ist’s, der seine Wege geht.

– Che Chidi Chukwumerije.

WARTESCHLEIFE

Ich saß ungesehen am Busbahnhof
Rostige Blätter starben in der Luft
Auf der letzten Reise zum Friedhof
Ich hätt sie trauriger eingestuft

Der letzte Bus ist wieder abgefahren
Letzter Kuß, letzter Wink, der Platz ist leer
Ein Schreck ist mir plötzlich eingefahren:
Was mache ich immer noch hier?

– Che Chidi Chukwumerije.