EIN ENDE NAHT

Es ist jedes Jahr lustig
zu beobachten wie tückisch
der Sommer unter dem Anschein
noch eine Weile da zu sein
sich langsam zurück zieht
der Tag täglich früher flieht
die nachdenkliche Kühle beginnt
sich zu melden, das Herz besinnt
sich häufiger seine Sterblichkeit
und ahnt seiner Unsterblichkeit.
Noch ein bisschen Sommer und Spaß
bald kommt Herbst, Reife und Gravitas
zuerst bunt, dann nackt und blass.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BITTE NICHT WENDEN

So wie von Blatt zu Blatt
ein Buch sich wenden kann,
so erwarte nie im Laufe der Zeit
dieselbe Frau, denselben Mann,
den Du in der Vergangenheit kanntest
doch Dir unbekannt nie wirklich erkanntest,
triffst Du ihn oder sie wieder irgendwann.

Der Mensch ist ein Blatt,
das diese Merkmale hat:
- 1. Er hat zwei Seiten
und 2. er wird sich wenden,
zu Zeiten, wie die Gezeiten.
Er ist ein Spielball zwischen zwei Händen,
sich selbst gegenüber: Treue und Verrat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZUM GLÜCKE

Langsam geht das Alte zur Neige.
Was wird das Neue bringen?
Findest Du nie heraus, bist Du feige.
Das Leben will Dich zum Glücke zwingen,
Dein Glück musst Du selbst erringen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBE VERÄNDERT

Veränderung
bleibt unverändert
in ihrer Rolle als Veränderung
ohne je verändert zu werden.

Liebe bleibt
aber tut auf einmal weh
bis sie ausgelebt wird…
dann tut sich nicht mehr weh
- aber sie bleibt.

Sie bleibt
als Erinnerung
als tote Stille, dort
wo einst Schmetterlinge
herum flogen in Deinem Bauch
bevor mit der Zeit alles anders wurde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE LETZTEN TAGE DES JAHRES

Fünf Tage sind viel
Denk nicht, daß es schon vorbei ist
Zeit ist nur ein Bei-spiel
Abgelaufen ist noch nicht die Frist

Dein Jahr könnte noch urplötzlich
eine neue Wendung erhalten.
Letzte Momente tun bekanntlich
Überraschungen enthalten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JAHRE WIE JAHRZEHNTE

Die Jahre ziehen vorbei
als wären sie Jahrzehnte
Zwischen jeden zwei
liegt eine ausgedehnte
Zeit großer Umwälzungen,
einschneidender Erlebnisse,
sprunghafter Veränderungen,
paradigmenwechselnder Erkenntnisse.

Von Jahr zu Jahr zu Jahr
ist der, der ich letztes Jahr war,
ferne Geschichte, einmal es war.
Bald wird wieder ein neuer Januar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDE GEWESEN

Ich höre ihn nicht
obwohl er spricht
Ich höre nur den Wind

Ich sehe sie nicht
sehe nur ihr Gesicht
Und ich bin nicht blind

Wir lachen zusammen
bis tief in den Abend
weil wir Freunde gewesen sind

Doch keiner sieht die anderen
und keiner hört die anderen
mehr. Nur Gesichter und Wind

Verschlafen in jedem ist das innere Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREI UND EIGENSTÄNDIG

Manchmal sitz ich horchend lang,
still, lausche in mir der Stille,
dem Gespräch, dem Gesang,
dem Geschehen, wo mein Wille,
wie frei und eigenständig,
sich selbst stark beschäftigt,
schmerzvoll und aufwändig
sich sänftigt, umformt und kräftigt,
weil die Zeit gekommen ist,
das Lenkrad erneut zu drehen -
und wenn die Wendung genommen ist,
einen neuen Weg zu gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄNDERUNG UND VERÄNDERUNG

Such nie den alten Freund
im neuen - Menschen verändern sich
von Tag zu Tag, auch Dein Freund,
selbst von Moment zu Moment unmerklich
wie das Wetter, ziehen gleich den Gezeiten
von Mond zu Mond nach einem Herzbeben
und wandeln im Geist der Jahreszeiten.
Ein Jahr ist eine lange Zeit im Leben
eines Menschen. Erwarte nie den selben
Menschen heute wie den, der gestern ging -
Suche nie den alten Freund in dem alten
neu erschienenen halb Freund halb Fremdling -
Ihr beide habt Euch verändert.
Aber, hat das die Freundschaft geändert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE FLAMMEN

Manch einer, der für die Politik
keinen Sinn zu haben scheint,
wird zur Veränderung der Politik
mehr beitragen als es jetzt scheint,
weil er Empfindungen umrührt
und Gedanken zum Weiterdenken anführt,
das Systeme überdenkt und Menschen vereint.

Bleib deshalb, wer Du bist.
Deine Art ist wichtiger, als Du ahnst.
Menschen erreichen, Menschen veredeln,
im Kleinen den Sinn für Frieden einfädeln,
Werte reinhalten, die andere besudeln.
Das, dem Du den Weg frei bahnst,
ist tiefer als heute die Welt noch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung