WISSEN VON UNWISSEN

Wissen ist Macht
Wissen ist machen
Wissen macht
Oder besser noch:
Wissen schafft!
Und doch
kommt die Veränderung stets anders
als man denkt und hofft.
Denn die Eigenschaft
von Wissen ist,
daß es die Krönung ist
von Unwissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSCHWUNDEN


Schmetterling
Wo bist Du?
Ich sehe Dich nicht mehr.
Entweder bist Du verschwunden
Oder ich bin es, der nicht mehr
Hier bin. Schmetterling,
Wo sind wir?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS STILLSTEHENDE ZIMMER

Die Jahre fliegen
vorbei wie im Traum
Schwindelig wird‘s
dem Mitreisenden kaum
Wie in jedem Zimmer
so in jedem Zeitraum -
Still, bis empor Du kletterst
Deinen Schicksalsbaum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SACHE SELBST

Ein Haus stand neben einem Fluss
Doch es ist der Fluss, der heute noch steht
Und das Haus, das weggeflossen ist.

Der Reisende ist immer an seinem Ziel.
Der sein Ziel erreicht hat
Spürt irgendwann wieder die Sehnsucht
Nach einer höheren Form der Vollkommenheit.

Die Formen ändern die Gestalt ihrer Erscheinung
Die Sache selbst bleibt, was sie ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUES IST IMMER AM GAREN

Der Mensch, der kam, und
der Mensch, der ging, waren
zwei verschiedene Menschen -
Jemand neues ist immer am Garen.

Die Zeit, die Wunden heilt, sie
verwundet auch, sie teilt die
Menschen wie ein Keil und nie-
mand weiß ganz genau wie.

Aber irgendwann ist alles verändert -
Zum Teil ist es erschütternd
Zum Teil ist es ernüchternd
Zum Teil ist es erleichternd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PERSÖNLICHKEITSWANDEL

Ist es auch Dir aufgefallen,
daß er ein anderer Mensch geworden ist?
Und sie auch? Ganz egal wer. Bei uns allen
hat jede Persönlichkeitsphase ihre Frist.

Ich hatte in der Zwischenzeit vergessen,
wie das aussieht, weiße Blüten
im kahlen braunen Wald. Unterdessen
schreitet die Natur voran, bereit zum Brüten:

Ein Schopf weißer Haare hier und da
wächst urplötzlich aus kargen Winterästen -
Der Wald fragt den Frühling Bist Du nah?
Ich erkenne Dich nicht mehr im Entferntesten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDE WIE BLUMEN

Freunde wie Blumen
Haben ihre Blütezeit.
Manch eine Freundschaft,
Die heute gedeiht,
Welkt morgen dahin
Mit oder ohne Streit,
Gerät aber niemals
Ganz in Vergessenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERER MENSCH, SELBE HAUT

Auf Deinem Weg in die Klarheit,
Nähere tief, dann meide breit, die Mehrheit -
Die Wenigsten kennen die Wahrheit.

Irgendetwas ist mit mir geschehen:
Ich habe letztes Jahr in alle hineingesehen
Und habe dabei alles durchgeschaut.
Jetzt bin ich: anderer Mensch, selbe Haut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS NEUE, JA

Und dann…
begann
irgendwann
das neue Jahr
Nicht ganz am 1. Januar
weiß ich fürwahr
weil ich -
und das Neujahr gefühlt nicht -
da war.
Also vielleicht davor?
Ob das alte Jahr Zeit verlor?
Und das neue schon alt war?
Oder erst in den Tagen danach…
denn in den Tagen danach
ist keiner mehr wach.
Das Tor steht unbewacht
und wie ein Dieb in der Nacht
beginnt die neue Zeit.
Bist Du bereit?
Es ist soweit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NOVEMBERSCHNITT

Er macht es jedes Mal.
Er schafft es, auf einmal
Mich zu töten und ich bin tot
Ohne Übergang. Wirklich tot.
Die alte Person, die einst mein Ich war
Wird zur Erinnerung, und zwar und zwar
Zur kalten fernen Figur
Mit mir fremder ungewöhnlichen Natur -
War ich je das? Ist das wirklich wahr?
November tötet mich, nicht jedes Jahr
Aber immer wieder kommt der Schnitt
Hart, endgültig beginnt ein neuer Abschnitt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung