DER SOMMER GEHT ZU ENDE

Und es waren Blätter
nein, es waren Freunde
Was für ein Wetter
Freundschaft hat ein Ende

War es wirklich Freundschaft
oder nur der Sommer?
Freude, Spaß und Leidenschaft
nur bis Ende September

Blätter wie Farbreisende
bald kommt Eure Zeit
Der Sommer geht zu Ende
mit schleichender Plötzlichkeit

Blätter, pflanzliche, menschliche,
lösen bald alte Verbindungen -
Es kommt die Zeit für tiefere
Gespräche und Empfindungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBEN IST STERBEN

Leben ist sterben,
progressiv.
Sterben ist leben,
intensiv.

Leben ist Veränderung
Sterben Erinnerung

Wir sagen Auf Wiedersehen
obwohl wir teils aus Erfahrung
und teils mit der Empfindung
wissen: wir werden uns nie wieder sehen
außer in der Erinnerung.

Denn bis wir uns einst wieder treffen,
wurden aus uns bereits neue Menschen.

Im Leben stirbt das Alte.
Im Sterben lebt das Neue auf -
Alte Menschen starten
und neue beenden den Kreislauf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WISSEN VON UNWISSEN

Wissen ist Macht
Wissen ist machen
Wissen macht
Oder besser noch:
Wissen schafft!
Und doch
kommt die Veränderung stets anders
als man denkt und hofft.
Denn die Eigenschaft
von Wissen ist,
daß es die Krönung ist
von Unwissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSCHWUNDEN


Schmetterling
Wo bist Du?
Ich sehe Dich nicht mehr.
Entweder bist Du verschwunden
Oder ich bin es, der nicht mehr
Hier bin. Schmetterling,
Wo sind wir?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS STILLSTEHENDE ZIMMER

Die Jahre fliegen
vorbei wie im Traum
Schwindelig wird‘s
dem Mitreisenden kaum
Wie in jedem Zimmer
so in jedem Zeitraum -
Still, bis empor Du kletterst
Deinen Schicksalsbaum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SACHE SELBST

Ein Haus stand neben einem Fluss
Doch es ist der Fluss, der heute noch steht
Und das Haus, das weggeflossen ist.

Der Reisende ist immer an seinem Ziel.
Der sein Ziel erreicht hat
Spürt irgendwann wieder die Sehnsucht
Nach einer höheren Form der Vollkommenheit.

Die Formen ändern die Gestalt ihrer Erscheinung
Die Sache selbst bleibt, was sie ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUES IST IMMER AM GAREN

Der Mensch, der kam, und
der Mensch, der ging, waren
zwei verschiedene Menschen -
Jemand neues ist immer am Garen.

Die Zeit, die Wunden heilt, sie
verwundet auch, sie teilt die
Menschen wie ein Keil und nie-
mand weiß ganz genau wie.

Aber irgendwann ist alles verändert -
Zum Teil ist es erschütternd
Zum Teil ist es ernüchternd
Zum Teil ist es erleichternd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PERSÖNLICHKEITSWANDEL

Ist es auch Dir aufgefallen,
daß er ein anderer Mensch geworden ist?
Und sie auch? Ganz egal wer. Bei uns allen
hat jede Persönlichkeitsphase ihre Frist.

Ich hatte in der Zwischenzeit vergessen,
wie das aussieht, weiße Blüten
im kahlen braunen Wald. Unterdessen
schreitet die Natur voran, bereit zum Brüten:

Ein Schopf weißer Haare hier und da
wächst urplötzlich aus kargen Winterästen -
Der Wald fragt den Frühling Bist Du nah?
Ich erkenne Dich nicht mehr im Entferntesten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDE WIE BLUMEN

Freunde wie Blumen
Haben ihre Blütezeit.
Manch eine Freundschaft,
Die heute gedeiht,
Welkt morgen dahin
Mit oder ohne Streit,
Gerät aber niemals
Ganz in Vergessenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERER MENSCH, SELBE HAUT

Auf Deinem Weg in die Klarheit,
Nähere tief, dann meide breit, die Mehrheit -
Die Wenigsten kennen die Wahrheit.

Irgendetwas ist mit mir geschehen:
Ich habe letztes Jahr in alle hineingesehen
Und habe dabei alles durchgeschaut.
Jetzt bin ich: anderer Mensch, selbe Haut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung