DIE UNSICHTBARE TRENNUNG

Nachdem der Tod sie getrennt hatte
blieben sie lange noch innerlich
in der Nähe von einander
denn der Leben ist stärker als der Tod –
und zwar das Innenleben des Geistes.

Jedoch spürten sie langsam, daß es
allmählich Zeit wurde, sich wirklich von
einander zu trennen. Und zwölf Jahre
nach dem Unfalltod seines Bruders, erlitt
er zum zweiten Mal den Trennungsschmerz.

Er weinte bitterlich und wusste nicht warum
denn der Verstand versteht wenig von dem
was in der Seele vorgeht. Als er seinen
Bruder fort dachte, war er die ganze Zeit da.
Doch als der tatsächlich sich löste, spürte er

die trennende Bewegung – und den Abschied.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Dieses Gedicht ist die Fortsetzung des Gedichts „GEFÜHLE

und wird selbst nochmal fortgesetzt…

CHANCEN

Ich habe mich oft gefragt
Warum zwei Menschen
Stundenlang wortlos nebeneinander
Im Zug sitzen

Kurz vorm Ende
Lächeln sie sich einander an
Und spüren auf einmal
Daß sie zu einander passen

Doch die Zwischenstation ist schon erreicht
Der eine steigt aus
Der andere reist weiter
Beide mit Schmerzen in ihren Herzen

Im Leben gibt es keine Zwischenstationen
Es gibt nur Endstationen
Was Du während der Reise nicht nimmst
Ist endgültig weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABLENKENDE MAUERN

Menschen wie Mauer
Schwer zu überwinden
Ihre Freude, Ihre Trauer
Wie Farben den Blinden
Wir suchen und wir finden
Nichts zum Verbinden
Auf die Dauer.

Womöglich sind die Mauern
Gar keine Mauern
Womöglich sind die Masken
Gar keine Masken.
Womöglich ist unser Leben
Gar kein Leben
Nur eine Ablenkung vom Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ANNÄHERUNG

Manche werden wir nie wieder sehen
nach diesen Tagen gesellschaftlicher Entfernung
Manche Menschen, manche Sitten, manche Arbeitsstellen
nach Social Distancing, Krankheits- und Todesfällen,
nach Dummheit, Angst, Gier und Vorurteilen.
Drum: Teilet tiefe Blicke und saget „Auf Wiedersehen“,
mit Hoffnung auf eine tiefere Annäherung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ODEM

Als ich im Dunkeln
Dem Atmen meines Sohnes lauschte
Dachte ich an meinen Vater
Der nachts gerne wach lag
Vielleicht saß er auch so neben mir
Und lauschte
Und ich denke an meinen Sohn
Und frage mich, ob er eines Tages
Auch genau so sitzen wird
Dem Atmen seines Kindes in der Nacht
Lauschend und sich dabei wundernd
Ob sein Vater einst auch seinem Atmen
Lauschte in der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije (15.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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VERBUNDEN

Wie ein Gast
Neben mir liegend
Liege ich neben mir
Wie ein Geist

Und wie ein Geist
Bist Du mit mir
So anwesend
Als wärest Du mit mir

Denn Du bist da
Mit mir
Frag mich nicht wie
Aber Du bist da

Überwältigend nah
Obwohl Du meilenweit
Irgendwo liegst
Wach in der Nacht

Wie ein Gast
Im eigenen Bett
Und redest mit mir
Ohne Handy

Ohne Worte
Ohne Gedanken
Ein Miteinander stärker
Und intensiver

Inniger und intimer
Wirklicher und wahrhaftiger
Schweigsamer, verständlicher
Als Blut und Fleisch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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ELTERN SEIN

Wenn Dein Kind erkrankt
Stirbst Du
Und wenn er dabei Dich anlächelt
Wirst Du neugeboren
Und fühlst Dich gleichzeitig
Machtlos und verloren.

Ein Tod nach dem anderen
Merken wir
Wie wir langsam altern…
Ein Lächeln nach dem anderen
Erleben wir
Wir sind wirklich ihre Eltern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLIEGEN

Die Welt verbinden
Hoffnungen tragen, übertragen
Geheimnisse geborgen weitergeben
Träumen Flügeln verleihen
Menschen bewegen
Gefühle versetzen,
und nicht nur ins Staunen
Schicksale durchkreuzen, vollenden
und neu beginnen
Die Welt mit Möglichkeiten anstecken
Die Menschheit neu verteilen…
Fast könnte man denken,
ich rede von der Fliegerei –
Doch was nützt uns das Fliegen
wenn wir innerlich starr bleiben
fest eingefahren, unbeweglich,
fremdenfeindlich, Menschen verachtend,
besserwisser- und besserseierlich,
verschlossen und unveränderlich?
Kein Flugzeug kann Dich über
die Grenzen bringen,
die Du Dir selbst zuziehst.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE GEDANKENLESER

Einst beobachtete ich
Einen Vogel, wie er oben im Himmel
Einen zweiten traf. Wie sie mit
Einander freudig spielten.

Wie kann das sein? Der Vogel
War mein Gedanke, den ich befreite;
Wessen Gedanke war der zweite
Und was war er?

Auf einem Hügelgipfel
Auf der anderen Seite des Flusses
Stand eine Figur, wie hier ich.
Wer war sie?

Unsere Augen beobachteten
Unsere Gedanken, wie sie sich liebkosten
Aber wir waren zu weit weg voneinander
Um einander zu erkennen

Dann flogen sie weg, unsere Gedanken –
Zusammen und glücklich
Folgten sie der Richtung des Flusses
Bis sie ganz verschwunden waren.

Eine Weile blieben wir stehen
Die einsame Figur und ich
Dann schickten wir langsam wieder
Zwei Vögel in den Himmel.

Doch sie flogen an einander vorbei
Überquerten beide den Fluß;
Ihr Gedanke sank tief in meine Brust
Und meiner sachte in sie.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GLEICHART MENSCH

Es gibt Augenblicke
Die für einen Augenblick
Uns alle vereinen
In diesem Augenblick
Denn Augen lügen nicht
Nicht Augen
Verräter lügen nicht
Im verräterischen Augenblick

Mensch sucht Mensch
Sucht mehr als Bestätigung
Mehr als Unterstützung
Mehr als Tröstung
Sucht einfach nur Mensch
Die tiefste innere Gleichart
Und in diesen Augenblicken blicken
Menschen sich gegenseitig durch.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung