DAS UNGESCHRIEBENE SCHWINDET WIEDER

Seit zwölf Stunden versuche ich
mich an den Gedanken von gestern Abend
zu erinnern…

Ich habe eine Demo vorbereitet
Ich habe marschiert
Ich habe mich ausgeruht und
Komputerspiele gespielt

Ich bin nun wieder in meinen Kopf eingekehrt
aufgeregt und voller Hoffnung
um die Ecke in mein Gedächtnis hineingeblickt

Doch immer noch fehlt er,
ganz, wie ein Geist –
der schöne tiefe Gedanke von gestern Abend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE RÜCKKEHR INS PARADIES

Er kehrte nicht mehr zurück
Nicht weil
Er den Weg ins Glück
Suchte und nicht mehr fand
Sondern weil
Er an nichts mehr über das Land
Des Glücks sich erinnerte.

Er glaubte nicht mehr daran
Weil
Ohne Ziel kein Reiseplan.
Ohne Sehnsucht keine Erinnerung
Weil
Ohne Sehnsucht keine Aufdämmerung
Dessen, was schlummerte.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERINNERUNG

Sie hat gelernt
Gestern zu vergessen
Sie hat gelernt
Gestern kehrt immer wieder zurück
Sie hat gelernt
Wenn sie gestern vergißt
Begegnet sie ihm unvoreingenommen
Ohne Vorurteile oder Vorerwartungen
Mit frischem freiem frohem Geist
Als wäre er der Fremde, der er ist
Heute.
Immer anders, immer neu.

Und so, wie gestern sich täglich verändert
Verändert sie sich auch
Gestern war sie anders
Heute ist sie wieder anders
Morgen wird sie es auch sein –
Dennoch bleibt sie immer
Der selbe Mensch
Der sie gestern bereits war.
Sie kann sich vergessen
Wird sich aber trotzdem wiederholen –
Und jede Wiederholung
Ist ein erneutes Sich-Erinnern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EINDRINGEN

1.

Der Pfeil flog und suchte das Herz des Schwans. Als er eindrang, klang es fast so sacht und dumpf, wie Schweigen. Und das war der Klang eines sterbenden Schwans. Keine letzte Melodie.

Weit unten, auf dem Boden, sah in diesem Augenblick eine Frau dieses Geschehen und ihr Herz sank. Das Schicksal, so schien es, hatte gesprochen. Der Schwan, den sie im Winter großgezogen hatte, dem sie im Frühling ihre Geschichte erzählt hatte, den sie nun im Sommer frei gelassen hatte, damit er über die Berge und Täler und über die Seen zu ihrem Geliebten fliege, um ihn zu unterrichten, daß sie hier gefangen war im Wald der tausend Gefühle, auf der Insel der Einsamkeit, damit er aufhören würde, zu trauern, Mut fassen und sich auf den Weg zu ihr machen würde, um bis zum Herbst sie zu erreichen, zu retten, zu nehmen, zu sich zu nehmen, und dann für immer zu haben… dieser Schwan wurde gerade hoch im Himmel, vor ihren Augen, von einem Pfeil, dessen Ursprung sie nicht kannte, nieder geschossen. Und der Pfeil, der die Liebesmission des Schwans beendet hat, er drang dabei in nicht nur ein Herz ein, nein, sondern in zwei.

Blutenden Herzens, nach dem sie den ersten Schock überstanden hatte, machte sie sich auf den Weg durch den Wald, an den Ort, zu dem der Schwan runter gefallen war.

 

2.

Er schoß gerne auf Schwäne. Und immer traf er. Immer stillte es seinen Durst nach Mehr, für einen Augenblick. Recht einsam war diese Insel. Auf seinem Kanu war er an einem sonnigen Sonntag her rüber gerudert und als er seinen Fuß auf das Ufer setzte, erwachte in ihm unerwartet aus der Tiefe seines Herzens die schmerzvolle Einsamkeit, die er darin begraben hat. Lange sah er auf den Wald der tausend Gefühle, dann mied er ihn schließlich und schritt statt dessen Richtung der Berge, wo er – Schießbogen und Pfeile in Hand – die Gipfel des Berges der Verzweiflung entschlossen erklomm.

Dann kam der Schwan in der Ferne vorbei geflogen; er schien, aus dem Wald zu steigen, und als er an Höhe gewonnen hatte und gerade dabei war, sich zu entfernen, drang gnadenlos genau der Pfeil in sein Herz ein. Regungslos sah der Mann zu, wie der Schwan erst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit im Licht der Sonne zur Erde zurück fiel. Dann machte er sich auf den Weg nach Unten, berg ab, um seine Trophäe zu nehmen, mit sich auf sein Kanu zurück zu nehmen, und anschließend zurück zu rudern aus dieser Insel, die in ihm seine Einsamkeit geweckt hat.

 

3.

Zwischen dem Wald der tausend Gefühle und dem Berge der Verzweiflung liegt das Tal der Reue, und dorthin fiel der tote Schwan. Fassungslos stand der Mann, erneut regungslos, in mitten der vielen Blumen, die hier blühten, und sah auf die Frau, die ein paar Meter vor ihm auf dem Boden kniete, den blutüberströmten, mit seinem Pfeil durchbohrten Schwan an ihre Brust drückte, und bitterlich, ebenso fassungslos, weinte.

Sie schaute hoch, sah ihn, seinen Bogen, seine Pfeile, sah ihn an und flüsterte:

„Warum…?“

„Weil ich gerne auf Schwäne schieße…“ flüsterte er, erstarrt, zurück.

„Aber warum?“ fragte sie, gebrochen, erneut. „Warum erschießt du nicht auch mich?… Denn dieser Schwan trug mein Herz, freiwillig, und wollte es zu einem anderen zurück bringen.“

Sein Hunger ungestillt, seine Seele einsam, der Mann blieb, blieb immer noch, regungslos. Bis plötzlich in ihm der Geist erwachte. Da zerbrach er auf einmal mit einer bitteren Wut seinen Schießbogen, fiel auf ein Knie und bat um Verzeihung, und bat darum, es irgendwie wieder gut zu machen.

Sie schaute ihm in seine wilden Augen und die waren voller Reue, Schmerz und brennenden Liebe, und sie wurde verwirrt. Denn der Pfeil, der durchdrang nicht nur ein Herz, und nicht nur zwei… wahrlich dieser verfluchte Pfeil war gleichzeitig in drei Herzen eingedrungen.

 

4.

Und weit weit weg, über Berge und Täler, über Seen, im Land des Wartens und Nimmervergessens, da schaute ihr Geliebter in diesem Augenblick zum Himmel hoch, auf die vorbeiziehenden Wolken, und suchte nach einem Zeichen von ihr, irgendwas, während sich in ihm plötzlich ein neuer, noch tieferer, Schmerz schnell breitmachte.

Denn seins war das vierte Herz, das an diesem Tag von diesem schicksalhaften Pfeil durchbohrt wurde.

 

 – CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

OMEN

Manchmal liege ich namenlos da und weiß nicht, wer ich bin. Und bin glücklich.

Ich rufe mir alle Namen ins Gedächtnis, die ich jemals hieß oder noch heiße, im Spaß und im Ernst, doch – merkwürdig – keiner von ihnen trifft zu.

Ich habe mich daran gewöhnt, mich an meinen eigenen Namen nicht mehr erinnern zu können.

Vielleicht habe ich dadurch die Möglichkeit, wirklich Ich zu werden, Ich zu sein, mich (wieder) zu finden und zu erkennen – nicht im Namen nur, sondern tatsächlich im Wirken.

– Che Chidi Chukwumerije.

GEWALT UND GEFÜHL

Man sagt
Es stolpert im Wald ein Geist herum
Freund der Tiere, Sohn der Natur
Ein Typ mit wilden Haaren und scheuen Augen
Und einer längst vergessenen Geschichte.

Nur eine
Hat noch nicht vergessen
Politik und Entwicklung haben ihr die Vergangenheit
Nicht weg radiert
Je ferner in die Zukunft die Welt rast
Desto tiefer sinken ihre Wurzeln in das Vergangene hinein.

Es sind kleine Dinge
Die sich an ihn erinnern lassen
Kleine Laute in der Natur, ohne Körper und Ziel
Schatten im Wald, flüchtige Bewegungen.
Sie guckt hinein, sieht nichts, nur Dunkel
Spürt jedoch seine Augen, wild und scheu
Und voller Angst…

Mütter, die ihre Söhne verloren haben
Schwestern, die ihre Brüder verloren haben
Töchter, die ihre Väter verloren haben
Frauen, die ihre Männer verloren haben
Mädchen, die ihre Geliebten verloren haben
Verloren aber nie vergessen.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.