ALLES GEBEN

Du gibst, Che, von Dir zu viel Preis
Na, und? Wo wäre denn sonst der Beweis
Daß ich lebte, litt und liebte, hielt nichts zurück

Jedem das gab, was er in mir weckte
Alles, was mir ernst war, ganz vollstreckte
Und strebte wirklich ehrlich nach dem Glück?

– Che Chidi Chukwumerije
“2019: Das Jahr der deutschen Dichtung”

THE MISSES I’LL REGRET

Very soon I might have to drop
Half of the things I’m into
In order to find enough time
To do the things I really mean to

The years fly past on fast forward
And everyday I feed the beasts that are eating me
Sometimes I need to stop, check and be sure
If it’s angels or demons that are leading me

Politics and society, belief, love and money
The five names of the very same monster
How long can Reincarnation remain on Auto-repeat
Futilely yelling I came, I saw, I conquered?

So give me that filter, I’ll separate
The misses I’ll regret from all the rest
Even as I wonder if it’s already too late
Before Death comes to pass the test.

– Che Chidi Chukwumerije.

WERTLOS

Ich erlitt einen dieser schlimmen Momente
In denen ich mich wertlos fühlte
Dichten ist angeblich eins meiner Talente
Wenn die Welt nur mitfühlte.

Ich schreibe die falschen Worte zu den falschen Menschen
In der falschen Sprache zur falschen Zeit
Mich tröstet nur das Lied meiner Seelenschmerzen:
Deine Gedichte sind für die Ewigkeit.

Das Gefühl zu haben, dem Zeitgeist nicht zu entsprechen
Nicht cool, nicht in, sondern komisch, anders
Ein Kuriosum, ich kann es nicht verstecken
Wie ein verirrter Wanderer.

Nur die kleinen Dinge rühren mich
Ein gütiges Wort, eine selbstlose Tat
Ein ehrliches Sich-zeigen aus dem inneren ‘Ich’
Sind das Wertvollste, was das Leben zu geben hat.

– Che Chidi Chukwumerije
„Das Jahr der deutschen Dichtung“

BRUCHTEIL

Gestern zum ersten Mal seit langem
Fuhr ich wieder im Stau den Main entlang
Ein azursanfter Morgen ende Januar, langsam
Es erwachte innig in mir ja das Verlangen
Nach irgendetwas dadraußen
Dann kam, plötzlich, der Schnee
Und ich begriff, ne…, ich habe Fernweh
Und fühlte mich in diesem Wissen Zuhause.

Das sind die Momente, in denen ich zu mir sag
Und tausend Jahre sind wie ein Tag.

Doch bald kam Grün, ich fuhr weiter
Dieses Gedicht unvollendet leider
Zurück gelassen in jenem Moment
Im Stau des Lebens, Licht am Horizont.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jar der deutschen Dichtung

ALTE WUNDEN

Mein Gehirn brennt
Die Flammen stammen aus Eltern getrennt
Immer wieder bin ich erneut jenes Kind
Schwach, verwirrt, blind

Herz mit Hoffnung erfüllt
Nicht begreifend warum so laut wird gebrüllt
So oft geweint, so wenig zusammen gelacht
Das Kind hat viel nachgedacht

Antworten nicht gefunden
Hin und her gerissen zwischen zwei Menschen verbunden
Von beiden wurde ihm genug Liebe gegeben
Für zwei Erdenleben

Eins hätte gereicht
Zwei Leben gleichzeitig bedeutet nur Leid
Das lebenslange Suchen nach Stimmigkeit
Ohne ein Verräter zu sein.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TREUE

Ich las in der Gralsbotschaft
Über Treue und über Pflicht
Daß die Pflicht keine Treue schafft
Nur die Liebe kennt der Treue Angesicht

Du kannst alle Aufgaben erledigen
Zuverlässig, gewissenhaft
Doch Deine wahre Treue gilt nur demjenigen
Der erwecket Deiner Liebe Kraft

Wo die Liebe ihre Wurzeln schlägt
Da blüht die Treue und gedeiht
Man kann es nicht ändern, es prägt
Es übernimmt des Geistes Persönlichkeit

Nicht das Verliebtsein zählt, gewiß
Noch Selbstsucht, Schwächeduldung, Festkleben
Nur selbstlose Liebe, die bereit ist
Für das Geliebte alles (auf)zugeben.

– Che Chidi Chukwumerije.
Mein Jahr der deutschen Dichtung.

NICHT UMSONST, DIE EINSAMKEIT

Nach über vier Jahrzehnten
Habe ich mich langsam an die Einsamkeit gewöhnt
Die zweite Hälfte war die schlimmere
Aber das Warten hat sich gelohnt
Das Erdenleben war nicht umsonst gelebt

Mit einem lachenden Herzen
Bei Sonnenaufgang in die Welt hinauszugehen
Fällt mir leichter als traurige Schwere
Leichter als Angst und Enttäuschung das Säen
Von Hoffnung in Freude angestrebt

Lang war mein Leben
Ein Warten auf den Tod, mein Tod ein Harren
Aufs Leben, das Leben war schneller
Denn die Einsamkeit war fester eingefahren
Meine Seele hat gezittert und gebebt

Doch womit ich nicht rechnete:
Die Einsamkeit selbst entfesselte
Den Morgen in mir
Und als ich am Rande der Kluft stand
Begriff ich, was uns verband:
Das Sehnen nach dem großen Mehr.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEISSE WESTE

Die Lügen sind im System eingebettet
Da braucht keiner mehr extra zu lügen
Nur gewissenhaft das System durchsetzen
Wir erzählen die Wahrheit, um zu betrügen
Unser Gewissen haben wir ersetzt
Durch ein auf Papier umschriebenes Gesetz

Klar sind unsere Hände sauber
Sind sie doch bandagiert in Handschuhen
Lästig ist die Bürokratie, doch brauchbar
Wenn es darum geht, unser Wollen kund zu tun
Unser wahres Vorhaben ist Form geworden
Der Mensch schweigt, es sprechen die Behörden

Der Mensch entschuldigt sich und ist frei
Das Vergängliche ist doch nur ein Gleichnis
Die Evolution menschlicher Zivilisation schreitet fort
Das Unterentwickelte wird zum historischen Ereignis
Abgeschüttet und ungeliebt zurück gelassen
Ohne es offensichtlich direkt zu hassen.

Che Chidi Chukwumerije.
Das Jahr der deutschen Dichtung

TRÄGHEIT

Die Schneeflocke, ist sie
träge oder leicht?
Ich trage Dinge in mir
so schwer, ich denke: Es reicht!

Die leeren Dinge wiegen
schwer auf meiner Tragfläche
Die tiefen Dinge liegen
ungern auf meiner Oberfläche

Nein ich sehe mich nicht
Denn ich kritisiere gerade Dein Gesicht
Mein Kopf ist zu schwer – war das meine Absicht?
Ich kann meinen Blick nicht heben, zur Einsicht
Die Trägheit, in der Tat, ist geistig.

Ich muß mich selbst vom Boden aufheben
und tragen mit eigenem Wollen
Diese Trägheit täglich neu überwinden
ist das Höchste, was wir tun sollen

Gefährlicher als das Dunkel in anderen
ist das Dunkel in mir selber
Schwieriger als andere zu besiegen
Ist das Bezwingen meiner eigenen Fehler.

– Che Chidi Chukwumerije
Das Jahr der deutschen Dichtung

IM ZEITALTER DER GRENZEN

Die Globalisierung, statt die Grenzen zu öffnen,
Hat sie lediglich näher an einander gerückt
Damit sie sich gegenseitig besser sehen, besser hassen;
Die Spannung macht alle gleichsam verrückt!

Besser wäre es vielleicht, die Grenzen wären noch zu
Und stattdessen die Herzen würden aufgehen
Dann würde jeder uneingeschränkt Eingang finden
In jedes andere Herz – und sich verstehen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung