Ich bleibe gern meinen Helden fern, oft sind sie groß nur aus der Ferne - Wir feiern einen fernen Stein als Mond, weil Distanz halten sich immer lohnt. Der Menschenstern, der da oben thront… Ist doch ein kleiner Mitmensch im Kern, den ich bei Begegnung kennen lerne. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
2022
LIEBEN
Wessen Herz habe ich noch nicht gesehen? Ich schaue zurück und sehe sie alle. Erneut. Unvollkommene Beziehungen und ich muss gestehen: Die Bindungen und die Trennungen haben mich erfreut. Ich hatte nie Angst, sie alle zu lieben, denn Lieben hat mich Loslassen gelehrt. Und nun ist die eine Richtige geblieben, denn Loslassen hat mich Lieben gelehrt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS EIGENTLICHE
Alles bleibt für immer, was für immer im Herzen bleibt. Alles stirbt für immer, was einmal im Herzen stirbt. Wie weit kann die Ewigkeit sein, wenn sie andauernd in uns lebt? Wie nah kann der Moment sein, wenn er uns jeden Moment neu entschwebt? Wir tun alles mögliche, um die Erde zurecht zu richten - dennoch ist es das Paradies, das wir dabei sehnlichst sichten. Wir tun alles machbare, um es stofflich bequem zu haben - dennoch ist es das Geistige, nach dem wir sehnend laben. Ironie aller Ironien, wir suchen Morgen in Heute - Alles Vergängliche wahrlich ist ein Gleichnis. Mensch, deute. Wichtig ist die Tat selbst, nicht die Menge oder die Form - Große Taten sind oft endlich klein, kleine Taten unendlich enorm. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SMALL TALK
Wie angeordnet und vorgegeben sinnlos los babbeln - alles klein reden. Der Trick ist, nicht groß zu denken. Hauptsache nicht durch Schweigen die Aufmerksamkeit auf Deine wahren Gedanken lenken. Auf Deine großen Gedanken. Lenke lieber mit Worten ab. Mit kleinen Worten wie Luft verpackt in großen Geschenken. Nicht der Dauerschwätzer stört heutzutage sondern der Schweigsame. Schweigen ist zu tief, zu schwer. Smalltalk erleichtert uns doch das Gemeinsame. Geht‘s Dir nicht gut? Fragen ihn alle, eine Plage. Lasst mich!, schreit der Einfühlsame, innerlich. Fragt sich, ich und der Kleinredner - wer ist hier wirklich der Einsame? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
JENSEITS IST DIESSEITS
Ich träumte, ich drehte mich um und sah Dich um mich trauernd, mich vermissend. So fiel es mir ein, oder auf, daß ich Dir wohl irdisch verstorben war und längst beerdigt. Ich mußte es zwischenzeitlich vergessen haben, den Tod und die Beisetzung, denke ich, denn alles, was ich weiß, ist, daß ich hinüber und weiter gegangen bin. Ich, unverändert, und immer noch am Leben. Und lebend sein fühlte sich, wie auf der Erde, so normal an.
Du warst dennoch so weit weg. Doch sah ich Deine Trauer wie eine Kerze im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite unter der Brücke. Und Du warst selbst die stete brennende Kerze. Oh, wie ich Dich trösten wollte… Aber Du hörtest und sahst mich nicht wie früher. Das war‘s, was weh tat.
So entschloss ich mich, Dir ein letztes Gedicht zu schreiben, denn Du warst immer die erste, die meine Gedichte lass, und hast sie immer tief empfunden. Sicherlich würdest Du diese auch empfangen und empfinden, wenn ich sie Dir aus dem Dir Jenseits mir Diesseits sende … oder leise vorlese…, dachte ich, hoffte ich. . Es war mir selbstverständlich aber wissen wusste ich es ehrlich gesagt nicht. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun.
Also fing ich an, dieses Gedicht zu schreiben:
Auch wenn Du denkst, ich bin gestorben,
bin ich Dir viel näher, als Du denkst…
Gleichzeitig näher und weiter als Deine Gedanken,
ganz egal, wie wo Du sie hin lenkst…
Ich will aber, daß Du Dich umdrehst
und Dich Deinem Erdenleben voll widmest;
Dein Weg empor in unser Ziel liegt wie Stufen
in jedem Moment, in dem Du irdisch noch atmest.
Und dann wachte ich aus dem Schlaf auf und siehe da, es war ein Traum. Und das Leben fühlt sich, wie immer, normal an, egal in welcher Zeit und in welchem Raum.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GRUPPENURTEIL
Als er am Flughafen landete, ahnte er nicht, daß er nicht alleine unterwegs gewesen war, sondern das Ansehen seiner Herkunft mitschleppte und die ganzen Vorurteile ihr gegenüber sogar. Alle starrten ihn an, doch irgendwann verstand er, daß keiner ihn als Einzelmensch wirklich sah. Er verlor zweifach seine Anonymität. Umgekehrt sichtbar und unsichtbar, verlor sich selbst beinah. Wie die große weite Welt kleiner sein kann als ein kleiner Heimatort, ist ein Rätsel, das manch einen Weltwanderer oft verblüfft. Vielen wird die Freiheit schließlich zur Fessel. Gott urteilt Dich persönlich. Der Mensch selten - sei das gerecht oder ungerecht, tiefsinnig oder seicht. Es ist fast egal, was Du als Einzelner tust - Wichtig ist nur, was Ihr als Community erreicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SEHNSUCHT NACH DEM VATER
Ein Kind wächst und siehe, da wachsen auch in seiner Seele ohne Antworten Fragen viele: Andere haben Väter. Ich etwa nicht? Fragen Gedanken, Worte, Empfindungen, Gefühle. Wo kommt er her? Wie heißt er wirklich? Warum bleibt er denn fern? So fern. In diesem Menschenherz wohnt ewig ein Kind und eine Frage: Hat er mich nicht gern? Was ist ein Land, das einen Berg nicht tragen kann? Was ist ein Herz, das Schmerz nicht ertragen kann? Was ist ein Mann, der Verantwortung nicht austragen kann? Was ist eine Reise, die Hindernisse nicht vertragen kann? Das habe ich nie verstanden, daß ein Mann in ein fremdes Land reist, dort Kinder zeugt, nur um sie zu verlassen. Daß Du Dich einen Mann nennst, ist dreist. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HÖR AUF DEIN GEWISSEN
Es gibt ein anderes Wort für Rassismus, es heißt Kulturrettung. Es gibt für Fremdenhass eine schönere Bezeichnung, sie lautet Heimatverteidigung. Jedem seins hört sich doch besser an als Diskriminierung oder Unterdrückung. Unter uns sein wollen sagen wir jetzt, also Gleichart, nicht mehr Ausgrenzung. Doch die schönsten Begriffe sind trotzdem hässlich, wenn sie ohne Liebe gelebt werden. Die besten Bezeichnungen sind die schlimmsten, wenn sie Herrschsucht und Hass verkleiden sollen. Hör bitte auf Dein Gewissen in Deiner Jugend und behalte lang diese flüchtige Erinnerung der Brüderlichkeit wenn Du älter und kluger wirst und erbst die verlockenden Vorteile der Führung. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ABENDWEIN
Deine Worte schmecken mir heute Abend wie der Rotwein, der sie ausgelöst hat, und der - noch schöner - meine Ohren geküsst, aufgeweicht und geöffnet hat. Ohren in Zungen küssen Zungen in Ohren, labend. Wein und Blut und Fleisch, rot findet statt. Wanderlustige Worte tun fließend hineinbohren in das, was der Abendwein geöffnet hat. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BEIM HÄUTEN DER GESCHICHTE
Ich sah viele helle Häute und viele Graduierungen heller Haut Abstand nehmen von schwarzer Haut mit Stolz und Scheu und Abscheu. Und sie taten mir fast Leid, aber nur fast, denn ich kannte ihr Geheimnis alle - Zieht man die Schichten ab, eine nach der anderen, findet man verborgen tief in ihrer Geschichte, weit weit zurück, Schwarze Haut. Die Zukunft kann die Vergangenheit nicht ändern, die Vergangenheit die Zukunft schon. Kommendes kann Geschehenes nicht verdecken, wird aber von ihm enthüllt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
