NÄHE DURCH DISTANZ

Wir sind von Weitem gekommen
wie Gedanken, die kommen und gehen.
Und auch aus der Nähe betrachten wir Euch
mit Augen, die Dinge aus der Ferne sehen.

Distanz lässt sich nicht überbrücken
bloß durch Nähe – …
Sie kommt lediglich nah genug,
damit jeder sie jetzt richtig sähe.

Wer Distanz überwinden will,
muß sich ebenso distanzieren –
Nur wer die Weite tief erlebt hat,
kann die Weite kapieren.

Denn gleich und gleich gesellt sich gern
und Verständnis schafft Verbindung –
Verbindung aber ist wirkliche Nähe,
Ankunft, Anfang, Anbindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SPANIEN UND DER LEICHTIGKEIT TIEFE

Spanien ich höre Dich
Du sprichst von meiner Sehnsucht
nach der Leichtigkeit Tiefe -
als hättest Du nach mir gesucht
als ich nach Dir rief.

Spanien ich rieche Dich
Du riechst nach meiner Erinnerung
an einen unerfüllten Wunsch -
als wäre der Wunsch bereits erfüllt
in der Erinnerung an ihn.

Und Spanien ich sehe Dich
Du siehst aus wie eine alte Dame
wiedergeboren als hübsches Mädchen -
in jedem frohen Lächeln eine Weisheit,
die Schmerz und Verlust versteht.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Zuhause in Katalonian.

UND DENNOCH SIND SIE ZUHAUSE

Wie viele hocken, ungerne,
jäh entwurzelte Blumen,
Ameisen aus der Ferne,
Menschen beim Reinzoomen,
am ausgebombten Straßenrand,
im Schatten makaber grinsender Struktur
erschreckter Aus-bauten unter der Hand
des Krieges kalt abstrakter Architektur?

Und dennoch sind sie Zuhause.
Denn nicht Bauten alleine sind Heimat.
In Mitten des Krieges ist jede Pause
jedem Patriot, ob Soldat ob Diplomat,
gleich dem treuen Mutes neuen Frühling.
Gebrochen ist erst der Geist,
wenn er vom Kämpfer wurde zum Flüchtling,
der ein Fremder mitleidig willkommen heißt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WÄRE MEIN HERZ EIN HEMD

Wäre mein Herz ein Hemd,
aufknöpfbar wenn es warm wird -
Wäre mein Kopf ein Hut,
abnehmbar wenn er schwer wird -

Wären meine Wege Stiefel,
ausziehbar wenn sie weh tun -
Wären meine Gedanken Antennen,
einziehbar wenn sie sollen ruhn -

Wäre Krieg ein Film,
ausschaltbar wenn es einem reicht -
Und Einsamkeit ein Lebrbuch,
schwer bis man das Ende erreicht -

Dann wäre alles, was einst war
wie ein Traum, das niemals war -
Und es läge in unseren Händen
die Macht, unser Schicksal zu wenden.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH WEISS ES NICHT

Wie kann ein Mensch
so viele Menschen sein?
So viel am Kämpfen sein
mit sich Selbst?

Wie kann ein Jahr
so viele Jahreszeiten sein?
So viele Kalenderseiten sein
in einem Etat?

Wie kann das Weltmeer
So viele Meere sein?
So voll mit Leere sein
und mit Leben schwer?

Mit wie vielen Menschen bin ich verheiratet?
Wie viele Eltern hatte ich?
Mit wie vielen Liedern ist meine Gitarre besaitet?
Schon wie viele Leben hatte ich?

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRÄUMEN

Ich mag es -
ich sag es -
in der Nacht zu wachen
und dabei langsam aufzuwachen

Und wenn die Nacht genommen ist,
geritten ist und gekommen ist,
in den Tag, wie in einen Hafen,
wieder einzuschlafen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PIECES OF GROWTH

Time comes in pieces -
Pieces of days
Pieces of nights
Pieces of weeks, of months, of years

Eternity does not come all at once
Or we would not enjoy it

It comes in pieces of seconds
Of minutes
Of hours

Eternity comes in pieces of moments
Moments of depth and pain
Moments of joy and experiencing
Of learning and growing and gain.

- Che Chidi Chukwumerije

DANEBEN

Für wen gehe ich diesen Weg?
Denn ich habe das Gefühl,
ich gehe ihn nicht für mich.

Für wen stehe ich schräg?
Denn ich weiß ganz genau,
ich verliere dabei mein Gleichgewicht.

Für wen trage ich dieses Gepäck?
Denn nichts, was drin ist,
macht mich glücklich.

Wessen Gedanken habe ich gelesen?
Denn ich habe sie in meinem Kopf gesehen
aber sie gehören mir nicht.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EXKLUSIVITÄT

Die Sehnsucht danach, die einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach die einzige zu sein.

Das Sehnen sucht, verunsichert.
Das Suchen sehnt sich nach Sicherheit -
doch die Sicherheit wurde durchlöchert
durch das Bedürfnis nach Freiheit.
Denn die Freiheit wurde angereichert
durch den Drang zur Wahrhaftigkeit.

Wie kannst Du haben,
was Du nicht haben kannst?
Egal wie häufig Ihr zusammen
lacht und schweigt und tanzt.
Und Du musst die Sehnsucht tragen
mit ein bisschen Hoffnung und ein bisschen Angst.

Die Sehnsucht danach, der einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach der einzige zu sein.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNVOLLENDBARE GESPRÄCHE AUS DER VERGANGENHEIT

Wie viel Wahrheit kann ich vertragen
ohne zurück zu schlagen?
Wie viel Wahrheit bin ich bereit zu wagen?

Ist es besser, sich zurückzuhalten?
Das Herz ist nicht gebrochen. Es ist gespalten.
Sind Lügen leichter als Wahrheit auszuhalten?

Unvollendete Gespräche aus der Vergangenheit.
Wem würdest Du heute bei Gelegenheit
begegnen mit der selben alten Befangenheit?

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung