FREMDBLICKE

Die Augen der Welt
sie saugen Dein Selbstvertrauen -
Fremdblicke in Fremdenblicken
der Nacktheit. Mit Fremdschauen
kommt Fremdschämen des Selbsts;
stets nachschauend, ob sie zuschauen,
Du gibst denen zu viel Macht über Dich,
die Dir Deine Freiheit sehend verbauen -
sie strafen Dich mit Blicken, die Streife fahren
wie Polizisten plötzlich aus den Blauen
heraus, Dich im Scheinwerfergericht ihrer Augen
fangend, sie werfen den Schein auf und klauen
Dir - wenn Du es zulässt - Deine Einsicht,
Deine Zuversicht, ja, Dein Selbstvertrauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAMKEIT IST NICHTS

Einsamkeit ist nichts, was irgendeiner
kommt und Dir abnimmt oder lindert -
Sie ist die Sehnsucht in Dir nach Deiner
eigenen Persönlichkeit, die gehindert
ist an ihrer Entfaltung durch ungenügend
Selbst-konfrontation, -Wissen und -Akzeptanz,
tiefer als das innere Kind oder innere Jugend,
der Erwachsene muss kennen seine (Ir)Relevanz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDULDIG MIT ERLEBEN

Zu einem Menschen ohne Geduld
kannst Du nicht sagen Hab Geduld
Zu einem Menschen mit Angst
oder Wut
kannst Du nicht sagen Hab keine Angst
oder hab keine Wut

Was Du hast, hast Du
Was Du nicht hast, hast Du nicht
Nur durch Erleben lernst und wächst Du,
Durch Worte allein nicht.

Lass die Ungeduldigen ihre Ungeduld erleben
Lass die Ängstlichen ihre Angst erleben
Lass die Wütenden ihre Wut erleben -
Ohne Sichselbstsein kein wahres Erleben
Erleben und die Rückwirkung wieder erleben
Eine Schule ist das Erdenleben
Ohne Erleben kein Werden, kein Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

ZUSAMMENFAHREN

Sollen wir zusammenfahren? Der Sitzbezug
sieht aus wie ein brennender Wald, rot mit
Tigern und Palmen. Keine Distanz ist genug,
der Nebel am Zugfenster bleibt unser Limit.
Du musst meine, ich Deine, Aussicht sein
auf einer Empfindungsreise durch Innenwelten,
wo das Wahrsein mehr zählt als der Fahrschein
und nur natürliche Schöpfungsgesetze gelten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

SAGT ETWAS

Es gibt Blicke, sie sind grob, fest, physisch,
Sie fassen sich gegenseitig überall an.
Sie kleben förmlich aneinander siamesisch,
ziehen einander jeweils in des andern Bann.
Kein Wort moderiert die krude Intensität.
Schweigend, dieser Moment der Intimität.
Ein Mensch, der an der Bushaltestelle vorbei geht;
Ein anderer, der auf dem Bus wartend steht.
Jeder schaut den anderen verlangend an
und wird nie erfahren des andern Identität.
Hier kommt der Bus, der eine steigt ein -
Der andere geht weiter. Beide bleiben allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DIE VIELEN MENSCHEN IN DER STADT

Die vielen Menschen in der Stadt,
die täglich sich seelisch wappnen gegen
die vielen Menschen in der Stadt,
treffen in allen Ecken, auf allen ihren Wegen,
die vielen Menschen in der Stadt.
Dann ignorieren, irritieren, verletzen, erregen
die vielen Menschen in der Stadt
sich gegenseitig, ohne den Verdacht zu hegen,
die vielen Menschen in der Stadt:
dieses Sich-aneinander-Reiben ist ein Segen
für die vielen Menschen in der Stadt,
denn nur so können wir das Miteinander pflegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDLICHE EMPFINDUNGEN

Wenn der Abend, wie ein Riese,
uns mit großen Flügeln umarmt,
verdunkelt Straße, Wald, Wiese;
wenn Astraios sich unser erbarmt,
lässt ahnen die tiefen Paradiese,
denn unser Herz hat sich verarmt
an unserer Welt unendlicher Krise;

Wenn jeder Baum zum Wesen wird,
beobachtend den Oktoberabend, still,
und Schatten tanzen seltsam und wierd -
es fühlt sich an wie ist aber nicht April -
die Gedanken, die sich tagsüber herumgeirrt
haben, ahnen nun, was die Empfindung will,
kehren zu ihr zurück wie Schafe zum Hirt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄNDERUNG UND VERÄNDERUNG

Such nie den alten Freund
im neuen - Menschen verändern sich
von Tag zu Tag, auch Dein Freund,
selbst von Moment zu Moment unmerklich
wie das Wetter, ziehen gleich den Gezeiten
von Mond zu Mond nach einem Herzbeben
und wandeln im Geist der Jahreszeiten.
Ein Jahr ist eine lange Zeit im Leben
eines Menschen. Erwarte nie den selben
Menschen heute wie den, der gestern ging -
Suche nie den alten Freund in dem alten
neu erschienenen halb Freund halb Fremdling -
Ihr beide habt Euch verändert.
Aber, hat das die Freundschaft geändert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RADIO

Ich kann meine innere Stimme nicht hören
Das Radio läuft im Uber, Killing Me Softly
tötet mich laut. Ich will mich nicht empören
Die Musik verführt mich wie sanfte Schorle
Fahren ist schön, fahren lassen aber auch
Nehmen berauscht, nehmen lassen auch
Gesellschaft ist schön, aber Alleinsein auch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFER VERSTEHEN

Schmerz, Du tröstest mich,
da die Freude zu schwach war
um mich zu verstehen wirklich -
sie dachte, alles sei wunderbar.
Aber Du, Schmerz, bist tiefer,
Du kennst, verstehst, mich besser,
denn Du warst stets an meiner Seite
von Anfang an - und bis zum Ende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung