RÄTSEL: ANGST

Die Angst ist ein Rätsel.
Wer sie nicht hat,
kann sie schwer kriegen.
Wer sie hat,
kann sie schwer besiegen.
Eine unsichtbare Fessel.
Wie man sie bekommt,
das kann keiner wirklich sagen.
Warum kann der eine, und
der andere nicht, den Mut wagen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTBEDARF

Die Nacht hat einen großen Bedarf
Ich bin gefühlt ihr zweites Selbst
Sie will mich schlucken, ganz
Ich will sie überwinden wie Distanz
Sie ist gefüllt mein zweites Selbst
Voll mit allem, was ich nur nachts darf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VOLL MIT MOND

Vollmond über Torrelles de Llobregat
Der Abend wiegt schwer
und liegt leicht auf meiner Nacht,
wiegt schwer, weil der Mond,
ich beobachtete ihn, und schöpfte Verdacht,
der Mond, der Mond ist schwanger -
Und jeder, der heute Nacht Dichter spielt,
wird zu seinem treuen Handlanger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZWEI GESPRÄCHE

Hast Du schonmal zwei Menschen
reden gehört
und mit keinem Wort verrieten sie,
worüber sie wirklich redeten?

Hallo. Wir geht‘s Dir?
Lange Zeit. Danke, mir geht es gut.
Und Dir? Auch. Auch. Schön,
Dich mal wieder zu sehen. Ja…

Eine Umarmung… Sie gehen
ihre getrennten Wege wieder. Einst
waren sie beste Freunde, Liebhaber sogar,
aber das ist lange lange her.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALTE FREUNDE

Wie oft sah ich diesen Sonnenuntergang,
einen Freund meines Staunens
und meines Träumens,
meines Ruhigseins jeden Abend -
Er war umrahmt aber nicht mit Eichen und Tannen,
sondern mit Irokos und Palmen und
bildete den Hintergrund zu meiner Kindheit
am Äquator.

Nie hätte ich gedacht,
daß Jahrzehnte später eben er
mein Halt und mein Trost sein würde,
meine Orientierung hier oben im Norden -
Wo weder der nördliche Stern noch
die Nordlichter mir den Weg nach Hause
weisen konnten,

hast Du - schöner Sonnenuntergang -
mich zu mir zurück geführt,
umrahmt von Tannen und Eichen
und langsamer geworden
aber Du bist es noch. Du bist es noch.
Kinder erkennen immer ihre Freunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE DIESER NÄCHTE

Ohne einander können wir
nicht mit einander.
Komm schon, bring mich durcheinander
So viel Gegenwart können wir uns gönnen.

Selbst den Anfang des Universums können
wir heute noch sehen,
wusstest Du das? Der Gegenwart stehen
Vergangenheit und Zukunft machtlos gegenüber.

Bring mir Deine Augen, die trüber und trüber
und täglich trüber werden. Schau her,
Liebe ist ein Zündstoff, brennend seit jeher,
als wäre das Herz ein ausziehbares Fernrohr –

Wusstest Du das, Funke, wusstest Du das?
Nur die sich innig binden, werden gelöst.
Nur die ehrlich sündigen, werden erlöst.
Unfassbar. Mein Boden hat kein Faß.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GETRENNT

Es ist vorbei -
Warte nicht darauf, daß er anrufen wird.
Es wird keine Nachricht kommen,
die das Herz berührt.

Sehne die Vergangenheit nicht herbei -
Sie ist in der Gegenwart nicht willkommen.
Nichts ist merkwürdiger als Veränderung,
in ihrer Unumkehrbarkeit vollkommen.

Die Wege haben sich getrennt,
die Vorhänge sind zu gefallen -
Du siehst keine Statusmeldungen mehr;
die würden Dir auch nicht gefallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INNERER FRIEDEN, TIEFER ALS GEDANKEN

Schwerbeladen sank und hing der Kopf,
vollgestopft und beschäftigt mit des Tages Zoff,
ein brodelnder, köchelnder, zugedeckter Topf.

Die Seele, aus leichterem, feinerem Stoff,
ignorierte ihn, trank von alledem keinen Tropf,
weder von Gedanken schräg noch Gefühlen schroff.

Sondern sie suchte den Geist, zart - klopf klopf:
In der Empfindung wohnt alles, was ich mir erhoff -
Öffne Dein Inneres Ge-Wand. Dein Herz ist ein Knopf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDWEIN

Deine Worte schmecken mir heute Abend
wie der Rotwein, der sie ausgelöst hat,
und der - noch schöner - meine Ohren
geküsst, aufgeweicht und geöffnet hat.

Ohren in Zungen küssen Zungen in Ohren, labend.
Wein und Blut und Fleisch, rot findet statt.
Wanderlustige Worte tun fließend hineinbohren
in das, was der Abendwein geöffnet hat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOMMERANFANG

Sommeranfang
Freudenschaum
Impulsandrang
Blütentraum
Farbengesang
Erlebnisbaum
Wonnenaufgang
Hemmungen kaum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung