DER SEHR NAHE OSTEN

Die Bomben verplomben!
Aber wer kann Hassen lassen?
Der Osten ist haut Nah
Er teilt uns wie ein Keil
Unheilbar?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUKUNFT TEILEN

Die Sammelbeschwerde
gebleichter Knochen
schreiend im Leib der Erde
warnend ununterbrochen…

stumm ungehört, ungeachtet
ein Schweigen mit Gewicht
ideologisch ausgeschlachtet
Totenköpfe grinsen nicht

Nie gelänge es einer Religion
diese kleine Welt zu regieren -
Freier Wille bedeutet Rebellion
Wann werden sie es kapieren?

Leben und leben lassen
Vergangenheit und Zukunft teilen
Knochen können nicht mehr hassen,
verkalkte Reue, unfähig zu heilen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE LANGE EINE WUNDE BRAUCHT

Jedes Mal vergesse ich, wie lang
eine Wunde braucht um zu heilen.
Dann wird wieder eine neue Wunde
in meine Seele gepflanzt - klein am Anfang,
dann fängt sie an, sich zu teilen,
zu vermehren von Stunde zu Stunde

Über Tage, Wochen, Monate, Jahre
wächst sie wie eine Pflanze. Wunden blühen
bis irgendwann die Früchte fallen…
Erst dann beginnt die Heilung, die wahre.
Bis dann werde ich mich bemühen,
Dir zu verzeihen, mich mir wieder zu gefallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

BEVOR ICH IN DIE NACHT HINEIN GEHE

Bevor ich in die Nacht hineingehe
Weile ich noch einen Moment in dem Tag
Bei meinem zweiten Selbst
Bei diesem Ich, das die Welt kennt
Und doch nicht durchschaut.
Was ist der Mensch, wenn nicht eine Hülle?
Der Inhalt ist unsichtbar.

Bevor ich in die Nacht hineingehe,
In das Unsichtbare,
Bewertet und verinnerlicht mein inneres Selbst
Die Erlebnisse, die Erkenntnisse, meiner Hülle.

<em>Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

WUNDEN BRAUCHEN ZEIT

Ich sah heute einen Mann in Schmerzen
Und bei allem Tröstenden, das ich sprach,
Nahm er es auch Trost suchend zu Herzen,
Ließ sein Leiden trotzdem nicht nach.

Wunden, wie alle anderen Lebewesen,
Brauchen und wollen ihre Zeit voll haben.
Kein Mensch, niemals, kann früher genesen
Als die Frist die ihm seine Wunden gaben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR HINTERLASSEN IMMER SPUREN

Ich sitze hier jetzt seit einer Weile
und versuche mein Herz zu verstehen
Es malt viele Bilder, langsam, ohne Eile
und dennoch mehr als ich je gesehen
aber heute ist nichts besonderes geschehen

Ich sprach wie immer mit etlichen Fremden
und sah dabei in unzählige Augen
in Blicken gefangen wie Körper in Hemden
die schützen wollen doch nur dazu taugen
gegenseitig zu suchen, zu flehen, zu saugen.

Und lang nach dem ich wieder alleine bin
lebt noch ein Teil von jedem in mir -
Begegnungen tief sind des Lebens Sinn
Ob kurz oder lang ich öffne mich DIR
Jedes Ich ist ein Teil von unserem großen Wir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEHR IN DIR

Komm zu mir
Ich öffne Dich Dir
Nicht mir
Du bist Dir das größere Geheimnis
Das wichtigere

Du musst es nur zulassen
Folgen, wenn ich Dich führe
Du wirst Dich neu begreifen und fassen
Wenn ich Dich innerlich berühre.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

COMMUNITY

Community
Weil wir sonst noch unsichtbarer werden
Community
Weil wir sonst noch ungeschützter sind
Community
Weil wir sonst noch einsamer werden
Community
Weil wir eh bereits eine sind.

Wir sprechen die selbe Sprache in allen Sprachen
Und alle Sprachen in der selben Sprache
Wir verstehen das Unausgesprochene
Und sprechen das Unverstandene aus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH SAH EINEN RUHIGEN TAG HEUTE

Ich sah einen ruhigen Tag heute
Er kam in der Früh zu mir
Und sagte kein Wort
Blieb nur ruhig bei mir bis heute Abend
Und, so sachte wie er kam, ging er auch…

In seiner Nähe spürte ich mich
In seinem Schweigen hörte ich mich
In seiner Sanftheit fand ich meine Härte
Meinen Mut und meine Stärke
Und seine Ruhe beruhigte mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BRÜDERLEIN

Heute ist wieder der Tag
die Welt nicht zu hören
denn ich will Dich wieder hören
so wie an unserem letzten Tag

Ernster wie sonst war Deine Stimme
kurz Dein Lächeln
Ich schenkte Dir zurück meines Herzens Lächeln
doch warum verlor ich meine Stimme?

Ich wollte Dich bitten nicht zu gehen
Ich wollte Dich bitten aufzupassen
Doch, Er wird schon auf sich aufpassen,
sagte ich mir und ließ Dich gehen

Und bis heute warte ich.
Du bist ein Adler, ein Sucher, ein Finder
Ein Reisender, ein Mensch, ein Empfinder
und hoffnungsvoll warte ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung