STILL BEOBACHTENDE BÄUME

Ich ging im Walde
und fragte mich
ob die Bäume
uns unterscheiden farblich

Sehen die Bäume
es uns an
ob wir hier stammen
oder aus fernem Land?

Reden sie mit uns
in einheimischer Sprache
die nur jene verstehen,
die halten Wache?

Oder sind sie uns allen
gleichermaßen fremd,
während wir Körper tauschen
als wäre Fleisch ein Hemd?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAUSBLUMEN

Strauß
wo Du bist
bin ich Zuhaus

Denn die Hände
die Dich gemacht haben
sind die Wände

die mich schützen
Sind die Wände
die mich stützen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRÜH AUF DER AUTOBAHN

Bist du blauer, Himmel?
oder bist du es, Autobahn?
Ihr müsst Euch endlich küssen
wo keiner Euch sieht
nicht mal ihr Euch selbst

aber schnell

bald steigt die Morgensonne
und sie verrät all eure Gedanken
wie Bäume am Straßenrand

und enthüllt die Wolken in euren Augen
und die lauten Autos,
wie viel zu viele fremde Worte
in eurem Schweigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BERGWASSERFALL

Kaskadierend
schlendert das Wasser
die Felsmauer langsam herunter
und ich wusste, so sehen Tränen aus,
wenn ein Berg leise zu sich weint.

Und warum sollte er nicht weinen?
Da thront er, ummantelt von der Einsamkeit –
Die Menschen kommen und gehen
Die Bäume kommen und gehen
Die Vögel kommen und gehen

Doch der Berg steht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEUTSCHER FRÜHLING

Ich rieche im Anflug den deutschen Frühling
Er riecht wie eine Erinnerung an etwas, was noch nicht geschah
Ein bißchen wie das Dejavu, wenn der Tag das bringt
was in der Nacht im Traum bereits geschah.

Ich höre im Anmarsch den deutschen Frühling
Ich meine nicht die Vögel, deren Namen ich nicht kenne
Ich höre den ungeduldigen Ton beim Reden und Lachen
Ich höre die Ungeduld in den Schritten, als würden alle rennen.

Ich sehe in jedem Augen-Blick den deutschen Frühling
Ein Erwachen der Einsicht in eine neue Erkenntnis
Deutschland als Deutschsein erfindet sich neu, ständig
Und ist mehr als die Summe bisheriger Erkenntnisse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURZER REGEN

Die Wolken waren meine Gedanken
die ich von Dir fern hielt
doch wenn ich weine, rühren sie Dich

Aber nur kurz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAUZIEHEN

Der Winter taut sporadisch
wie ein verrückter Mann im Selbstgespräch mit seinen Träumen
Und weiß nicht, ob vor oder zurück –

Opportunistisch hockt der Frühling
im Hintergrund und wartet …
Atemzug um Atemzug wartet er
auf seine Gelegenheit, zu zu schlagen

Hin und her taumelt die Welt
zwischen Kampf und Versöhnung
zwischen Akzeptanz und Ablehnung
Zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUFGEWÜHLT

Heute bin ich müde
und kann nicht schlafen –
Gestern schlief ich
und war nicht müde.

Heute bin ich reifer
und brauche die Kindlichkeit
Gestern war ich ein Kind
und brauchte mehr Reife

Heute habe ich Essen
doch ich bin nicht mehr hungrig
Jetzt habe ich Durst
denn ich verbrenne innerlich.

Doch ich bin nicht allein
Auch der Planet ist aufgewühlt
und Flüchtlinge irren herum
und die Politik ist verunsichert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUB

Ich sehe die Blätter –
Sie ruhen auf dem Boden.
Der Baum, erleichtert,
atmet frei…

Wie gern würde auch ich
alles fallen lassen…
Als wäre ich der Herbst
meines eigenen Lebens.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung