SAHARA

Die Wüste grüßte uns
bereits kurz hinter der Küste
nackt und schutzlos ausgebreitet
und doch keinen Schutz benötigend.
Einst blühte sie, ein Garten fruchtbarer Gelüste
und schien endlos zu sein,
zeitlos zu gedeihen –
ach!, wenn sie nur wüsste!
Jede Blume, einst, muß welken.
Da liegt sie jetzt, steinig, sandig, staubig,
die Gedanken des Nachdenkers spiegelnd,
der Lauf der Zeit, Grab der Geheimnisse,
Anfang und Ende, eine Wüste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MOND

Eine Wölfin -
Warum streift sie allein durch den Wald?
Weiß sie nicht, ich komme bald?
Hörst Du sie heulen, redend mit sich
Tröste sie nicht, das mache ich
Berühre sie nicht, sonst beißt sie Dich.
Die Wölfin in Deinem Wald
Sie heult für mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HINTERLASSENE GEDANKEN AM MEER

Bevor die Menschen kamen
wohnte das Schweigen hier
verschönert durch den Vogelsang
und das blaugrüne Meer…
- der Strand war nicht leer

denn ich traf Gedanken hier
die Andere schon vorher dachten
die vor mir auf dieser Bank saßen
und weinten und lachten…
- sie wollten die See beobachten

doch blickten sie in die eigene Seele
und sahen dadrinnen viel Meer
viel Leichtes, viel Schweres
und hinterließen starke Emotionen hier..
die auf Andere wirken werden immermehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ENDE

Der merkwürdigste, sonderbarste Teil
eines Gedichts ist jedes Mal sein Ende.
Eine Empfindung, die wie ein leiser Pfeil
mich ruhig durchdringt wie jene Abende,
an denen sinnend sitzend am Fenster daheim
ich dem Schweigen lausche - es spricht Bände
und wird meinem Herzen den schönsten Reim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SÄEN UND WARTEN

Guten Morgen
feuchter, benebelter,
Traum betrunkener Tag -
Alle Samen,
die ich, Beseelter,
heute zu säen mag,

werden ungestört
tief in die lautlose Erde
des weichen Herzens dringen,
unmerklich, um dort
zu warten, bis Licht es werde
morgen und Früchte bringen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN DER WEITE

In der Weite
eine Bergspitze
wolkenumschlungen

So entfernt, so entrückt
sie mir scheint, ist sie trotzdem
irgendjemandem Zuhause

Vielleicht einem Vogel
vielleicht jenen Wolken
vielleicht einem Wesenhaften

Vielleicht diesem Gedicht,
diesem Gedanken, dieser
Sehnsucht in mir nach der Weite.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MAIFEIER

Riesen steigen nieder -
Ein Geräusch feiner Gefieder
melodischer als Lieder…
Ende Mai ist es wieder.

Zauber, von weit weit her,
Wunderkraft, Lebenselixier,
bringt Erneuerung zu Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE BLUMEN

Deine Blumen blühen schon lange
und blühen schon lange als Dauergäste
im Garten meiner ältesten Empfindung.
Ein Baum hat Arme, wir nennen sie Äste
und sie tragen viele Umarmungen,
wir nennen sie Blumen, und als eine Geste
ihrer Reinheit streicheln sie uns äußerlich
nur zart, und drücken dabei innerlich feste.
So sind Deine Blumen drinnen mein zartes
Herz und draußen meine kugelsichere Weste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

APRILMORGEN

Die Sonne scheint
aber die Luft ist eiskalt.
Der Wolken Teint
hat den azuren Himmel bemalt
mit weiß, grau und dunkelgrau.
In grüner Gestalt
stellt sich der Wald zur Schau,
mit hier und da buntem Blumengehalt.
Nur Tiere fehlen irgendwie.
Eine schlichte Einfalt,
eine zarte strenge Harmonie,
durchdringt der Natur Gewalt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE VERLORENE TIEFE

Wann haben wir uns verloren,
unser Herz, unsere Weichheit,
die Natur, in der wir geboren
wurden, altmodische Weisheit?
Wann sind wir so fortgeschritten
geworden und innerlich zerstritten?

Einfache Lieder befriedigten uns,
ehrliche Worte genügten uns,
im Kern unseres Denkens und Tuns
waren Werte. Sie beschützten uns
lange vor diesem modernen Unding,
das wir ohne sie heute geworden sind.

Wer die Vergangenheit verloren hat,
der kann sie sich nicht mehr vorstellen -
begreift nicht mehr die märchenhafte Tat
ohne ihren Sinn modern zu entstellen.
Es war einmal eine bessere Menschheit,
eine Zukunft vergessen in Vergangenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung