NGODO

Ich erinnere mich daran
Wie lebendig die Nacht war
Je dunkler sie wurde
Das Dorf war ein tausend Geister
Mein Vater war ihr Meister in meiner Fantasie
Meine Mutter ihre Seele
Sie sprachen mit mir ununterbrochen
Du bist ein atmendes Wesen, sagte ich zu der Nacht,
Aber da ich noch ein Kind war, sagte ich es nicht, 
Ich wusste es einfach
Wir unterhielten uns bis die Sonne aufging
Bis das Dorf ihrer Magie ein Gesicht wieder gab
Und ich wusste, ich wohne in der Stadt, in Lagos,
Aber nur hier, in diesem Dorf, Ngodo,
Bin ich Zuhause.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEVOR ICH IN DIE NACHT HINEIN GEHE

Bevor ich in die Nacht hineingehe
Weile ich noch einen Moment in dem Tag
Bei meinem zweiten Selbst
Bei diesem Ich, das die Welt kennt
Und doch nicht durchschaut.
Was ist der Mensch, wenn nicht eine Hülle?
Der Inhalt ist unsichtbar.

Bevor ich in die Nacht hineingehe,
In das Unsichtbare,
Bewertet und verinnerlicht mein inneres Selbst
Die Erlebnisse, die Erkenntnisse, meiner Hülle.

<em>Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

NEUER WEG

Viele Wege kreuzen mich
Gleichzeitig
Als stammen sie alle von mir
Ursprünglich
Sie führen aber nicht alle zu mir
Letztendlich
Denn ich veränderte mich
Zwischenzeitlich.

Ich erkenne sie alle
Aber ich kenne sie nicht mehr alle
Ich kenne nur mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTBESTIMMUNG

Du kannst mir nicht sagen
Wie ich heiße.
Wenn Du das nicht weißt
Dann weißt Du erst recht nicht
Wie ich heiße

Denn wie kannst Du wissen
Wie ich heiße
Wenn Du nicht weißt
Wer ich bin
Was ich bin

Wo ich gerade bin auf meiner Reise
Und warum?
Vor allem weißt Du nicht
Wie ich es bis hierher schaffte
Und warum ich nicht mehr zu stoppen bin

Auch nicht durch die Begrenzung
Einer fremdbestimmten Bezeichnung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIESELBEN GEDANKEN

Du siehst anders aus als alle anderen
Läufst in der Menge mit allen anderen
Denkst die selben Gedanken wie alle anderen
Was bist Du?

Deine Tausend Hintergründe lenken ab
Von dem Wesentlichen im Vordergrund
Du Mensch unter Mitmenschen, gleichartig -
Das bist Du.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER STURM KOMMT

Es wird dunkel
Dunkler als je es war
Es wird gemunkelt
Der Sturm kommt

Festigt Eure Wurzeln
Und Dach und Fenster und Tür
Wahre gute Eures Herzens Schlüssel
Der Sturm kommt

Er kommt
Geblendet durch seinen Blutrausch
Er kommt

Entfacht Eures Mutes Funke
Bereitet Euch für den langen Kampf -
Es ist die Stunde des Dunkels
Die Stunde seines Niedergangs.

Der Sturm des Guten, er kommt auch!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWARZER MANN

Schwarz, nach dem Ebenbild meines Vaters,
Nicht im Sinne Deiner Vorstellung.
Mann, nach dem Ebenbild meines Vaters,
Nicht Gemäß Deiner Einstellung.
Selbstschützend, mit der Tiefe meiner Eltern,
Ich gebe mich nie zur Ausstellung.
Wenn das hier nicht passt, dann passt es nicht.
Mein Herz ist ebenso afrikanisch wie mein Gesicht.
Und mein Kern ist von Urbeginn an voll vermenschlicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESPRÄCHIG

Wenn ich meine Selbstgespräche dazu zähle,
Bin ich gar nicht so schweigsam wie Ihr sagt;
Es wohnen mehr Menschen in meiner Seele
Als alle Eure Fragen gefragt und ungefragt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUE BLÄTTER

Schulter an Schulter
stehen die Bäume
während sie ihren Weg gehen
durch die saisonalen Zeiträume

Und alle Menschen
die an ihnen vorbei gehen
Wie schnell hören sie auf,
wir auf, zu bestehen?

Die Gesellschaft wandelt
doch ihre Wurzeln bleiben bestehen
Die Gesellschaft bleibt unverändert
doch neue Blätter kommen und gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEI KAFFEE UND KUCHEN

Ich kann während eines Gesprächs mit Dir
Tausendmal meine tiefsten Innenorte besuchen -
Dabei sprachen wir äußerlich über das Wetter
Lobten den Kaffee und kritisierten den Kuchen.

Und auch Du machst das - leugne es nicht.
Unmerklich tauchst Du in Dir ständig ab und auf
Immer und immer und immer wieder
Und erzählst nebenbei vom gestrigen Auflauf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung